Augentröster   

Filme von Franz Indra

Keyhole

Update: Der neue Film von Guy Maddin The Forbidden Room wird am 11. Oktober im Rahmen des Underdox Festivals in München gezeigt.

Sie können diese Filmkritik unbesorgt lesen, ich werde keine entscheidenden Geheimnisse der Handlung verraten.

Guy Maddin hat wieder zugeschlagen. Der Regisseur ist ein großer Liebhaber der alten Schwarz-Weiß-Filme und hat sich nach eigenem Bekunden „schon länger mit den Zwanziger Jahren beschäftigt, als die Zwanziger gedauert haben“. Im Lauf der Zeit hat er sein Können perfektioniert, Filme zu gestalten, wie sie frühere Filmemacher wohl mit den heutigen technischen Möglichkeiten produziert hätten. Er beherrscht die damalige Lichtgestaltung, ist manieriert genug, Bild- und Tonschwächen detailgetreu nachzuahmen, gelangt andererseits mit Vier-, Fünffach-Überblendungen und subversiver inhaltlicher Doppelbödigkeit zu noch ungesehenen Ergebnissen.

Sein The Saddest Music in the World, der relativ große Aufmerksamkeit fand, liegt bereits einige Jahre zurück. Seitdem hat er in erster Linie Kurzfilme gemacht, nun hatte er mit Keyhole wieder die Möglichkeit, ein größeres Projekt zu realisieren. Odysseus ist die Hauptfigur, doch in neuem Gewand als Gangster, der mit seinen Kumpanen in sein altes Haus zurückkehrt, um seine Frau zu holen. Doch er erkennt nicht einmal seinen Bruder wieder und kämpft mit verdrängten Erinnerungen. Geister gehen um, ans Bett gekettet oder als Wasserleiche.

Guy Maddin knüpft mit Keyhole an seine älteren Filmen wie Careful oder Twilight of the Ice Nymphs an – Handlung und innere Logik spielen eine untergeordnete Rolle, stattdessen ergibt sich ein beeindruckend assoziativer Gedanken- und Bilderfluß. Personen und Objekte sind stark symbolisch aufgeladen, nicht zuletzt das Haus selbst, das wie ein Gehirn voll Unbewußtem, verdrängten Erinnerungen und dem gefesselten Über-Ich im Oberstübchen wirkt. Isabella Rosselini und Udo Kier sind wieder dabei, mit beiden hat Guy Maddin schon öfters zusammengearbeitet (etwa in der schönen Hommage My Dad Is 100 Years Old an Rosselinis Vater Roberto); hier haben sich eindeutig verwandte Seelen gefunden. Udo Kier hat sowieso eine einmalige Filmographie aufzuweisen: Hintereinander spielte er nun in Lars von Triers Melancholia, der Extrem-Horror-Kompilation The Theatre Bizarre, eben Keyhole, dem chinesischen UFO in Her Eyes und der Nazi-Groteske Iron Sky, ein breiter gefächertes Oeuvre ist kaum vorstellbar.

Guy Maddins Filme sind letztlich eine Geschmacksfrage, manche begeistern sie, manchen gehen sie auf die Nerven. Sich Keyhole anzusehen und festzustellen, zu welcher Gruppe man gehört, ist aber auf jeden Fall ein Erlebnis. Fortwährend durch das Haus irrlichternde Schatten, Ergebnis einer gewiß aufwendigen Lichtsetzung, machen daraus einen ganz besonderen Geisterfilm.

Meine IMDb-Bewertung: ******* (7 von 10)

Keyhole, Canada, 2011, 94 min.

Regie: Guy Maddin

Drehbuch: Guy Maddin, George Toles

Kamera: Benjamin Kasulke

Darsteller: Jason Patric, Isabella Rossellini, Udo Kier

Chained

Sie können diese Filmkritik unbesorgt lesen, ich werde keine entscheidenden Geheimnisse der Handlung verraten.

Jennifer Lynch ist die Tochter von David Lynch, aber als Filmemacherin eine völlig eigenständige Persönlichkeit. Wenn es überhaupt eine Ähnlichkeit zwischen ihren Filmen und denen ihres Vaters gibt, dann einen gewissen Hang zur Perversion. Mit ihrem Debut Boxing Helena sorgte sie für einen solchen Skandal, daß 15 Jahre bis zu ihrem zweiten Film vergehen sollten, und eine Frauenrechtsorganisation verstieg sich damals allen Ernstes zu der Behauptung: „Diese Frau sollte niemals Kinder bekommen dürfen.“

Ihren zweifelhaften Ruf wird Jennifer Lynch wohl niemals mehr loswerden (auch wenn sie inzwischen Kinder hat), und man darf auch weiterhin keine familienfreundlichen Komödien von ihr erwarten. Sie liebt es einfach, die Grenzen menschlicher Normen zu überschreiten, da wirkt ein Serienmörderfilm wie Chained auf den ersten Blick geradezu etwas gewöhnlich. Freilich nimmt hier der gestörte Frauenmörder den kleinen Sohn eines seiner Opfer in Obhut und beginnt, ihn nach seinen Maßstäben zu erziehen. Und das größte Monster ist am Ende der Dritte im Bunde.

Vincent D’Onofrio ist recht beeindruckend als Killer. Hinter seiner massigen Gestalt, einen langsamen Bewegungen und dem leichten Sprachfehler kann man die vielen Schäden erkennen, die seine Seele deformiert haben. Nun versucht er, seinen Frieden in einem einfachen Leben zu finden, „he’s but a humble killer“ sozusagen. Auch Evan Bird und Eamon Farren als Entführungsopfer in verschiedenem Alter leisten ordentliche Arbeit. Die Regisseurin sagt, sie besetze Rollen danach, mit welchen Schauspielern sie sich gut versteht und kommunizieren kann – nicht die schlechteste Methode, wie das Ergebnis zeigt.

Jennifer Lynch hat eine Cameo-Rolle als trashige TV-Köchin mit Zigarette im Mundwinkel, ihre Tochter eine als in Plastik gewickelte Leiche, die in den Keller geschleift wird. Bei ihren öffentlichen Auftritten ist sie so unverwüstlich gut gelaunt, daß man sie manchmal vor ihren eigenen Äußerungen schützen möchte, wenn sie zum Beispiel ihren Hauptdarsteller lobt: „Vincent D’Onofrio war so sexy, fast wie eine Vergewaltigungs-Fantasie.“

Ja, sie schießt gerne über’s Ziel hinaus, auch in diesem Film. Die Wohnung des Mörders soll nach ihrer Aussage gemütlich wirken, die Einrichtung verbreitet eher ein unbehagliches Gefühl. Die Lampen erinnern tatsächlich ein wenig an David Lynch: Sie beleuchten nichts außer sich selbst. 30 Tote sollen es im Lauf der Zeit geben, es wirkt nach viel mehr. Man wundert sich nicht, daß Chained in den USA NC-17 bekam, die strengste Altersfreigabe – nur die Begründung ist erstaunlich: ein Kehlen-Schnitt (übrigens der einzige im Bild gezeigte Mord), da zeigt jeder zweite Popcorn-Actionfilm Schlimmeres.

Und das ist nicht das einzige Problem: Das Ende wurde von den Produzenten so stark gekürzt, daß es nun weitgehend unverständlich ist, was den Film natürlich stark beschädigt. Auch die Tatsache, daß Jennifer Lynch Chained für nur 700.000 Dollar in unglaublichen 15 Tagen gedreht hat, zeigt, daß sie unter erschwerten Bedingungen arbeiten muß. Man kann nur hoffen, daß sie eines Tages einen Weg finden wird, ihre Visionen so elegant umsetzen zu können wie ihr Vater.

Meine IMDb-Bewertung: ******* (7 von 10)

Chained, USA, 2012, 98 min.

Regie: Jennifer Lynch

Drehbuch: Jennifer Lynch und Damian O’Donnell

Kamera: Shane Daly

Darsteller: Vincent D’Onofrio, Eamon Farren, Evan Bird

Snake Dance

Sie können diese Filmkritik unbesorgt lesen, ich werde keine entscheidenden Geheimnisse der Handlung verraten.

