Augentröster   

Filme von Franz Indra

Beasts of the Southern Wild

Sie können diese Filmkritik unbesorgt lesen, ich werde keine entscheidenden Geheimnisse der Handlung verraten.

Das kleine Mädchen lebt nicht im finsteren Wald, sondern im Schwemmland des Mississippi-Deltas, zwischen Erde und Meer. Die tauenden Polkappen geben die urzeitlichen Auerochsen wieder frei, und der Vater schießt voller Urgewalt mit seiner Flinte auf den hereinbrechenden Sturm.

Dieser Film ist ein Märchen, in jeder Hinsicht. Ein Künstlerkollektiv hat mit Laiendarstellern einen völlig unwahrscheinlichen Überraschungserfolg erarbeitet. Gedreht wurde unter erschwerten Bedingungen: mit Kindern, mit Tieren, im Wasser. Herausgekommen ist ein Meisterwerk.

Nun, mit einigen Jahren Abstand, werden die Filme gemacht, die Katrina tatsächlich thematisieren und nicht einfach den Sturm spontan eingebaut haben. Die Außenseiterbande, die die „bathtub“, ihre Heimat jenseits der Deiche, selbst unter Zwang nicht verlassen will, ist in ihrer Unbeirrbarkeit gleichermaßen vorbildlich wie abschreckend. Die unruhige Kamera, die fantastischen Ereignisse zeigen die schreckliche Schönheit der Natur durch die kindlichen Augen der kleinen Hushpuppy, die sich die (vom Regisseur Benh Zeitlin komponierte) Filmmusik dazu imaginiert.

Dieses Mädchen ist selbst ein unaufhaltsames Naturereignis. In monatelanger Suche aus tausenden Kindern ausgewählt, bringt Quvenzhané Wallis eine mühelose Präsenz auf die Leinwand, die kaum ein erwachsener Schauspieler je erreichen kann. Der Regisseur erzählt, mit welcher Selbstverständlichkeit sie manchmal seine Anweisungen konterte: „Ich bin erst sechs Jahre alt. Ich weiß nicht, was Motivation heißt!“ Dwight Henry, der ihren Vater spielt, leistet ebenfalls Erstaunliches. Eigentlich ein Bäcker und eher zufällig zu der Rolle geraten, bestand er darauf, nachts mit dem Regisseur zu üben, während er das Brot für den nächsten Morgen zubereitete. Auch die anderen Laien spielen außergewöhnlich. Aus Improvisationen und vielen Gesprächen wurde die endgültige, verbindliche Drehbuchfassung erstellt. Am schwierigsten umzusetzen war eine Szene gegen Ende, in der alle weinen mußten, hier mußten die Darsteller ihr fehlenden schauspielerischen Kenntnisse durch Psycho-Tricks gegen sich selbst ersetzen.

Es hat sich für Benh Zeitlin ausgezahlt, daß er bei seinem Debut den Mitstreitern freie Hand ließ. „Ich erzählte dem Ausstatter, um was für eine Person es sich bei einer Rolle handelt. Er baute dann ihr Haus.“ Wie so oft befeuerten die starken finanziellen Zwänge die Kreativität, erforderten originelle Ideen statt naheliegender Klischees. Die Trickaufnahmen der gewaltigen Auerochsen etwa wurden mit dressierten vietnamesischen Schweinen gedreht, denen Felle von Wasserratten umgehängt waren. Das erzeugt eine bessere Illusion als eine Computer-Animation auf dem aktuellen Stand der Technik, deren Anmutung lauter unpassende Assoziationen wecken würde.

Gegen Ende wird Beasts of the Southern Wild immer märchenhafter. Die Kinder gelangen auf der Suche nach dem Leuchtturm, den sie für die tote Mutter halten, in ein Bordell mit dem Namen Elysian Fields, das wie aus den Zwanziger Jahren wirkt. Man wird die Selbstverständlichkeit nicht so schnell vergessen, mit der die Menschen in diesem Film allen Widrigkeiten des Lebens trotzen: „In a million years, when kids go to school, they gonna know: Once there was a Hushpuppy, and she lived with her daddy in the Bathtub.“

Meine IMDb-Bewertung: ********* (9 von 10)

Beasts of the Southern Wild, USA, 2012, 93 min.

Regie: Benh Zeitlin

Drehbuch: Benh Zeitlin und Lucy Alibar nach ihrem Bühnenstück Juicy and Delicious

Kamera: Ben Richardson

Darsteller: Quvenzhané Wallis, Dwight Henry

© 2017 by Franz Indra