Augentröster   

Filme von Franz Indra

Barbara

Sie können diese Filmkritik unbesorgt lesen, ich werde keine entscheidenden Geheimnisse der Handlung verraten.

Wenn allzu viele Vorschußlorbeeren die Erwartungen an einen Film in die Höhe schießen lassen, hat er es naturgemäß schwer. Und was wurde Barbara in den Himmel gelobt, bis hin zur quasi common sense gewordenen Feststellung, dieser Film hätte auf der Berlinale den Goldenen Bären gewinnen müssen. (Es wurde dann der Silberne Bär für die beste Regie.)

Christian Petzold arbeitet nach Toter Mann, Wolfsburg, Yella und Jerichow nun zum fünften Mal mit Nina Hoss zusammen, die Filme kreisen um sie als zentrale Hauptfigur; Petzold hat bei allen auch das Drehbuch verfaßt. Schon längst sind sie eine symbiotische Einheit geworden, man kann sich keinen Film mehr von Christian Petzold ohne Nina Hoss vorstellen, und ihre Rollen in anderen Filmen verblassen im Gedächtnis. Auch in Barbara, der sogar den Namen ihrer Figur als Titel trägt, funktioniert dieses geheime Einverständnis geradezu unheimlich. Man wäre gerne bei der Arbeit dabei, wie läuft die Vorbereitung ab, welche Regieanweisungen sind beim Dreh noch nötig.

Barbara ist also Ärztin in der DDR der Achtziger Jahre, als der Zusammenbruch des Staats noch nicht abzusehen ist. Sie kann und will sich nicht anpassen, sie ist ungeschickt und konsequent in ihrer Haltung und wird dafür vom System genauso ungeschickt und konsequent abgestraft. Versetzt in die Provinz, beständig überwacht und drangsaliert, arbeitet sie konsequent am einzigen Ziel, das sie sich überhaupt vorstellen kann: der Flucht in den Westen, zu ihrem Geliebten. So bedrückend ist der real existierende Sozialismus, so häßlich seine Fratze und so unversöhnlich die Haltung seiner Heldin, wie man es selten gesehen hat. Natürlich wird damit etwas vorbereitet, und auch wenn man das Ende irgendwann vorausahnt, so ist doch schnörkellos genug ausgeführt, um nicht zu enttäuschen.

Petzold und Hoss stammen beide aus dem Westen, haben allerdings lange in Berlin gelebt. Trotzdem ist erstaunlich, wie treffend die DRR in diesem Film aussieht, sich anhört und anfühlt – zumindest wenn man Leuten glaubt, die das Original kennen. Vom Großen bis ins Kleinste paßt alles so gut zusammen, daß man diese Leistung leicht übersehen kann. Orte und Ausstattung könnten oberflächlich betrachtet in weiten Teilen des Films auch in der alten BRD spielen, nur nicht unbedingt im gleichen Jahrzehnt. (Man beachte alleine die Geräte und Spritzen im Krankenhaus!)

So richtig begeistern kann Barbara allerdings nicht. Man wird Zeuge eines nahezu fehlerfreien Kunstwerks, aber die erwartete Offenbarung bleibt aus. Das liegt zum einen an der bereits eingangs erwähnten geweckten Erwartung, andererseits ist auch dies ein Wesenzug von Petzolds Filmen. Er ist einer der Großen im deutschen Filmgeschäft geworden, ohne jemals Zuschauermassen ins Kino zu ziehen. Seine wohl typischste und beste Arbeit, Yella, könnte man mit etwas Böswilligkeit sogar als Reinfall werten. Die Qualität seiner Filme ist aber so offensichtlich, daß man dahinter eine Verweigerungshaltung vermuten muß: Christian Petzold möchte das Publikum nicht mitreißen, obwohl er es könnte. Er möchte kleine, stille Filme machen.

Meine IMDb-Bewertung: ******* (7 von 10)

Barbara, Deutschland, 2012, 105 min.

Regie: Christian Petzold

Drehbuch: Christian Petzold und Harun Farocki

Kamera: Hans Fromm

Darsteller: Nina Hoss, Ronald Zehrfeld, Rainer Bock

© 2017 by Franz Indra