Augentröster   

Filme von Franz Indra

Byzantium

Sie können diese Filmkritik unbesorgt lesen, ich werde keine entscheidenden Geheimnisse der Handlung verraten.

Ähnlich wie die Zombies, die in letzter Zeit manchmal so richtig rennen oder ihren alten Berufen nachgehen können, ist auch die Darstellung von Vampiren wandelbarer geworden. In Byzantium wandeln sie ungestört unter der Sonne und benutzen fiese Fingernägel statt der guten alten Beißer, aber eigentlich stört das nicht weiter.

Knapp 20 Jahre nach Interview mit einem Vampir will es Neil Jordan also nochmal wissen und läßt Saoirse Ronan und Gemma Arterton als good vampire / bad vampire Duo auf ein verschlafenes engliches Küstenstädtchen los. Sean Bobbitt, der Kameramann von Shame und HungerThe Place Beyond the Pines und dem kommenden Remake von Oldboy, gibt dem Film eine dezidiert herbstliche Stimmung in hellem Sepia.

Ja, Saoirse Ronans Gesicht mit den hellen grünen Augen begeistert auch in dieser Rolle, so ähnlich wie schon in AbbitteThe Lovely BonesWer ist Hanna? und Seelen. Und Caleb Landry Jones kann als ihr bleiches, kränkliches love interest mit schiefer Haltung und manchmal kaum zu verstehendem Gemurmel tatsächlich Paroli bieten. Er spielte kürzlich in Antiviral von Brandon Cronenberg die Hauptrolle und besitzt ebenfalls eine einprägsame Physiognomie.

Die Vorlage lieferte dieses Mal nicht die übliche Verdächtige Anne Rice, sondern Moira Buffini nach ihrem eigenen Theaterstück für Jugendliche A Vampire Story, doch die Ingredienzien bleiben dieselben. Anders als im Interview wird das elegische Geschehen diesmal nicht brav chronologisch erzählt, leider ist aber irgendwie der Wurm drin.

Zum einen gibt es einfach zu wenig Handlung für zu viele stille Nahaufnahmen blasser Gesichter. Zum anderen spielt der größte Teil des Films in der Gegenwart, und da wirken bloße Behauptungen deutlich unglaubwürdiger. Können heutzutage so viele Morde ohne erkennbare Konsequenzen bleiben? Ist es wirklich so leicht, einfach mal so auf die Schnelle ein Edelbordell aufzuziehen? Erst nach anderhalb Stunden nimmt der Film schließlich Fahrt auf, um dann aber relativ schnell in ein seltsam süßliches Ende zu münden.

Was bleibt, ist die Erkenntnis, daß Neil Jordan einfach auf Vampire steht, die Klavier spielen.

Meine IMDb-Bewertung: ****** (6 von 10)

Byzantium, Großbritannien/USA/Irland, 2012, 118 min.
Regie: Neil Jordan
Drehbuch: Moira Buffini nach ihrem Theaterstück „A Vampire Story“
Kamera: Sean Bobbitt
Darsteller: Saoirse Ronan, Gemma Arterton, Caleb Landry Jones

© 2017 by Franz Indra