Augentröster   

Filme von Franz Indra

4:44 Last Day on Earth

Sie können diese Filmkritik unbesorgt lesen, ich werde keine entscheidenden Geheimnisse der Handlung verraten.

Das Ende der Welt ist immer nahe, erst recht im Kino. Zur Zeit besonders beliebt sind Filme im Zeichen der Erwartung der baldigen Apokalypse, und sie alle haben das Pech, das der überwältigende Melancholia zuerst da war. Die Erinnerung daran ist noch zu frisch, und den Vergleich konnte bislang keiner gewinnen.

Dazu kommt in diesem Fall noch, daß der in seiner Qualität ziemlich schwankende Abel Ferrara leider keinen guten Tag erwischt hat, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. 4:44 Last Day on Earth bleibt über weite Strecken kraftlos. Daß ein solcher Film kein lockerer Spaß wird, ist klar, aber dafür muß er dann schon mehr bieten als grimmiges Selbstmitleid und ein paar Platitüden. Das ist schade, denn das Potentiel wäre da gewesen. Ein Künstler-Pärchen verkriecht sich in seine New Yorker Wohnung, um den letzten Tag der Welt voller Hoffnung und Verzweifeln, in Freude und Leid zu verbringen. Immer mit dabei sind Laptop und Handy, Skype und Chat. Ein Kammerspiel 2.0 sozusagen.

Der Regisseur griff für die sicher sehr intensive Arbeit auf zwei Schauspieler zurück, mit denen er schon mehrfach zusammen gearbeitet hat: den stets experimentierfreudigen Willem Dafoe und die deutlich jüngere Shanyn Leigh, die zeitweise Ferraras Freundin war und in seinen letzten Filmen immer von ihm besetzt worden ist. Sie bewegen sich durch einen anscheinend großteils improvisierten Film, dem klare Ideen und Ziele fehlen, so daß viele Dialoge im Beliebigen versanden. Auch wirkt manche Szene ungeschickt choreographiert, wenn etwa während eines wilden Streit das Notebook so lange in die Kamera gehalten werden muß, bis auf dem Monitor das gewünscht Bild zu sehen ist. Ferrara verzichtet dankenswerterweise fast komplett auf visuelle Effekte; die wenigen gegen Ende sind dann aber auch nicht weiter bemerkenswert.

Der Wurm steckt schon in der Grundkonstruktion: Die Wissenschaft sagt den Weltuntergang voraus – auf die Minute genau! Was soll das? Damit verliert die Geschichte ihren Bezug zur Wirklichkeit, rational wie spirituell. Wie Menschen auf ein so theoretisches Konstrukt reagieren, ist müßig. Vielleicht hat Abel Ferrara gefürchtet, daß sich im Zeitalter der Tea Party niemand auf seinen Film einläßt, wenn er etwas deutlicher wird. Gut gemeint auf amerikanisch bedeutet dann, daß jemand in den Fernseh-Nachrichten sagt: „Al Gore hatte recht.“

Meine IMDb-Bewertung: ***** (5 von 10)

4:44 Last Day on Earth, USA/Schweiz/Frankreich, 2011, 85 min.

Drehbuch und Regie: Abel Ferrara

Kamera: Ken Kelsch

Darsteller: Willem Dafoe, Shanyn Leigh

© 2017 by Franz Indra