Die Atombombe konnte nur in die Welt kommen durch einen gewaltigen Kraftakt der größten Physiker ihrer Zeit. Das Werkzeug zur endgültigen Selbstzerstörung, ein Triumph von Zivilisation und Genie. Dieses geradezu lehrbuchhafte Beispiel menschlicher Hybris droht so langsam aus dem kollektiven Bewußtsein wegzudämmern, da kommt Snake Dance gerade recht, ein Film, der um das unheilige Geschehen herummäandert und es aus ungewohnten Blickwinkeln betrachtet.

Zwei Orientierungsmarken gibt es dabei: Aby Warburg und Los Alamos. Der inzwischen einigermaßen vergessene Hamburger Kunsthistoriker Warburg, eigentlich ein Mitbegründer der Ikonographie, die untersucht, wie unterschiedliche Kulturen mit Bildern umgehen, wirkt fast wie ein Deuter für das Kino, das ungefähr zur gleichen Zeit entstand. Sein Lebensweg strukturiert den Film. Los Alamos, der spirituelle Ort, ist der Fixpunkt, zu dem der Film immer wieder zurückkehrt. Hier studierte Warburg das Schlangenritual der Hopi-Indianer, das die Versöhnung mit der Erde anstrebt; Jahrzehnte später heilte er sich durch die Arbeit an seinen Aufzeichnungen tatsächlich selbst aus einer Depression, die ihn bereits ins Sanatorium geführt hatte. Auch Robert Oppenheimer kurierte in Los Alamos seine Depressionen aus und wählte den Ort später für die jahrelange, abgeschiedene Arbeit an der Atombombe – wegen des schönen Ausblicks.

Snake Dance bezieht klar Stellung, ohne zu agitieren, das ist auch gar nicht nötig. Patrick Marnham und Emmanuel Riche teilen sich offiziell die Aufgaben, wobei Marnham das inzwischen erschienene Buch „Snake Dance: Journeys Beneath a Nuclear Sky“ schrieb, während Riche Regie geführt hat. Eine große Ruhe liegt über der Szenerie, die Interviewpartner bekommen ihre Zeit auszureden. Dies ist eine Dokumentation über die Atombombe und das Schlangenritual, ohne eine Explosion oder eine Schlange zu zeigen. Überhaupt werden keine Archiv-Aufnahmen verwendet, für Emmanuel Riche schaffen die nur eine falsche Sicherheit: Der Zuschauer hat das Gefühl, das habe ich schon mal gesehen, ich weiß Bescheid.

Hin und wieder stören handwerkliche Mängel. Viele Personen im Film reden ein recht schlechtes Englisch, das seltsamerweise wortwörtlich mit allen Fehlern in den Untertiteln übersetzt wird, einmal wird sogar ein Kamerafehler ohne ersichtlichen Grund nicht herausgeschnitten. Auch sieht man Patrick Marnham ein paar Mal telefonieren, vergeblich versucht er gegen den Straßenlärm anzureden, es ist nicht ganz klar, warum das im Film ist.

Der Anstoß für die beiden belgische Filmemacher war die überraschende Erkenntnis, daß das Uran für die erste Atombombe aus Belgisch-Kongo kam, wo sich ein anderes unheilvolles Kapitel der Menschheitsgeschichte abgespielt hat. So schließt sich nach einem Dreh auf vier Kontinenten der Kreis in Fukushima, wo ein greiser Augenzeuge entsetzt sagt: Nach dem Tsunami sah es aus wie in Hiroshima.

Meine IMDb-Bewertung: ******* (7 von 10)

Snake Dance, Belgien, 2012, 77 min.

Drehbuch und Regie: Patrick Marnham, Emmanuel Riche

Kamera: Renaat Lambeets

A Single Shot

Sie können diese Filmkritik unbesorgt lesen, ich werde keine entscheidenden Geheimnisse der Handlung verraten.

Ein Mann geht im Wald auf die Jagd, schießt auf ein Reh, trifft stattdessen eine junge Frau, sie stirbt sofort. Bei ihr findet er eine Tasche voller Geld. Ab da geht es bergab.

Spätestens seit Drive ist in Hollywood ein Noir-Revival in vollem Gange, mit besonderem Augenmerk auf den Appalachen, siehe Killer Joe und vor allem natürlich Winter’s Bone. Die Landschaft und die Menschen darin haben nichts mit dem 21. Jahrhundert und modernen westlichen Werten zu tun, sie wirken wie ein Blick in die Vergangenheit, außerhalb der Zivilisation – der Wilde Westen, nur mit besseren Waffen, Pick-Ups und Handys. Eine ganze Gesellschaft versinkt in Armut und billigen Drogen, der Urlaub auf Hawaii (quasi dem Gegenpol innerhalb der USA) bleibt ein ferner Traum.

Gedreht wurde aus Kostengründen in Vancouver, was man aber nicht merkt. Die Schauspieler sprechen so hingebungsvoll den gewünschten Slang, daß das Publikum in London bei Test-Screenings tatsächlich Untertitel brauchte. Laut Regisseur handelt es sich bei A Single Shot um einen Independent-Film, in Europa wäre er eine Großproduktion.

Die Handlung erfüllt die Genre-Erwartungen, die Atmosphäre stimmt, das Bild ist schon fast zu dunkel. Matthew F. Jones, der vor 17 Jahren den zugrunde liegenden Roman schrieb, hängt sich bei seiner Drehbuch-Adaption aber leider allzu sehr an der Plot-Konstruktion auf. Die Musik übertreibt ihre Dramatik manchmal so weit, daß sie albern wirkt, und auch bei der Bildsprache gehen der Symbolik manchmal die Pferde durch – dann ist sie wieder großartig. Schade, aus dem sehenswerten hätte ein bemerkenswerter Film werden können.

Meine IMDb-Bewertung: ******* (7 von 10)

A Single Shot, USA/Kanada/Großbritannien, 2013, 116 min.

Regie: David M. Rosenthal

Drehbuch: Matthew F. Jones nach seinem gleichnamigen Roman

Kamera: Eduard Grau

Darsteller: Sam Rockwell, Jeffrey Wright, Kelly Reilly, William H. Macy

Nymphomaniac: Volume II

Sie können diese Filmkritik unbesorgt lesen, ich werde keine entscheidenden Geheimnisse der Handlung verraten. Meine Kritik zu Teil 1 finden Sie hier.

Die Aufteilung in zwei getrennte Kritiken war nur dem großem zeitlichen Abstand der Kino-Starts geschuldet. Dies ist kein Kill Bill, bei dem Quentin Tarantino beide Teile möglichst unterschiedlich gestaltet hat, sobald klar war, daß der Stoff für einen Film zu viel wird. Nymphomaniac: Volume II setzt nahtlos an, wo Nymphomaniac aufgehört hat, beide Filme sind völlig homogen und eigentlich am besten als double feature zu sehen.

Der Reigen wird also fortgesetzt, immer mehr alte Bekannte aus Trier-Filmen tauchen auf, Willem Dafoe, Jean-Marc Barr und natürlich der omnipräsente Udo Kier – leider ist er nur kurz in einer Szene zu sehen, aber Udo Kier dürfte sich inzwischen immer mehr der ununterbrochenen Schauspielerei annähern und hat dann eben nicht die Zeit für viele Drehtage.

Joe darf ein paar Mal recht gelassen ihre umfassende sexuelle Menschenkenntnis ins Spiel bringen, gegenüber ihrem spröden Publikum Seligman etwa oder einem säumigen Schuldner. Sie gerät in eine tiefe Lustkrise und befreit sich wieder aus ihr. Sehr schön ist der Moment, in dem sie versucht, alles Stimulierende aus ihrer Wohnung zu entfernen: Es bleibt ein weißer, in Folie verpackter Raum. Allemal hilfreicher als die heuchlerische Selbsthilfegruppe, bei der einem die eigenen Wörter vorgeschrieben werden, erweist sich die S/M-Therapie. Wie im Wartezimmer eines Arztes sitzen die Frauen mitten in der Nacht im Keller und sehnen voller Furcht den Moment herbei, in dem sich die Tür öffnet und sie aufgerufen werden… Die folgenden Szenen hat man so nüchtern und voll trockenen Humors noch nicht gesehen.

