Augentröster   

Filme von Franz Indra

Beyond the Hills

Sie können diese Filmkritik unbesorgt lesen, ich werde keine entscheidenden Geheimnisse der Handlung verraten.

Das neue rumänische Kino ist manchmal eine Art „Magischer Realismus light“; im Kern gutherzige Menschen müssen sich durchschlagen, um mit dem milden Surrealismus des Alltags fertigzuwerden. Cristian Mungiu steht für eine härtere, klarere Gangart und macht damit Filme, die einem deutlich mehr zu Herzen gehen. Nach seinem mit der Goldenen Palme ausgezeichneten Abtreibungsdrama 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage hat er für Beyond the Hills ebenfalls in Cannes den Preis für das beste Drehbuch erhalten, die beiden Schauspielerinnen Cosmina Stratan und Cristina Flutur teilten sich die Auszeichnung für die beste Darstellerin, völlig zu Recht.

Die junge Alina besucht ihre Freundin Voichita im Kloster, sie kennen sich aus dem Waisenhaus. Alina hat eine Weile in Deutschland gearbeitet und ist kurz zurückgekehrt, weil sie ein Zeugnis braucht für einen Job auf einem Schiff. Eigentlich will sie aber Voichita abholen, deren Entschluß, Nonne zu werden, sie sowieso nicht gutheißt. Der sind das frühere Leben und die Freundschaft inzwischen fremd geworden, sie wehrt sich in gewissem Sinne sogar dagegen. Das Zeugnis wird nicht beschafft, Alina bleibt und man ahnt eine sich anbahnende Katastrophe.

Einem ausländischen Regisseur würde man wohl einen vorurteilsbehafteten Blick auf Rumänien vorwerfen: Die Gesellschaft wirkt rückständig wie im 19. Jahrhundert, alles ist ärmlich und heruntergekommen, die Gemüter sind schlicht bis hin zu Alinas leicht debilem Bruder, ja, es ist sogar Winter. Bei Mungiu muß man dagegen befürchten, daß man nahe an der Realität ist (abgesehen davon, daß der religiöse Fanatismus im Kloster den meisten Rumänen sicher genau so befremdlich vorkommen dürfte wie uns). Tatsächlich wurde der Film nach zwei Sachbüchern von Tatiana Niculescu Bran entwickelt über ein moldawisches Kloster, in dem es 2005 tatsächlich zu einem ähnlichen Vorfall kam.

Von der Stadt aus gesehen liegt das Kloster hinter den Hügeln, daher der Titel. Eigentlich handelt es sich dabei eher um eine Sekte, es sind nur minimale Kontakte nach draußen erlaubt, am Eingang warnt ein handgeschriebenes Schild: „Andersgläubige dürfen das Gelände nicht betreten. Frage nicht, glaube!“ Es gibt kein Strom, das Licht spenden Gaslampen, geheizt wird mit alten Öfen, und Wasser muß aus dem Brunnen geschöpft werden. Das Vermögen der Novizinnen wird natürlich übernommen, aber der Priester ist ein Überzeugungstäter, dem es nicht um persönliche Bereicherung geht. Er hat mit seinem alten Leben gebrochen und anscheinend eigenmächtig die leer stehende Anlage übernommen. Probleme mit der orthodoxen Amtskirche werden angedeutet, der das Ganze anscheinend etwas peinlich ist. Priester und Mutter Oberin tragen nicht einmal Namen.

Trotzdem mangelt nicht an Nachwuchs, der Priester sträubt sich sogar dagegen, Alina aufzunehmen, ahnt er doch, daß ihr Willen seine Regeln sprengen wird. Die Nonnen tragen schwarze, unförmige Gewänder, die jeden Gedanken an einen menschlichen Körper verhindern sollen – generell ist das Kostümdesign des Films schrecklich gut gelungen. Es herrscht immer geschäftiges Treiben, die Nonnen tun Dienst wie fleißige Mägde. Dennoch ist alles ineffizienter, dilettantischer Leerlauf, nichts geht voran, nichts ist im Griff. Der kaputte Ofen wird nie repariert, nur ständig neu abgedichtet, der Hund reißt sich von jeder Kette los, in den Zellen-Neubauten muß man wegen der Kälte im dicken Mantel schlafen.

