Augentröster   

Filme von Franz Indra

A Liar’s Autobiography

Sie können diese Filmkritik unbesorgt lesen, ich werde keine entscheidenden Geheimnisse der Handlung verraten.

„Graham Chapman, co-author of the Parrot Sketch, is no more. He has ceased to be, bereft of life, he rests in peace, he has kicked the bucket, hopped the twig, bit the dust, snuffed it…“ Mit diesen Worten begann John Cleese seine Grabrede für Graham Chapman (womit er unfreiwillig auch seine eigene Eitelkeit preisgab, indem er ihn nur Co-Autor nennen konnte), wenig später erüllte er ihm den – vermuteten – letzten Wunsch, bei einer Beerdigung „fuck“ zu sagen.

Wenn der Film gegen Ende diese Szene erreicht, erscheint einem daran nichts mehr ungewöhnlich nach dem Feuerwerk an Absurdität, das man zuvor erlebt hat. Irgendwann erzählt Chapman recht unvermittelt, wie aufgebracht seine Eltern nach seiner Geburt waren, weil sie einen heterosexuellen schwarzen Juden erwartet hatten. Graham Chapman war der aggressivste Komiker bei Monty Python (und damit wohl weltweit), das berühmte Ministerium für alberne Gangarten hatte er ursprünglich als Ministerium für Zorn angelegt. Die Verfilmung seiner gleichnamigen (es wurde nur auf den Zusatz „Kapitel VI“ verzichtet) Autobiographie  gliedert sein Leben in einzelne Kapitel, die allesamt in jeweils ganz eigenem Stil animiert sind – einmal natürlich mit ausgeschnittenen Fotos wie im Flying Circus. (Nur die 3D-Fassung stört wie üblich, die nun erschienene DVD kommt ohne sie aus.)

Bill Jones, Sohn von Terry Jones, und Ben Timlett haben bei ihrer Fernseh-Kurzserie Monty Python: Almost the Truth – Lawyers Cut 2009 wohl geübt für den großen Wurf, den sie nun abliefern. Das Ergebnis ist eher etwas für Spezialisten. Auf altbekannte Sketche und Anekdoten wird fast komplett verzichtet, manche Szenen bleiben ohne gute Vorkenntnise recht unverständlich – etwa, daß die Pythons anfangs darüber diskutierten, ihre Serie Owl Stretching Time zu nennen. Auch die Betonung auf Chapmans hedonistisch ausgelebter Homosexualität, seinem Kettenrauchen und schwerem Alkoholismus dürfte bei „Softcore-Fans“ nicht so gut ankommen.

Daß der Film die üblichen Erwartungen unterwandert, eben keine braven Sentimentalitäten und (heutzutage) sichere Lacher abliefert, macht ihn freilich so sehenswert. Als Glücksfall erweist sich, daß Ton-Aufnahmen von Lesungen Chapmans aus seinem Buch existieren. So hört man die meiste Zeit ihn selbst aus dem Off, neben David Sherlock, seinem langjährigen Lebensgefährten. Die restlichen Pythons, auch Carol Cleveland, übernehmen in altbekannter Manier vielerlei verschiedene Rollen, um Chapmans Eltern, Bekannte und allerlei Prominente zu sprechen. Für einen kurzen Moment taucht sogar Cameron Diaz als Sigmund Freud auf. Dieses Werk ist ein kleines Juwel unter den Film-Biographien der letzten Jahre.

Meine IMDb-Bewertung: ******** (8 von 10)

A Liar’s Autobiography: The Untrue Story of Monty Python’s Graham Chapman, Großbritannien, 2012, 85 min.
Regie: Bill Jones, Jeff Simpson und Ben Timlett
Drehbuch: nach der Autobiographie A Liar’s Autobiography: Volume VI von Graham Chapman und David Sherlock
Kamera:
Darsteller: Graham Chapman, Philip Bulcock, John Cleese, Carol Cleveland, Cameron Diaz, Terry Gilliam, Terry Jones, Michael Palin

© 2017 by Franz Indra