Am Schluß singt Joe ein Hohelied auf alle Pädophile, die ihre Veranlagung ein Leben lang verleugnen – auch das ist typisch Lars von Trier. Insgesamt scheint es jedoch, als wünsche er, daß dieses eine Mal der Blick nicht durch trotzige, von der political correctness bereitwillig mißverstandene Provokationen versperrt wird. Die Szenen aus Joes früher Kindheit in Teil 1 sind geradezu augenfällig zurückhaltend inszeniert, damit nur ja nicht der Anschein von Kinderpornographie entsteht: Darum geht es nämlich überhaupt nicht.

Nymphomaniac und Nymphomaniac: Volume II bilden Abschluß der sogenannten Depressions-Trilogie, nach dem grimmigen Antichrist und dem unvergeßlichen Melancholia ein fast schon heiterer Ausklang, trotz des Blickes des Vaters im Krankenhaus. In einer Variation der Anfangsszene aus „Antichrist“ wird die Hinwendung zur Hoffnung ausdrücklich betont. Man kann für von Trier hoffen, daß sich daran seine Bewältigung der eigenen Depressionen spiegelt. Charlotte Gainsbourg, die in all diesen Filmen eine wichtige, meistens sogar die Hauptrolle, gespielt hat, hat schon das Ende ihrer Zusammenarbeit angedeutet – sie hat alles gegeben, welche weiteren Figuren sind noch vorstellbar? Das Ende, das ist dann aber doch ein wenig der Konvention verhaftet: Wenn man im ersten Akt eine Pistole sieht…

Meine IMDb-Bewertung: ******** (8 von 10)

Nymphomaniac: Volume II, Dänemark/Deutschland/Frankreich/Belgien/Großbritannien, 2013, 123 min.
Regie: Lars von Trier
Drehbuch: Lars von Trier
Kamera: Manuel Alberto Claro
Darsteller: Charlotte Gainsbourg, Stellan Skarsgård, Stacy Martin, Jamie Bell, Shia LaBeouf, Willem Dafoe, Jean-Marc Barr, Udo Kier

Nymphomaniac

Sie können diese Filmkritik unbesorgt lesen, ich werde keine entscheidenden Geheimnisse der Handlung verraten. Meine Kritik zu Teil 2 finden Sie hier.

Er kann es einfach nicht lassen: Als wolle Lars von Trier an den bizarren Hitler-Eklat bei der Präsentation seines letzten Films Melancholia in Cannes erinnern, sehen wir bereits in der ersten Szene eine jüdische menora, den siebenarmigen Leuchter, in einem Laden. Der Käufer heißt Seligman und erklärt später: „Anti-Zionismus ist nicht Anti-Semitimismus, auch wenn uns das einige glauben machen wollen.“

Dabei ist ja alles ein großes Mißverständnis. Lars von Trier ist ein Getriebener, aber er will überhaupt nicht provozieren. Auch sein double feature über Nymphomaninnen mit lauter Hollyood-Stars ist weder zum arthouse porn à la Intimacy geraten noch zur sensationslüsternen Spekulation (als die es allerdings vermarktet wird). Im Abspann wird – nicht ohne Grund – vermerkt, daß die Darsteller keinen echten Sex hatten. Und der Einstieg in den Film scheint mit den Erwartungen der Zuschauer gerade zu spielen: Für sehr lange Zeit ist nur Schwarzbild zu sehen, es folgen stille Einstellungen von fallendem Schnee und Wasserrohren. Plötzlich lärmt Rammstein los, ähnlich überraschend wie damals in David Lynchs Lost Highway. Tatsächlich wird später noch einige Male Popmusik folgen, eher ungewöhnlich für Lars von Trier, in ihrer Wirkung freilich eher brechend als affirmativ.

Wir erleben ein Meisterwerk des Schnitts und das Schauspiels in Dialogen, präsentiert als bildungsbürgerlicher Roman, eine Biographie mit Rahmenhandlung. Eine lange Nacht erzählt die titelgebende Joe Episoden aus ihrem Leben, immer wieder gespickt mit schicksalshaften Zufällen (wie ihr Zuhörer Seligman extra betont). Alle Personen außer den Hauptfiguren werden nur nach ihren Initialen benannt. Stärker noch als sonst spielt Lars von Trier mit der Rezeption des Publikums, durchbricht fortwährend die Illusion der Erzählung, um sie sofort wieder erstrahlen zu lassen. Die Einrichtung von Seligmans Zimmer, simple Studio-Kulisse, atmosphärisch stimmiger Drehort und neckischer Stichwortgeber zugleich, ist dafür ein gutes Beispiel. Auch ganz typisch ist die Auseinandersetzung zweier Lebenseinstellungen, hier die leidenschaftliche, von Selbstvorwürfen zerfressene Joe, dort der zurückhaltende Intellektuelle Seligman. Ganz offensichtlich sehen wir hier zwei Wesenszüge des Regisseurs im Widerstreit, wobei seine Sympathie natürlich Joe gehört, die der braven Konvention zu Recht Scheinheiligkeit vorwirft.

Neben Woody Allen dürfte Lars von Trier derjenige Regisseur sein, mit dem die meisten Schauspieler unbedingt zusammen arbeiten wollen – dieses Mal sind Stellan Skarsgård als Seligman, Christian Slater als Joes Vater und Uma Thurman in einer sehr ungewohnten Rolle als verlassene Ehefrau dabei. Die unbekannte Stacy Martin stürzt sich furchtlos in die Darstellung der jungen Joe. Shia LaBeouf erscheint als ungewöhnliche Wahl für einen seriösen Film, meistert aber den Part als wiederkehrendes love interest. Am einprägsamsten aber ist zweifellos Charlotte Gainsbourg. Alleine schon ihr Gesicht, wenn sie Seligman zuhört oder über die passenden Worte nachgrübelt, zeigt Joes schwierig zu spielenden Charakter in einer solche Tiefe und Vielschichtigkeit, daß man sofort versteht, warum sie Lars von Triers Muse seiner letzten Filme geworden ist.

In Dänemark läuft Nymphomaniac als ein Film, bei uns wird er wie im Rest der Welt in zwei Teilen gezeigt. (Teil 2 läuft am 3. April an.) Wenn möglich, sollte man dem noch eine halbe Stunde längerem director’s cut den Vorzug geben. In der Normalfassung fehlt zwar keine Szene, im Vergleich wirkt sie trotz ihrer zwei Stunden manchmal aber ein wenig gehetzt. Die längere Einleitung ist natürlicher, wichtige Stichworte wie „Nymphomanin“ oder auch Joes Name werden bei besserer Gelegenheit eingeführt, der Film wird in vielerlei Hinsicht detailreicher – man hört selbst die Geschichten des Vaters über Bäume gerne ausführlicher. Auch die explizitesten Sex-Aufnahmen wurden getilgt. Vor allem aber fehlen ein paar wichtige Momente. Im director’s cut schlägt die Sekretärin Joe nicht ohne Hintergedanken vor, mit der Übergabe des Briefs bis Freitag zu warten, in der Normalfassung muß der Zeitpunkt zufällig wirken. Und der Todeskampf des Vaters wird viel verständlicher, wenn man einige sich steigernde Anfälle sieht und die Erklärung des Arztes hört, daß in manchen Fallen das Gehirn geschädigt werde, ohne daß man etwas dagegen tun könne.

Die einzige nicht gekürzte Szene dürfte Uma Thurmans nicht endend wollende Litanei sein, ein Höhepunkt des Films: Sie macht ihrem Ehemann und dessen Affäre Joe eine Szene voll unbeschreiblicher Larmoyanz und passiver Aggressivität, immer auf das erste Widerwort wartend, um endlich losschreien zu können. Da die beiden aber einfach gar nicht reagieren, kann und kann sie kein Ende finden.

