Augentröster   

Filme von Franz Indra

Alois Nebel

Sie können diese Filmkritik unbesorgt lesen, ich werde keine entscheidenden Geheimnisse der Handlung verraten.

Einer der schönsten Momente für einen Kinogänger ist es, wenn man schon nach wenigen Minuten weiß, daß man sich gerade einen großen Film ansieht. Für ein solches Erlebnis sorgt Alois Nebel, wenn in der Anfangsszene ein Mann mit einem Beil in der Hand durch einen nächtlichen Wald huscht, im Anschluß ein Zug auf die Kamera zufährt und eine Stimme aus dem Off Stationen aufzählt. Trocken nacherzählt klingt das nicht besonders beeindruckend, aber als Zuschauer ist man bereits gebannt.

Ein einzelgängerischer Stationsvorsteher wird von Visionen heimgesucht, er trägt den sprechenden Namen Alois Nebel (oder „Nääbl“, wie es im Original ausgesprochen wird). Verdrängte Erlebnisse aus seiner Kindheit wie der des ganzen Landes schieben sich an die Oberfläche, eine Schuld liegt über allen, die niemals ausgesprochen werden darf. Die hilflosen bis verbitterten Heilungsversuche werden harsch sanktioniert und sind doch unaufhaltsam. Wer zu spät kommt…

Ein genauer Blick wird hier auf die Menschen geworfen, im Guten wie im Schlechten, und wie manche Charakterzüge unverändert überdauern, vom Faschismus über den Sozialismus bis in die Demokratie, mit deren Aufbruch der Film endet. Die Atmosphäre ist unglaublich dicht, eine große Stille liegt über all den inneren Kämpfen. Und ruhige Sätze klingen sowieso am bedrohlichsten: „Ihr fragt nicht richtig. Ihr müßt nett fragen. Wir haben immer nett gefragt und immer Antworten bekommen.“

Jaromír Svejdík und Jaroslav Rudis haben als Drehbuchautoren ihre eigene Comic-Vorlage in einen Animationsfilm mit ebenso hartem schwarz/weiß, ebenso kantigen Gesichtern übersetzt. Allerdings filmte der Regisseur Tomás Lunák reale Schauspieler und wandelte die Aufnahmen per Rotoscope um, um nicht die Original-Bilder einfach nachzuzeichnen. Selten sieht man Licht im Zeichentrick so gekonnt eingesetzt wie hier.

Der Film wurde in Tschechien zum Überraschungserfolg, obwohl er einen Blick auf die tschechisch-deutschen Beziehungen wirft, der lange verpönt war. Inzwischen scheint die Zeit dafür reif zu sein, die tschechische Gesellschaft nutzt die vor zwei Jahrzehnten gewonnen Freiheit, um mutiger und ehrlicher zu werden. Es ist zu hoffen, daß auch in Deutschland so mancher diesen Film sehen möge, um daraus zu lernen, sich selbst zu hinterfragen.

Alois Nebel ist, darf man es sagen?, kafkaesk. Im Kino gewesen. Gefreut.

Meine IMDb-Bewertung: ******** (8 von 10)

Alois Nebel, Tschechien/Deutschland, 2011, 84 min.

Regie: Tomás Lunák

Drehbuch: Jaromír Svejdík und Jaroslav Rudis nach ihrem gleichnamigen Comic

Kamera: Baset Jan Strítezský

Darsteller: Miroslav Krobot, Marie Ludvíková, Leos Noha, Karel Roden

© 2017 by Franz Indra