Augentröster   

Filme von Franz Indra

Berlin 2013

63. Internationale Filmfestspiele Berlin
07. bis 17. Februar 2013

Über Berlin (aka das Griechenland Deutschlands) gibt es ja viele Klischees, und manche werden prompt bestätigt: Es ist eiskalt, die Stadt ist riesengroß, die S-Bahn fährt nur gelegentlich – aber manchmal kriegt man ganz freundlich Auskunft, wenn man nach dem Weg fragt.

Berlin im Winter

Berlin im Winter

Gemeinsam mit den Festivals von Cannes und Venedig hat die Berlinale das Triple-A-Rating, und auch wenn es dieses Jahr – wie das öfteren angemerkt worden ist – bedenklich wenig Uraufführungen im Wettbewerb gab, wird dieser Anspruch doch erfüllt. Das Festival besitzt eine ungemeine Anziehungskraft auf Filmemacher aus aller Welt. Alleine der Talent Campus, die Plattform für den Nachwuchs, hatte Vorträge von Paul Verhoeven, Ken Loach, Ulrich Seidl, Jane Campion, Anita Ekberg, Cutter-Legende Walter Murch und vielen anderen im Programm – wo kriegt man das sonst schon geboten?

Immer Mangelware: Eintrittskarten

Immer Mangelware: Eintrittskarten

Das Programm vermeidet angenehmerweise eine Zersplitterung in zu viele Sektionen, dankenswerterweise gibt es auch keine Fernseh-Sparte. Die Organisation funktioniert weitgehend vorbildlich, sogar die Warteschlangen organisieren sich von selbst, ohne daß sich jemand vordrängelt. Und Schlange stehen muß man viel, auch „normales“ Publikum drängt ins Kino, und nicht nur Vorführungen von großen Filmen sind regelmäßig ausverkauft – ein sehr gutes Zeichen. Manch ein Berliner stellt sich jeden Morgen von Neuem an, um keinen Festival-Tag zu verpassen (und Akkreditierte müssen das sowieso). Wenn man es dann geschafft hat, kann man sich im Kinosessel zurücklehnen und von der Jahr für Jahr gleichen beruhigenden Trailer-Musik einlullen lassen.

Culture Clash

Culture Clash

Was für Filme werden gezeigt? In den Wettbewerb ist als Zuschauer kaum hinein zu kommen, das Programm des Forum Expanded besteht zu einem guten Teil aus leicht esoterisch angehauchte Videokunst. Die meisten Filme laufen im Forum und im Panorama, wobei sich die neuen Namen eher im Panorama finden.

Exposed

Ein Beispiel dafür ist Exposed von Beth B, deren Zugehörigkeit zur alternativen Szene sich bereits im abgekürzten Künstlernamen spiegelt. Ihr Portrait einer Reihe von Burlesque-Tänzerinnen und -Tänzern ist formal eine recht brave Doku mit manchmal etas behelfsmäßig gefilmten Material. Interessant wird der Film auf zweierlei Art: Zum einen befinden wir uns hier wirklich im New Yorker Underground, die dargestellten Künstler sind deutlich rabiater und extremer, als man es vom aktuellen leichten Burlesque-Hype her so kennen mag (vom geleckten Glanz einer Dita von Teese ganz zu schweigen). Hier sehen wir Menschen – aus ganz unterschiedlichem Hintergrund und mit sich zum Teil direkt widersprechenden Ansichten -, die sich an einem ganzen Schwall existenzieller Probleme aufreiben oder lachend über sie triumphieren. Wie entblößend nahe die Filmemacherin ihnen kommt und mit welcher Selbstverständlichkeit ihr das gelingt, ohne jede Gefahr der Zurschaustellung, ist das andere Erstaunliche an Exposed.

Beth B (2. von rechts) präsentiert "Exposed"

Beth B (2. von rechts) präsentiert „Exposed“

Im Publikumsgespräch erinnerte sich Beth B sehr wohlwollend an einen Besuch in Berlin vor dem Mauerfall. Nach den Auswirkungen des neuen, „sauberen“ New York gefragt, beklagte sie zwar einen dramatischen Einbruch der Künstlerszene seit den Siebzigern; auch die Burlesque-Shows würden oft zensiert. Trotzdem werden sich Kreativität und Anarchie natürlich nie aus New York vertreiben lassen. Auch ihren Film muß sie eher Guerilla-artig vertreiben; möge er über DVDs und Sondervorführungen noch viele Zuschauer finden.

Stemple Pass

Ein ganz anderer amerikanischer Künstler und wahrer Berlinale-Dauergast in James Benning. Nachdem er zuletzt Gefahr lief, sich zu wiederholen (13 Lakes, Ten Skies, Twenty Cigarettes), besann er sich nun wieder auf seine Anfänge und erlaubte auch das gesprochene Wort in seinem aktuellen Mammut-Projekt über den Schriftsteller Henry David Thoreau (Walden) und Theodore Kaczynski, den berüchtigten Unabomber. Beide lebten lange als Eremit in den Wäldern, ihre Hütten ließ Benning für mehrere Installationen und Filme nachbauen.