Meine IMDb-Bewertung: ******** (8 von 10)

Nymphomaniac, Dänemark/Deutschland/Frankreich/Belgien/Großbritannien, 2013, 118 min.
Regie: Lars von Trier
Drehbuch: Lars von Trier
Kamera: Manuel Alberto Claro
Darsteller: Charlotte Gainsbourg, Stellan Skarsgård, Stacy Martin, Shia LaBeouf, Christian Slater, Uma Thurman

Byzantium

Sie können diese Filmkritik unbesorgt lesen, ich werde keine entscheidenden Geheimnisse der Handlung verraten.

Ähnlich wie die Zombies, die in letzter Zeit manchmal so richtig rennen oder ihren alten Berufen nachgehen können, ist auch die Darstellung von Vampiren wandelbarer geworden. In Byzantium wandeln sie ungestört unter der Sonne und benutzen fiese Fingernägel statt der guten alten Beißer, aber eigentlich stört das nicht weiter.

Knapp 20 Jahre nach Interview mit einem Vampir will es Neil Jordan also nochmal wissen und läßt Saoirse Ronan und Gemma Arterton als good vampire / bad vampire Duo auf ein verschlafenes engliches Küstenstädtchen los. Sean Bobbitt, der Kameramann von Shame und HungerThe Place Beyond the Pines und dem kommenden Remake von Oldboy, gibt dem Film eine dezidiert herbstliche Stimmung in hellem Sepia.

Ja, Saoirse Ronans Gesicht mit den hellen grünen Augen begeistert auch in dieser Rolle, so ähnlich wie schon in AbbitteThe Lovely BonesWer ist Hanna? und Seelen. Und Caleb Landry Jones kann als ihr bleiches, kränkliches love interest mit schiefer Haltung und manchmal kaum zu verstehendem Gemurmel tatsächlich Paroli bieten. Er spielte kürzlich in Antiviral von Brandon Cronenberg die Hauptrolle und besitzt ebenfalls eine einprägsame Physiognomie.

Die Vorlage lieferte dieses Mal nicht die übliche Verdächtige Anne Rice, sondern Moira Buffini nach ihrem eigenen Theaterstück für Jugendliche A Vampire Story, doch die Ingredienzien bleiben dieselben. Anders als im Interview wird das elegische Geschehen diesmal nicht brav chronologisch erzählt, leider ist aber irgendwie der Wurm drin.

Zum einen gibt es einfach zu wenig Handlung für zu viele stille Nahaufnahmen blasser Gesichter. Zum anderen spielt der größte Teil des Films in der Gegenwart, und da wirken bloße Behauptungen deutlich unglaubwürdiger. Können heutzutage so viele Morde ohne erkennbare Konsequenzen bleiben? Ist es wirklich so leicht, einfach mal so auf die Schnelle ein Edelbordell aufzuziehen? Erst nach anderhalb Stunden nimmt der Film schließlich Fahrt auf, um dann aber relativ schnell in ein seltsam süßliches Ende zu münden.

Was bleibt, ist die Erkenntnis, daß Neil Jordan einfach auf Vampire steht, die Klavier spielen.

Meine IMDb-Bewertung: ****** (6 von 10)

Byzantium, Großbritannien/USA/Irland, 2012, 118 min.
Regie: Neil Jordan
Drehbuch: Moira Buffini nach ihrem Theaterstück „A Vampire Story“
Kamera: Sean Bobbitt
Darsteller: Saoirse Ronan, Gemma Arterton, Caleb Landry Jones

Alois Nebel

Sie können diese Filmkritik unbesorgt lesen, ich werde keine entscheidenden Geheimnisse der Handlung verraten.

Einer der schönsten Momente für einen Kinogänger ist es, wenn man schon nach wenigen Minuten weiß, daß man sich gerade einen großen Film ansieht. Für ein solches Erlebnis sorgt Alois Nebel, wenn in der Anfangsszene ein Mann mit einem Beil in der Hand durch einen nächtlichen Wald huscht, im Anschluß ein Zug auf die Kamera zufährt und eine Stimme aus dem Off Stationen aufzählt. Trocken nacherzählt klingt das nicht besonders beeindruckend, aber als Zuschauer ist man bereits gebannt.

Ein einzelgängerischer Stationsvorsteher wird von Visionen heimgesucht, er trägt den sprechenden Namen Alois Nebel (oder „Nääbl“, wie es im Original ausgesprochen wird). Verdrängte Erlebnisse aus seiner Kindheit wie der des ganzen Landes schieben sich an die Oberfläche, eine Schuld liegt über allen, die niemals ausgesprochen werden darf. Die hilflosen bis verbitterten Heilungsversuche werden harsch sanktioniert und sind doch unaufhaltsam. Wer zu spät kommt…

Ein genauer Blick wird hier auf die Menschen geworfen, im Guten wie im Schlechten, und wie manche Charakterzüge unverändert überdauern, vom Faschismus über den Sozialismus bis in die Demokratie, mit deren Aufbruch der Film endet. Die Atmosphäre ist unglaublich dicht, eine große Stille liegt über all den inneren Kämpfen. Und ruhige Sätze klingen sowieso am bedrohlichsten: „Ihr fragt nicht richtig. Ihr müßt nett fragen. Wir haben immer nett gefragt und immer Antworten bekommen.“

Jaromír Svejdík und Jaroslav Rudis haben als Drehbuchautoren ihre eigene Comic-Vorlage in einen Animationsfilm mit ebenso hartem schwarz/weiß, ebenso kantigen Gesichtern übersetzt. Allerdings filmte der Regisseur Tomás Lunák reale Schauspieler und wandelte die Aufnahmen per Rotoscope um, um nicht die Original-Bilder einfach nachzuzeichnen. Selten sieht man Licht im Zeichentrick so gekonnt eingesetzt wie hier.

Der Film wurde in Tschechien zum Überraschungserfolg, obwohl er einen Blick auf die tschechisch-deutschen Beziehungen wirft, der lange verpönt war. Inzwischen scheint die Zeit dafür reif zu sein, die tschechische Gesellschaft nutzt die vor zwei Jahrzehnten gewonnen Freiheit, um mutiger und ehrlicher zu werden. Es ist zu hoffen, daß auch in Deutschland so mancher diesen Film sehen möge, um daraus zu lernen, sich selbst zu hinterfragen.

Alois Nebel ist, darf man es sagen?, kafkaesk. Im Kino gewesen. Gefreut.

Meine IMDb-Bewertung: ******** (8 von 10)

Alois Nebel, Tschechien/Deutschland, 2011, 84 min.

Regie: Tomás Lunák

Drehbuch: Jaromír Svejdík und Jaroslav Rudis nach ihrem gleichnamigen Comic

Kamera: Baset Jan Strítezský

Darsteller: Miroslav Krobot, Marie Ludvíková, Leos Noha, Karel Roden

4:44 Last Day on Earth

Sie können diese Filmkritik unbesorgt lesen, ich werde keine entscheidenden Geheimnisse der Handlung verraten.

Das Ende der Welt ist immer nahe, erst recht im Kino. Zur Zeit besonders beliebt sind Filme im Zeichen der Erwartung der baldigen Apokalypse, und sie alle haben das Pech, das der überwältigende Melancholia zuerst da war. Die Erinnerung daran ist noch zu frisch, und den Vergleich konnte bislang keiner gewinnen.

Dazu kommt in diesem Fall noch, daß der in seiner Qualität ziemlich schwankende Abel Ferrara leider keinen guten Tag erwischt hat, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. 4:44 Last Day on Earth bleibt über weite Strecken kraftlos. Daß ein solcher Film kein lockerer Spaß wird, ist klar, aber dafür muß er dann schon mehr bieten als grimmiges Selbstmitleid und ein paar Platitüden. Das ist schade, denn das Potentiel wäre da gewesen. Ein Künstler-Pärchen verkriecht sich in seine New Yorker Wohnung, um den letzten Tag der Welt voller Hoffnung und Verzweifeln, in Freude und Leid zu verbringen. Immer mit dabei sind Laptop und Handy, Skype und Chat. Ein Kammerspiel 2.0 sozusagen.

