Augentröster   

Filme von Franz Indra

A Single Shot

Sie können diese Filmkritik unbesorgt lesen, ich werde keine entscheidenden Geheimnisse der Handlung verraten.

Ein Mann geht im Wald auf die Jagd, schießt auf ein Reh, trifft stattdessen eine junge Frau, sie stirbt sofort. Bei ihr findet er eine Tasche voller Geld. Ab da geht es bergab.

Spätestens seit Drive ist in Hollywood ein Noir-Revival in vollem Gange, mit besonderem Augenmerk auf den Appalachen, siehe Killer Joe und vor allem natürlich Winter’s Bone. Die Landschaft und die Menschen darin haben nichts mit dem 21. Jahrhundert und modernen westlichen Werten zu tun, sie wirken wie ein Blick in die Vergangenheit, außerhalb der Zivilisation – der Wilde Westen, nur mit besseren Waffen, Pick-Ups und Handys. Eine ganze Gesellschaft versinkt in Armut und billigen Drogen, der Urlaub auf Hawaii (quasi dem Gegenpol innerhalb der USA) bleibt ein ferner Traum.

Gedreht wurde aus Kostengründen in Vancouver, was man aber nicht merkt. Die Schauspieler sprechen so hingebungsvoll den gewünschten Slang, daß das Publikum in London bei Test-Screenings tatsächlich Untertitel brauchte. Laut Regisseur handelt es sich bei A Single Shot um einen Independent-Film, in Europa wäre er eine Großproduktion.

Die Handlung erfüllt die Genre-Erwartungen, die Atmosphäre stimmt, das Bild ist schon fast zu dunkel. Matthew F. Jones, der vor 17 Jahren den zugrunde liegenden Roman schrieb, hängt sich bei seiner Drehbuch-Adaption aber leider allzu sehr an der Plot-Konstruktion auf. Die Musik übertreibt ihre Dramatik manchmal so weit, daß sie albern wirkt, und auch bei der Bildsprache gehen der Symbolik manchmal die Pferde durch – dann ist sie wieder großartig. Schade, aus dem sehenswerten hätte ein bemerkenswerter Film werden können.

Meine IMDb-Bewertung: ******* (7 von 10)

A Single Shot, USA/Kanada/Großbritannien, 2013, 116 min.

Regie: David M. Rosenthal

Drehbuch: Matthew F. Jones nach seinem gleichnamigen Roman

Kamera: Eduard Grau

Darsteller: Sam Rockwell, Jeffrey Wright, Kelly Reilly, William H. Macy

© 2017 by Franz Indra