Augentröster   

Filme von Franz Indra

Attenberg

Sie können diese Filmkritik unbesorgt lesen, ich werde keine entscheidenden Geheimnisse der Handlung verraten.

AT – TEN – BERG. Ein schönes Wort, es zergeht langsam auf der Zunge, jede Silbe bietet sich zur Betonung an. Natürlich könnte Marina den Namen des bekannten britischen Tierfilmers auch für andere verständlich aussprechen, aber sie lebt lieber in ihrer eigenen Welt.

Genauer gesagt weigert sich die Anfang Zwanzig-Jährige erwachsen zu werden, und dazu gehören das Festhalten an kindlicher Geheimsprache und Albereien, der Verzicht auf jegliche persönliche Entwicklung, sogar Sex. Einzig den Zwang, Geld verdienen zu müssen, hat sie akzeptiert und sich dafür die ebenso simple wie ungewöhnliche Arbeit als Chauffeur ausgesucht. Die kleine griechische Insel zu verlassen, auf der sie geboren wurde, ist unvorstellbar.

Nur zu ihrem Vater und zu ihrer Jugendfreundin Bella pflegt Marina Beziehungen, letztere fast schon symbiotisch. Daß Bella ein normales Leben führt und sich mit Männern einläßt, bleibt Marina freilich unheimlich, mehrmals nennt sie ihre Freundin deshalb eine Hure. Trotzdem verstehen sie sich noch blind wie in Kindheitstagen, spucken nachts vom Balkon auf das malerische Küstendorf, das aussieht wie auf einer Touristen-Postkarte, und wenn sie Gitarre spielen und singen, dann natürlich mit verstellter Stimme zu einem einzigen, monoton wiederholten Akkord.

Die Kommunikation mit dem Vater funktioniert ebenfalls (und läuft ähnlich ab), auch wenn er sich Sorgen um seine Tochter macht. Da er bereits im Krankenhaus liegt und bald sterben wird, versucht er, sie etwas lebenstauglicher zu machen. Er zwingt sie, seine Beerdigung vorzubereiten. (Gar nicht so einfach, da er verbrannt werden möchte, was im noch sehr religiös geprägten Griechenland offensichtlich nicht möglich ist.) Ja, er möchte sogar, daß sie sich einen Freund sucht. Marina geht dabei wie zu erwarten recht unbeholfen vor.

Es wird keine große Entwicklung geben, die Handlung bleibt marginal, das Ende sehr offen. Das ist als Absicht erkennbar und in diesem Fall auch zu begrüßen. Vieles an diesem versponnenen Film bleibt jedoch hermetisch, eine Ansammlung skurriler Szenen, zwischen denen Marina und Bella im Partner-Look immer wieder etwas unmotiviert und deutlich erkennbar Monty Pythons alberne Gangarten durchexerzieren. Die Regisseurin Athina Tsangari ist offensichtlich eine Geistesverwandte von Giorgos Lanthimos, dessen Filme Dogtooth und Alps sie produziert hat und der in Attenberg Marinas Versuchsobjekt sexueller Erfahrungen spielt – auch bei ihm weiß man nicht so recht, wie er zu seinen Figuren steht und ob seine Filme ihm mehr bedeuten als nur verrückte Ideen.

Soll Marina also Zerrbild einer Generation sein, die den Schritt in Selbständigkeit und Verantwortung scheut, vielleicht sogar ein Alter Ego der Filmemacherin (die auch das Drehbuch schrieb)? Es bleibt unklar. Marina lehnt andere Menschen ab und kann sich besser mit den Tieren aus David Attenboroughs Naturdokus identifizieren, sie kultiviert infantile Phantasien, doch für einen typischen Außenseiter-Antihelden führt sie ihr Leben einfach zu freudlos, selbst das Essen schiebt sie stumpf in sich hinein. Angenehm erfrischend ist jedenfalls, daß noch ein Todkranker auftauchen kann, ohne daß sofort einer der zur Zeit so beliebten „Tumorfilme“ daraus wird.

Attenberg ist nichts für ein großes Publikum, viele würden ihn einfach langweilig finden. Die anderen können sich freuen, daß so ein ungewöhnlicher Film nach längerer Festival-Tour nun auch regulär im Kino läuft.

Meine IMDb-Bewertung: ****** (6 von 10)

Attenberg, Griechenland, 2010, 97 min.

Regie: Athina Tsangari

Drehbuch: Athina Tsangari

Kamera: Thimios Bakatakis

Darsteller: Ariane Labed, Vangelis Mourikis, Evangelia Randou, Giorgos Lanthimos

© 2017 by Franz Indra