Der Regisseur griff für die sicher sehr intensive Arbeit auf zwei Schauspieler zurück, mit denen er schon mehrfach zusammen gearbeitet hat: den stets experimentierfreudigen Willem Dafoe und die deutlich jüngere Shanyn Leigh, die zeitweise Ferraras Freundin war und in seinen letzten Filmen immer von ihm besetzt worden ist. Sie bewegen sich durch einen anscheinend großteils improvisierten Film, dem klare Ideen und Ziele fehlen, so daß viele Dialoge im Beliebigen versanden. Auch wirkt manche Szene ungeschickt choreographiert, wenn etwa während eines wilden Streit das Notebook so lange in die Kamera gehalten werden muß, bis auf dem Monitor das gewünscht Bild zu sehen ist. Ferrara verzichtet dankenswerterweise fast komplett auf visuelle Effekte; die wenigen gegen Ende sind dann aber auch nicht weiter bemerkenswert.

Der Wurm steckt schon in der Grundkonstruktion: Die Wissenschaft sagt den Weltuntergang voraus – auf die Minute genau! Was soll das? Damit verliert die Geschichte ihren Bezug zur Wirklichkeit, rational wie spirituell. Wie Menschen auf ein so theoretisches Konstrukt reagieren, ist müßig. Vielleicht hat Abel Ferrara gefürchtet, daß sich im Zeitalter der Tea Party niemand auf seinen Film einläßt, wenn er etwas deutlicher wird. Gut gemeint auf amerikanisch bedeutet dann, daß jemand in den Fernseh-Nachrichten sagt: „Al Gore hatte recht.“

Meine IMDb-Bewertung: ***** (5 von 10)

4:44 Last Day on Earth, USA/Schweiz/Frankreich, 2011, 85 min.

Drehbuch und Regie: Abel Ferrara

Kamera: Ken Kelsch

Darsteller: Willem Dafoe, Shanyn Leigh

Beyond the Hills

Sie können diese Filmkritik unbesorgt lesen, ich werde keine entscheidenden Geheimnisse der Handlung verraten.

Das neue rumänische Kino ist manchmal eine Art „Magischer Realismus light“; im Kern gutherzige Menschen müssen sich durchschlagen, um mit dem milden Surrealismus des Alltags fertigzuwerden. Cristian Mungiu steht für eine härtere, klarere Gangart und macht damit Filme, die einem deutlich mehr zu Herzen gehen. Nach seinem mit der Goldenen Palme ausgezeichneten Abtreibungsdrama 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage hat er für Beyond the Hills ebenfalls in Cannes den Preis für das beste Drehbuch erhalten, die beiden Schauspielerinnen Cosmina Stratan und Cristina Flutur teilten sich die Auszeichnung für die beste Darstellerin, völlig zu Recht.

Die junge Alina besucht ihre Freundin Voichita im Kloster, sie kennen sich aus dem Waisenhaus. Alina hat eine Weile in Deutschland gearbeitet und ist kurz zurückgekehrt, weil sie ein Zeugnis braucht für einen Job auf einem Schiff. Eigentlich will sie aber Voichita abholen, deren Entschluß, Nonne zu werden, sie sowieso nicht gutheißt. Der sind das frühere Leben und die Freundschaft inzwischen fremd geworden, sie wehrt sich in gewissem Sinne sogar dagegen. Das Zeugnis wird nicht beschafft, Alina bleibt und man ahnt eine sich anbahnende Katastrophe.

Einem ausländischen Regisseur würde man wohl einen vorurteilsbehafteten Blick auf Rumänien vorwerfen: Die Gesellschaft wirkt rückständig wie im 19. Jahrhundert, alles ist ärmlich und heruntergekommen, die Gemüter sind schlicht bis hin zu Alinas leicht debilem Bruder, ja, es ist sogar Winter. Bei Mungiu muß man dagegen befürchten, daß man nahe an der Realität ist (abgesehen davon, daß der religiöse Fanatismus im Kloster den meisten Rumänen sicher genau so befremdlich vorkommen dürfte wie uns). Tatsächlich wurde der Film nach zwei Sachbüchern von Tatiana Niculescu Bran entwickelt über ein moldawisches Kloster, in dem es 2005 tatsächlich zu einem ähnlichen Vorfall kam.

Von der Stadt aus gesehen liegt das Kloster hinter den Hügeln, daher der Titel. Eigentlich handelt es sich dabei eher um eine Sekte, es sind nur minimale Kontakte nach draußen erlaubt, am Eingang warnt ein handgeschriebenes Schild: „Andersgläubige dürfen das Gelände nicht betreten. Frage nicht, glaube!“ Es gibt kein Strom, das Licht spenden Gaslampen, geheizt wird mit alten Öfen, und Wasser muß aus dem Brunnen geschöpft werden. Das Vermögen der Novizinnen wird natürlich übernommen, aber der Priester ist ein Überzeugungstäter, dem es nicht um persönliche Bereicherung geht. Er hat mit seinem alten Leben gebrochen und anscheinend eigenmächtig die leer stehende Anlage übernommen. Probleme mit der orthodoxen Amtskirche werden angedeutet, der das Ganze anscheinend etwas peinlich ist. Priester und Mutter Oberin tragen nicht einmal Namen.

Trotzdem mangelt nicht an Nachwuchs, der Priester sträubt sich sogar dagegen, Alina aufzunehmen, ahnt er doch, daß ihr Willen seine Regeln sprengen wird. Die Nonnen tragen schwarze, unförmige Gewänder, die jeden Gedanken an einen menschlichen Körper verhindern sollen – generell ist das Kostümdesign des Films schrecklich gut gelungen. Es herrscht immer geschäftiges Treiben, die Nonnen tun Dienst wie fleißige Mägde. Dennoch ist alles ineffizienter, dilettantischer Leerlauf, nichts geht voran, nichts ist im Griff. Der kaputte Ofen wird nie repariert, nur ständig neu abgedichtet, der Hund reißt sich von jeder Kette los, in den Zellen-Neubauten muß man wegen der Kälte im dicken Mantel schlafen.

Auch sind (ausgerechnet! natürlich!) die Nonnen extrem abergläubisch. Sie haben eine Liste mit allen 464 Sünden dieser Welt, dem Priester ist angeblich ein Engel erschienen, eine sieht im frisch gehackten Holz ein scharzes Kreuz und kippt sofort um. „Wer nicht alle Sünden beichtet, verdoppelt sie.“ Sobald weder der Priester noch die Mutter Oberin anwesend sind, zicken sie gegeneinander. Voichita unterwirft sich sehenden Auges diesem System, es steht immer auf der Kippe, ob sie wirklich glaubt. Die Ausflüge in die normale Welt sind aber auch wenig erfreulich: zu Notärztin und Polizei, im Krankenhaus liegt eine schwer verletzte 15-Jährige, die sich wegen ihrer ausgebliebenen Regel aus dem Fenster gestürzt hat, den Kindern im Waisenhaus erscheint ein Leben im Kloster als einzige Perspektive.

Voichita ist extrem passiv-aggressiv, ihr dünnes Stimmchen ist immer kurz vor dem Brechen, und wenn ihr nichts mehr einfällt, plappert sie einfach ein paar Sätze des Priesters nach. Alina ist dagegen der aktiv bis aggressive Gegenpart, doch sie hat selbst ein seelisches Problem: Ihre lesbische Liebe zu Voichita darf nicht eingestanden werden und wird immer mehr zur Obsession; schließlich erträgt sie es nicht einmal mehr, kurze Zeit von ihr getrennt zu sein. Trotz aller Verklemmtheit darf man vermuten, daß die Jugend im Waisenhaus nicht so unschuldig gewesen ist. Voichita hat jedoch mit Alina abgeschlossen (und schwärmt ein wenig für den Priester). Schon in der ersten Szene ist der Grundkonflikt angelegt: Alina umarmt Voichita bei der Begrüßung am Bahnhof stürmisch und bricht in Tränen aus, der ist es peinlich.