James Benning (links)

James Benning (links)

Auf der Berlinale präsentierte er Stemple Pass, der sich auf den Terroristen beschränkt. Frühling, Sommer, Herbst und Winter – zu jeder Jahreszeit sehen wir eine halbe Stunde lang die herbe Landschaft mit der Hütte darin, jeweils in der für Benning typischen unbewegten Totalen. Dazu liest er aus dem Off aus Kaczynskis Tagebuch. Die Texte steigern sich von leicht kuriosen Eingewöhnungsproblemen in die selbst gewählte Isolation über pazifistisch angehauchte Zurück-zur-Natur-Slogans hin zu erbarmungsloser Freude über die erfolgreiche Verstümmelung und Ermordung Unschuldiger. Wer mit Bennings Manierismus nichts anfangen kann, wird auch diesen Film als Qual empfinden. Selten wurde aber die Tür in die hermetisch abgeriegelte Geisteswelt des Unabombers so weit geöffnet.

A Single Shot

Kommen wir zu leichterer Kost: Ein Mann geht auf die Jagd, schießt auf ein Reh, trifft stattdessen eine junge Frau, sie stirbt sofort. Bei ihr findet er eine Tasche voller Geld. Von nun an geht es bergab.

So ließe sich im Prinzip A Single Shot von David M. Rosenthal zusammenfassen, der auf Hollywoods Noir-Revival-Welle mitschwimmt. Die ist spätestens seit Drive in vollem Gange, mit besonderem Augenmerk auf den Appalachen, siehe Killer Joe und vor allem natürlich Winter’s Bone. Die Landschaft und die Menschen darin haben nichts mit dem 21. Jahrhundert und modernen westlichen Werten zu tun, sie wirken wie ein Blick in die Vergangenheit, außerhalb der Zivilisation – der Wilde Westen, nur mit besseren Waffen, Pick-Ups und Handys. Eine ganze Gesellschaft versinkt in Armut und billigen Drogen, der Urlaub auf Hawaii (quasi dem Gegenpol innerhalb der USA) bleibt ein ferner Traum.

Volle Bühne bei "A Single Shot"

Volle Bühne bei „A Single Shot“

Die Handlung erfüllt die Genre-Erwartungen, die Atmosphäre stimmt, das Bild ist schon fast zu dunkel. Matthew F. Jones, der vor 17 Jahren den zugrunde liegenden Roman schrieb, hängt sich bei seiner Drehbuch-Adaption aber leider allzu sehr an der Plot-Konstruktion auf. Die Musik übertreibt ihre Dramatik manchmal so weit, daß sie albern wirkt, und auch bei der Bildsprache gehen der Symbolik manchmal die Pferde durch – dann ist sie wieder großartig. Schade, aus dem sehenswerten hätte ein bemerkenswerter Film werden können.

Die Schauspieler sprechen so hingebungsvoll den gewünschten Slang, daß das Publikum in London bei Test-Screenings tatsächlich Untertitel brauchte. Laut Regisseur handelt es sich bei A Single Shot um einen Independent-Film, in Europa wäre er eine Großproduktion. Bei der Vorführung war quasi die halbe Crew anwesen, neben Regisseur, Autor und Produzenten die Schauspieler Ophelia Lovibond und Jeffrey Wright sowie der Schnitt-Assistent, diverse Co-Produzenten usw. – nur Hauptdarsteller Sam Rockwell saß wegen eines Blizzards in New York fest.

Terra de ninguém / No Man’s Land

Schon wieder fast vergessen: Pola Kinskis Anklage an ihren Vater

Schon wieder fast vergessen: Pola Kinskis Anklage an ihren Vater

Die Portugiesin Salomé Lamas setzt in Terra de ninguém / No Man’s Land einen netten älteren Mann auf einen Stuhl und läßt ihn erzählen: von seiner Zeit als Söldner in Angola, im geheimen Staatsdienst als Auftragskiller an ETA-Leuten, schließlich in jahrelanger Einzelhaft. „Ich habe nur schlechte Menschen getötet. Eigentlich hätte ich auch mich töten sollen, denn ich bin auch ein schlechter Mensch.“ Nichts davon ist nachweisbar, vieles erscheint glaubhaft. Die Regisseurin beklagte im Publikumsgespräch denn auch das in Portugal immer noch vorherrschende Schweigen über Greuel in den Kolonien und im Kampf gegen den Separatisten-Terror.