Auch sind (ausgerechnet! natürlich!) die Nonnen extrem abergläubisch. Sie haben eine Liste mit allen 464 Sünden dieser Welt, dem Priester ist angeblich ein Engel erschienen, eine sieht im frisch gehackten Holz ein scharzes Kreuz und kippt sofort um. „Wer nicht alle Sünden beichtet, verdoppelt sie.“ Sobald weder der Priester noch die Mutter Oberin anwesend sind, zicken sie gegeneinander. Voichita unterwirft sich sehenden Auges diesem System, es steht immer auf der Kippe, ob sie wirklich glaubt. Die Ausflüge in die normale Welt sind aber auch wenig erfreulich: zu Notärztin und Polizei, im Krankenhaus liegt eine schwer verletzte 15-Jährige, die sich wegen ihrer ausgebliebenen Regel aus dem Fenster gestürzt hat, den Kindern im Waisenhaus erscheint ein Leben im Kloster als einzige Perspektive.

Voichita ist extrem passiv-aggressiv, ihr dünnes Stimmchen ist immer kurz vor dem Brechen, und wenn ihr nichts mehr einfällt, plappert sie einfach ein paar Sätze des Priesters nach. Alina ist dagegen der aktiv bis aggressive Gegenpart, doch sie hat selbst ein seelisches Problem: Ihre lesbische Liebe zu Voichita darf nicht eingestanden werden und wird immer mehr zur Obsession; schließlich erträgt sie es nicht einmal mehr, kurze Zeit von ihr getrennt zu sein. Trotz aller Verklemmtheit darf man vermuten, daß die Jugend im Waisenhaus nicht so unschuldig gewesen ist. Voichita hat jedoch mit Alina abgeschlossen (und schwärmt ein wenig für den Priester). Schon in der ersten Szene ist der Grundkonflikt angelegt: Alina umarmt Voichita bei der Begrüßung am Bahnhof stürmisch und bricht in Tränen aus, der ist es peinlich.

Das Wunder ist, daß man sich als Zuschauer nicht dauernd schlecht oder unangenehm fühlt, denn eigentlich ist alles an diesem Film unerträglich: die Länge, die Langsamkeit, die fast ununterbrochenen Dialoge. Trotzdem kommt für keinen Moment Langeweile auf, und das zeigt Mungius Können. Die Handlung folgt fast zwangsläufig der inneren Logik der Personen, auf diese Weise erscheint das Geschehen nie übertrieben oder unrealistisch. Priester und Nonnen haben ein so kleines, abgeschlossenes Weltbild, daß alle Probleme sehr leicht erklärt werden können. Zweifel sind nicht möglich, es gibt keine persönliche Verantwortung, das macht sie so gefährlich. Vor lauter Liebe zu Gott rückt die Nächstenliebe in den Hintergrund, erscheint sogar verwerflich.

Alina dagegen handelt als Getriebene und bringt jedes Opfer, um Voichita nahe zu sein, obwohl sie das Kloster und den Priester (allein schon aus Eifersucht) haßt. Ursache und Wirkung folgen schnell aufeinander. Der Priester erklärt ihr, daß sie ihre materiellen Güter aufgeben muß, sollte sie sich nach reiflicher Überlegung entschließen, ins Kloster zu gehen. Im Anschluß besucht Alina gemeinsam mit Voiticha ihre alten Pflegeeltern, doch diese bleibt nicht mit über Nacht. Sofort verschenkt Alina all ihren aufgehobenen Besitz und liefert sich einem Leben aus, das sie verabscheut. Sie erzwingt Aufmerksamkeit und ist hin- und hergerissen zwischen Attacken auf Priester und Nonnen einerseits und der Hoffnung auf eine übernatürliche Heilung ihrer Probleme andererseits. Stark ist auch die Szene, in der Alina die Existenz der Ikone im Altarraum leugnet – „Da ist gar nichts!“ -, bis der Priester sie tatsächlich unter Bruch der orthodoxen Lehre hervorzeigt.

Das Kamerakonzept ist streng, passend zur Thematik, und überzeugend: Die Szenen sind ruhig aus der Hand gefilmt mit nur sehr wenigen Schnitten, sprechende oder handelnde Personen sind oft nur teilweise im Bild, das sich stattdessen auf das Entscheidende konzentriert, Details, Blicke. So fügt sich auch das Geschehen gegen Ende in die Banalität des Lebens ein, wenn ein Pulk Nonnen die ans Kreuz gefesselte Alina über das verschneite Gelände trägt.

Meine IMDb-Bewertung: ******** (8 von 10)

Dupa dealuri, Rumänien/Frankreich/Belgien, 2012, 150 min.

Regie: Cristian Mungiu

Drehbuch: Cristian Mungiu nach zwei Sachbüchern von Tatiana Niculescu Bran

Kamera: Oleg Mutu

Darsteller: Cosmina Stratan, Cristina Flutur, Valeriu Andriuta, Dana Tapalaga

© 2017 by Franz Indra