Das Wunder ist, daß man sich als Zuschauer nicht dauernd schlecht oder unangenehm fühlt, denn eigentlich ist alles an diesem Film unerträglich: die Länge, die Langsamkeit, die fast ununterbrochenen Dialoge. Trotzdem kommt für keinen Moment Langeweile auf, und das zeigt Mungius Können. Die Handlung folgt fast zwangsläufig der inneren Logik der Personen, auf diese Weise erscheint das Geschehen nie übertrieben oder unrealistisch. Priester und Nonnen haben ein so kleines, abgeschlossenes Weltbild, daß alle Probleme sehr leicht erklärt werden können. Zweifel sind nicht möglich, es gibt keine persönliche Verantwortung, das macht sie so gefährlich. Vor lauter Liebe zu Gott rückt die Nächstenliebe in den Hintergrund, erscheint sogar verwerflich.

Alina dagegen handelt als Getriebene und bringt jedes Opfer, um Voichita nahe zu sein, obwohl sie das Kloster und den Priester (allein schon aus Eifersucht) haßt. Ursache und Wirkung folgen schnell aufeinander. Der Priester erklärt ihr, daß sie ihre materiellen Güter aufgeben muß, sollte sie sich nach reiflicher Überlegung entschließen, ins Kloster zu gehen. Im Anschluß besucht Alina gemeinsam mit Voiticha ihre alten Pflegeeltern, doch diese bleibt nicht mit über Nacht. Sofort verschenkt Alina all ihren aufgehobenen Besitz und liefert sich einem Leben aus, das sie verabscheut. Sie erzwingt Aufmerksamkeit und ist hin- und hergerissen zwischen Attacken auf Priester und Nonnen einerseits und der Hoffnung auf eine übernatürliche Heilung ihrer Probleme andererseits. Stark ist auch die Szene, in der Alina die Existenz der Ikone im Altarraum leugnet – „Da ist gar nichts!“ -, bis der Priester sie tatsächlich unter Bruch der orthodoxen Lehre hervorzeigt.

Das Kamerakonzept ist streng, passend zur Thematik, und überzeugend: Die Szenen sind ruhig aus der Hand gefilmt mit nur sehr wenigen Schnitten, sprechende oder handelnde Personen sind oft nur teilweise im Bild, das sich stattdessen auf das Entscheidende konzentriert, Details, Blicke. So fügt sich auch das Geschehen gegen Ende in die Banalität des Lebens ein, wenn ein Pulk Nonnen die ans Kreuz gefesselte Alina über das verschneite Gelände trägt.

Meine IMDb-Bewertung: ******** (8 von 10)

Dupa dealuri, Rumänien/Frankreich/Belgien, 2012, 150 min.

Regie: Cristian Mungiu

Drehbuch: Cristian Mungiu nach zwei Sachbüchern von Tatiana Niculescu Bran

Kamera: Oleg Mutu

Darsteller: Cosmina Stratan, Cristina Flutur, Valeriu Andriuta, Dana Tapalaga

Gefährliche Begierde

Sie können diese Filmkritik unbesorgt lesen, ich werde keine entscheidenden Geheimnisse der Handlung verraten.

Mike Figgis ist ein weiten Weg gegangen, von Stormy Monday und Internal Affairs über Hollywood-Ruhm für Leaving Las Vegas und Hollywood-Spott für One Night Stand zu Experimenten wie Timecode und Hotel, mit denen er dem Mainstream den Rücken gekehrt hat. Nach einigen Jahren mit Kurzfilmen, Serien-Arbeiten und als Dozent konnte er nun wieder einen Spielfilm machen: Suspension of Disbelief, der bei uns ohne Kino-Auswertung nun auf DVD unter dem so reißerischen wie irreführenden Titel Gefährliche Begierde erscheint.

Ein Drehbuchautor (Sebastian Koch) und seine schauspielernde Tochter verstricken sich in ihren eigenen Werken, Personen tauchen in ihrem Leben auf, die vielleicht nur erdachte Figuren sind. Mal soll die Illusion der Inszenierung den Zuschauer auf’s Glatteis locken, mal wird sie extra gebrochen. Irgendwann verdächtigen sich zwei Liebende gegenseitig, Morde begangen zu haben, die womöglich nur in ihrer Vorstellung stattgefunden haben. Selbst der ermittelnde Polizist läßt sich von seinen Erlebnissen zu einem Roman inspirieren.

Ja, Mike Figgis liebt die Selbstreflexion. Das Ganze ist ihm dabei allerdings etwas selbst verliebt geraten, man hat so ein Konzept, mit Verlaub, auch schon besser umgesetzt gesehen. Ein wenig scheint die Leidenschaft zu fehlen, es bleibt auch der Verdacht, daß Mike Figgis aus der Not, für keine großen Projekte mehr gebucht zu werden, unbedingt eine Tugend machen will. Er zeichnet neben Drehbuch und Regie auch für Co-Produktion, Kamera, Schnitt und sogar Musik verantwortlich – Film als Ein-Mann-Unternehmen. Auf diese Weise kann man niemand anderen für Fehler verantwortlich machen, sagt er dazu.

Meine IMDb-Bewertung: ****** (6 von 10)

Suspension of Disbelief, Großbritannien, 2012, 112 min.
Drehbuch, Regie und Kamera: Mike Figgis
Darsteller: Sebastian Koch, Lotte Verbeek

Exit Marrakech

Sie können diese Filmkritik unbesorgt lesen, ich werde keine entscheidenden Geheimnisse der Handlung verraten.

„Der Familie kann niemand entkommen“, sagt Caroline Link und arbeitet sich als echte Autorenfilmerin Stück für Stück daran ab. Bens Eltern leben getrennt (wie gefühlt 100% aller deutschen Film-Eltern, aber das nur nebenbei). In den Abitur-Ferien fährt er mehr gedrängt als begeistert zu seinem Vater, einem Theater-Regissuer, der in Marokko auf Tournee ist. Die beiden finden nicht zueinander, Ben braucht eine Pause vom Vernünftigsein, der Vater inszeniert sich als unangepaßter Außenseiter. Nach ein paar kleinen Fluchten haut Ben ernsthaft ab, und eine Art Coming-Of-Age-Roadmovie entwickelt sich. Eine junge Frau taucht auf, Prostituierte in der Stadt, gesittete Tochter (und Goldesel) in ihrem Heimatdorf. Die drei finden und verlieren sich wieder, irgendwann wird Bens Zahnspange aufgebrochen wie Gitterstäbe.

Ben hat Diabetes – damit der Vater nicht sein einziger Konflikt ist und er auch aus diesem Grund zu erwachsen für sein Alter sein muß, erklärt die Regisseurin. Trotzdem wirkt er damit ein wenig überfrachtet. Zu oft bekommen die Hauptpersonen in Jugenddramen mehr oder weniger exotische Zusatzprobleme aufgepfropft, man würde sich auch mal eine Figur ohne solche Extras wünschen. Seine erste Insulin-Spritze im Hotel wird prompt mit Drogen verwechselt, dem Zuschauer wird die Szene ebenso irritierend präsentiert, das zumindest ist eine Abwechslung. Und wenn Karima Ben um ein Gute-Nacht-Lied bittet, stimmt er natürlich Der Mond ist aufgegangen an, den kleinsten gemeinsamen Nenner einer coolen Volksweise.

Schön ist, wie Caroline Link die Handlung treiben läßt, manchmal ist sie dadurch aber auch nicht ganz klar: Ben zerbricht aus Versehen seine Diabetes-Ausrüstung, kann sich dann aber doch wieder messen und spritzen. Einige Szene sind auch einfach zu kurz, um zu wirken. Dafür dauert es recht lang, bis Vater und Sohn endlich gemeinsam unterwegs sind (was schließlich das Herz des Films sein soll).