Unfaßbar aber ist die totale Gefühlskälte des Mannes, der seinen Lebensabend als Obdachloser verbringt. Mit geradezu kindlicher Freude erzählt er von den verübten Massakern in Afrika, lobt seine Professionalität bei den Auftragsmorden. Und immer, wenn man meint, seine Erinnerungen könnten ihn wenigstens zu einem Anflug von Schuld- oder Mitgefühl führen, bringt er einen besonders menschenverachtenden Spruch und gluckst vor sich hin. Ein Film, der Angst macht.

Paradies: Hoffnung

Die Gäste sollen sich nicht durch Schneeberge kämpfen müssen...

Die Gäste sollen sich nicht durch Schneeberge kämpfen müssen…

Nach Welt-Uraufführungen in Cannes und Venedig ist Ulrich Seidl mit seiner Paradies-Trilogie ein echter Festival-Hattrick gelungen, Paradies: Hoffnung wurde nun in Berlin gezeigt. Erst findet Mutti Gefallen an den beach boys in Kenia, dann quält sich die Tante durch ihre eifernde Frömmigkeit, schließlich wird die Tochter ins FettDiät-Camp verfrachtet: Überall kann man das Paradies finden. Die 13-jährige Melanie, gespielt von der 13-jährigen Melanie Lenz, verliebt sich heil- und hilflos in den viermal so alten Arzt. Ulrich Seidl breitet mal wieder ein Gruselkabinett der Spießigkeit aus. Die Klischees sind Wirklichkeit geworden, der Film wirkt echter als das echte Leben.

... Es ist kalt genug.

… Es ist kalt genug.

Ja, making a film with Seidl: Wie er mit Laien arbeitet, ist immer wieder erstaunlich. Seidl führt seine Figuren nie vor, er beläßt ihnen nicht nur ihre Würde, sondern macht sogar Helden aus ihnen (auch wenn das Publikum manchmal über sie lacht). Erneut hat er nur einige wenige professionelle Schauspieler wie Joseph Lorenz als Arzt besetzt, und wie natürlich all die Teenager ihre schwierigen Szenen spielen, ist schlichtweg unfaßbar. Und eigentlich ist es bei Seidl am Ende nie so schlimm, wie es zuerst scheint. Seine Filme kommen ohne katastrophale dramatische Zuspitzungen aus und ähneln auch darin der Realität. Melli, ihre durchsetzungskräftige Co-„Insassin“ Verena, der von den ungelenken Annäherungsversuchen gleichermaßen geschmeichelte wie überforderte Arzt, sie alle stolpern durch ein verwirrendes Leben und versuchen, sich darin zurecht zu finden. Nie fühlt man sich als Zuschauer in der Position, über sie zu urteilen.

Im Wettbewerb geriet Paradies: Hoffnung dann doch bald in Vergessenheit, vielleicht war sein Thema einfach zu wenig skandalträchtig. Dem Publikum hat der Film jedenfalls gefallen, es klatschte mit, als zum Abspann das Motivations-Lied aus dem Film wiederholt wurde: „If you’re happy and you know it, clap your fat.“

Die Goldene Palme in Berlin? 1976 für "Taxi Driver", aus der hervorragenden Ausstellung über Martin Scorsese in der Deutschen Kinemathek

Die Goldene Palme in Berlin? 1976 für „Taxi Driver“, aus der hervorragenden Ausstellung über Martin Scorsese in der Deutschen Kinemathek

Preise der Internationalen Jury:

Goldener Bär für den Besten Film
Poziţia Copilului / Child’s Pose
Regie: Calin Peter Netzer

Großer Preis der Jury (Silberner Bär)
Epizoda u životu beraca željeza / An Episode in the Life of an Iron Picker
Regie: Danis Tanović

Alfred-Bauer-Preis (Silberner Bär)
Vic+Flo ont vu un ours / Vic+Flo Saw a Bear
Regie: Denis Côté

Preis für die beste Regie (Silberner Bär)
David Gordon Green für Prince Avalanche
Regie: David Gordon Green

Preis für die beste Darstellerin (Silberner Bär)
Paulina García in Gloria
Regie: Sebastián Lelio

Preis für den besten Darsteller (Silberner Bär)
Nazif Mujić in Epizoda u životu beraca željezaAn Episode in the Life of an Iron Picker

Preis für das beste Drehbuch (Silberner Bär)
Jafar Panahi für Pardé / Closed Curtain
Regie: Jafar Panahi, Kamboziya Partovi

Preis für eine herausragende künstlerische Leistung aus den Kategorien Kamera, Schnitt, Musik, Kostüm oder Set-Design (Silberner Bär)
Aziz Zhambakiyev für die Kamera in Uroki Garmonii / Harmony Lessons
Regie: Emir Baigazin

Lobende Erwähnung für Promised Land
Regie: Gus Van Sant

Lobende Erwähnung für Layla Fourie
Regie: Pia Marais

© 2017 by Franz Indra