Ihr Weg führt sie durch eine Reihe recht skurriler Hotels, der Kontrast wird ausgespielt zwischen dem Touristenzentrum Marokko und dem Land, wo niemand darauf vorbereitet ist, daß ein Europäer auftaucht. Es war natürlich hilfreich, daß Caroline Link einige der Drehorte von früheren Reisen bereits kannte. Die meisten Rollen sind mit Schauspielern besetzt (Karima und ihre Familie beispielsweise), nur gelegentlich griff sie auf Laien zurück. Das ging ziemlich problemlos, selbst Straßenkinder besitzen inzwischen „Medienkompetenz“, wie die Regisseurin sagt, filmen sich gegenseitig mit dem Handy und agieren vor der Kamera ganz natürlich.

Eigentlich nichts falsch gemacht, aber etwas knackiger hätte das Ganze schon inszeniert werden können. Die Momente der Ungewißheit vergehen zu schnell, die Geschichte bleibt letztendlich auf vorhersehbaren Bahnen.

Meine IMDb-Bewertung: ****** (6 von 10)

Exit Marrakech, Deutschland, 2013, 123 min.
Drehbuch und Regie: Caroline Link
Kamera: Bella Halben
Darsteller: Samuel Schneider, Ulrich Tukur, Hafsia Herzi, Josef Bierbichler

A Liar’s Autobiography

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„Graham Chapman, co-author of the Parrot Sketch, is no more. He has ceased to be, bereft of life, he rests in peace, he has kicked the bucket, hopped the twig, bit the dust, snuffed it…“ Mit diesen Worten begann John Cleese seine Grabrede für Graham Chapman (womit er unfreiwillig auch seine eigene Eitelkeit preisgab, indem er ihn nur Co-Autor nennen konnte), wenig später erüllte er ihm den – vermuteten – letzten Wunsch, bei einer Beerdigung „fuck“ zu sagen.

Wenn der Film gegen Ende diese Szene erreicht, erscheint einem daran nichts mehr ungewöhnlich nach dem Feuerwerk an Absurdität, das man zuvor erlebt hat. Irgendwann erzählt Chapman recht unvermittelt, wie aufgebracht seine Eltern nach seiner Geburt waren, weil sie einen heterosexuellen schwarzen Juden erwartet hatten. Graham Chapman war der aggressivste Komiker bei Monty Python (und damit wohl weltweit), das berühmte Ministerium für alberne Gangarten hatte er ursprünglich als Ministerium für Zorn angelegt. Die Verfilmung seiner gleichnamigen (es wurde nur auf den Zusatz „Kapitel VI“ verzichtet) Autobiographie  gliedert sein Leben in einzelne Kapitel, die allesamt in jeweils ganz eigenem Stil animiert sind – einmal natürlich mit ausgeschnittenen Fotos wie im Flying Circus. (Nur die 3D-Fassung stört wie üblich, die nun erschienene DVD kommt ohne sie aus.)

Bill Jones, Sohn von Terry Jones, und Ben Timlett haben bei ihrer Fernseh-Kurzserie Monty Python: Almost the Truth – Lawyers Cut 2009 wohl geübt für den großen Wurf, den sie nun abliefern. Das Ergebnis ist eher etwas für Spezialisten. Auf altbekannte Sketche und Anekdoten wird fast komplett verzichtet, manche Szenen bleiben ohne gute Vorkenntnise recht unverständlich – etwa, daß die Pythons anfangs darüber diskutierten, ihre Serie Owl Stretching Time zu nennen. Auch die Betonung auf Chapmans hedonistisch ausgelebter Homosexualität, seinem Kettenrauchen und schwerem Alkoholismus dürfte bei „Softcore-Fans“ nicht so gut ankommen.

Daß der Film die üblichen Erwartungen unterwandert, eben keine braven Sentimentalitäten und (heutzutage) sichere Lacher abliefert, macht ihn freilich so sehenswert. Als Glücksfall erweist sich, daß Ton-Aufnahmen von Lesungen Chapmans aus seinem Buch existieren. So hört man die meiste Zeit ihn selbst aus dem Off, neben David Sherlock, seinem langjährigen Lebensgefährten. Die restlichen Pythons, auch Carol Cleveland, übernehmen in altbekannter Manier vielerlei verschiedene Rollen, um Chapmans Eltern, Bekannte und allerlei Prominente zu sprechen. Für einen kurzen Moment taucht sogar Cameron Diaz als Sigmund Freud auf. Dieses Werk ist ein kleines Juwel unter den Film-Biographien der letzten Jahre.

Meine IMDb-Bewertung: ******** (8 von 10)

A Liar’s Autobiography: The Untrue Story of Monty Python’s Graham Chapman, Großbritannien, 2012, 85 min.
Regie: Bill Jones, Jeff Simpson und Ben Timlett
Drehbuch: nach der Autobiographie A Liar’s Autobiography: Volume VI von Graham Chapman und David Sherlock
Kamera:
Darsteller: Graham Chapman, Philip Bulcock, John Cleese, Carol Cleveland, Cameron Diaz, Terry Gilliam, Terry Jones, Michael Palin

Der Kongress

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Ijon Tichy ist einen weiten Weg gegangen, nun hat er sich in Robin Wright verwandelt. Forever young

Wer hätte gedacht, daß sich Ari Folman nach seinem Welterfolg Waltz with Bashir, dem Animations-Essay über den Libanonkrieg, als nächstes einen Science-Fiction-Roman von Stanislaw Lem vornimmt? Tatsächlich ist das nur auf den ersten Blick eine erstaunliche Wahl, denn durch eine geniale Idee in der Umsetzung ist auch Der Kongress, benannt nach dem Buchtitel unter Weglassung des heute antiquiert klingenden „futurologisch“, in weiten Teilen animiert.

Robin Wright, vielleicht besser bekannt als Robin Wright Penn, wie sie während ihrer Ehe mit Sean Penn hieß, spielt mit sehr viel Sinn für Selbstironie Robin Wright, den ehemaligen Superstar, der zu viele Rollen abgelehnt hat oder platzen ließ und nun als allein erziehende Mutter mit Sohn und Tochter neben einem Flugplatz in der Einöde wohnt. Die echte Robin Wright hat Sohn und Tochter und ist berüchtigt dafür, nach ihrem kometenhaften Aufstieg mit dem California Clan viele Rollen in großen Produktionen wie Batman ForeverDie Firma oder Robin Hood – König der Diebe abgelehnt oder platzen lassen zu haben. Etwas störend bei diesem Spiel mit Realität und Fiktion ist nur, daß man neben ihr dauernd Harvey Keitels Charaktergesicht sieht, es sich dabei aber um ihren Agent handeln soll. Zuerst hatte Ari Folman für die Hauptrolle übrigens Cate Blanchett im Kopf (im fertigen Film findet sich noch die eine oder andere Anspielung auf australische Schauspielerinnen), für diese Art der Selbstentblößung als zweifelnder, unsicherer Mensch voller Probleme war sie aber definitiv ungeeignet.

Robin Wright also bekommt das Angebot, die Rechte an sich selbst als Schauspielerin an ein Filmstudio abzutreten. Sie muß sich nur komplett einscannen lassen, ähnlich wie es heute bereits mit Motion-Capture-Anzügen gehandhabt wird – dann kommen in Zukunft Filme mit der Daten-Robin ohne Zutun der echten Robin Wright aus dem Computer. So wird aus ihrem digitalen Alter Ego ein Action-Star, der im Making Of zu seiner neuesten Fortsetzung erzählt: „Für mich war das wie ein Dokumentarfilm.“ 20 Jahre später ist die Technik weit fortgeschritten, man kann inzwischen seine Lieblinge als Getränk kaufen. Der Vertrag muß verlängert werden, und Robin Wright fährt zum Kongreß in eine strikt animierte Zone…

Lems Roman erschien 1970 und war eine grelle Satire, auf Kommunismus, Überbevölkerung und vieles mehr. Das meiste davon, auch die wie nebenbei prophezeihten Entwicklungen etwa bei Flughafenkontrollen, bleibt im Film außen vor. Er konzentriert sich auf den Kern der Geschichte: die Manipulation der Wahrnehmung, eine ganze Gesellschaft unter Wohlfühl-Drogen, damit niemand mehr die Realität erkennen kann. Die Rolle der chemischen Duftstoffe, die im Buch für die Halluzinationen sorgen, übernimmt im Film die Animation, und den technischen Fortschritt kann man bildlich mit verfolgen: Während des Kongresses sieht man noch altbacken wirkende looney tunes, später wandelt sich das Aussehen der Avatare. Schließlich fliegt eine Robin Wright, deren Alter bereits sehr ungewiß ist, durch die Lüfte und singt tatsächlich selbst: Forever Young.

Der polnisch-stämmige Regisseur hat eine ganze Weile an dem Roman, den er bereits als Teenager las, geknabbert, bis er ihn geknackt hat. Seine Verfilmung ist sehr frei, kehrt aber zwischendurch immer wieder zur Vorlage zurück, etwa wenn sich die Überlebenden im unter Wasser stehenden Keller des Hotels sammeln. Eine Vielzahl an echten Stars und Persönlichkeiten taucht in animierter Form auf, offensichtlich ohne daß die Originale davon wußten. Manche Anspielungen sind etwas plump (zum Beispiel der mönchsartige Technik-Guru namens Reeve Bobs) – andererseits wird der Ausspruch einer Hollywood-Agentin kolportiert: Tom Cruise würde sich im Film niemals selbst erkennen. Trotzdem erstaunlich, daß sich der Regisseur nicht vorab gegen beleidigte Klagen abgesichert hat.

Natürlich könnte der Film noch besser sein, die Animation orignärer, die Illusionsebenen einen stärker einfangen. Die Einleitung bis zum Scannen ist auch zu langsam, fast als hätte Ari Folman Sorge, das Gesicht seiner Darstellerin würde sich dem Zuschauer sonst nicht genug einprägen, bevor sie durch einen Cartoon ersetzt wird. Diese Sorge ist bei Robin Wright unbegründet. In einem schönen Spiel mit ihrem Namen läßt ihr Sohn (nachdrücklich gespielt von Newcomer Kodi Smit-McPhee) ein Modell des Flugzeugs der Gebrüder Wright als Drachen steigen, und ein Kollege spricht sie einmal an: „Robin. Right?“ Die echte Robin Wright ist übrigens demnächst neben Philip Seymour Hoffman, Willem Dafoe, Daniel Brühl und Rachel McAdams im neuen Film von Anton Corbijn zu sehen und scheint ihre Karriere ganz gut im Griff zu haben.

Meine IMDb-Bewertung: ******** (8 von 10)

The Congress, Deutschland, 2013, 122 min.
Regie: Ari Folman
Drehbuch: Ari Folman nach dem Roman Der futurologische Kongress von Stanislaw Lem
Kamera: Michal Englert
Darsteller: Robin Wright, Harvey Keitel, Kodi Smit-McPhee

Feuchtgebiete

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Obwohl Charlotte Roches Auftritte im Fernsehen nicht alle so ganz glücklich wirken (als Gast in der Harald Schmidt Show war sie immer witziger und funkensprühender als bei ihren eigenen Moderationen), muß man sie sich zweifellos als intelligenten Menschen vorstellen. Die Verfilmung ihres Bestsellers Feuchtgebiete wartet nun mit einer mittelgroßen Überraschung auf: Sie reiht sich nicht in das Genre extrem anspruchsloser und grobschlächtiger Komödien wie Hangover und Grown Ups ein, nein, sie ist sogar eher brav geworden.

An einem Skandal war offensichtlich keiner der Beteiligten interessiert. Roche wählte den Produzenten aus und hielt sich ansonsten sympathischerweise im Hintergrund. Ihre Wahl fiel auf Peter Rommel, der oft mit Andreas Dresen zusammenarbeitet; dieser entschied sich für David Wnendt als Regisseur. Tatsächlich ist Feuchtgebiete erst Wnendts zweiter Spielfilm und dürfte ihm als Karriere-Sprungbrett dienen.

Das Grundszenario ist wohl allgemein bekannt. Charlotte Roche will den vor allem unter jungen Frauen verbreiteten Hygiene-Fimmel als pathologisch entlarven, indem sich ihre Hauptfigur dem eben nicht unterwirft. Leider zeigt Helen nun jedoch einen pathologisch wirkenden Unhygiene-Fimmel, steckt sich dauernd die Hand ins Höschen und alles in den Mund, wechselt gebrauchte Tampons mit ihrer „Blutsschwester“ und begeht laufend Tabubrüche, die zusehends zum Selbstzweck werden, etwa wenn sie im Krankenhaus in die Wasserflaschen anderer Patienten spuckt oder die Fleischzange voll Menstruationsblut ihrem grillenden Vater wieder in die Hand drückt. Auch hemmungslos ausgelebte Launen und ihr geradezu zwanghaftes Verhalten, in jedem Gespräch provozieren zu müssen, läßt eher sie gestört und die anderen gesund wirken.

Ja, Helen ist keine sympathische Hauptfigur, das hat sie mit der Neonazi-Göre aus Wnendts Debut Kriegerin gemein. Der Regisseur, der auch am Drehbuch arbeitete, hat ihr daher einen zuckersüßen Sidekick verpaßt: Corinna, das rehäugige Lockenköpfchen, kommt im Buch eher am Rande vor. Sie ist lieb und naiv und trotzdem die beste Freundin der wilden Helen. In weiteren Nebenrollen finden sich einige bekannte Gesichter – Axel Milberg gibt den Vater-Klotz, Edgar Selge ist der übliche Verdächtige für den Part des Arztes ohne jegliches Einfühlungsvermögen, während Meret Becker grandios fehlbesetzt ist als neurotische Spießer-Mutter ohne Gewissen. Die Schweizer Nachwuchsschauspielerin Carla Juri ist für die Darstellung der Helen von der Kritik bereits einhellig bejubelt worden. Tatsächlich meistert sie die vielen Fallstricke ihrer Rolle souverän und besteht auch in den häufigen Close-Ups, nur ihre Sprache irritiert: Die Off-Texte spricht sie wie eine Charlotte-Roche-Imitatorin (keine Absicht, versichert der Regisseur), bei den Krankenbesuchen ihres Vaters klingt ihre Sprache noch schweizerisch eingefärbt – diese Szenen wurden wohl zuerst gedreht.

Helens Alter bleibt unklar: Mal ist sie Schülerin, mal jobbt sie bereits in einer Schlachtfabrik. Ekelszenen finden sich nur zu Beginn gehäuft, nach 20 Minuten schneidet sich Helen schließlich bei der Imtimrasur in eine sehr empfindliche Körperstelle und landet blutend im Krankenhaus, dem Zentrum von Buch und Film. Dort wird auch das doch sehr altbackene Hauptmotiv offenbart: Helen möchte ihre geschiedenen Eltern wieder zusammenführen. Was das dann noch mit Aufklärung zu einem freieren Umgang mit dem eigenen Körper zu tun haben soll, sei dahingestellt.

Stilistisch greift Wnendt nicht zum Chirurgenbesteck: Die Farben sind knallig bunt, etwas viel kommt aus dem Computer (was dann aber auch nicht Konzept sein soll), die Musik klappert allzu Offensichtliches ab wie etwa Peaches. Interessanter sind die kontrapunktisch gewählten Stücke, zum Beispiel in der Pizza-Szene, für die vier Pornodarsteller gecastet wurden. Auch ein Drehort wie das halb überwucherte Schwimmbad schreit geradezu heraus: Ich will eine Film-Location sein!

Ein paar feine Momente gibt es zwischendurch – die Familie sitzt beim Abendessen, aber man hört sie nur aus dem Off, während im Fernsehen Katstrophen-Nachrichten laufen -, gegen Ende fällt der Film aber zusehends auseinander. Die Klimax mit dem Kindheitstrauma wird mit unpassenden Gimmicks vorbereitet, es gibt auch eine völlig sinnlose Drogenszene. Unausweichlich, aber komplett unmotiviert: Helen und ihr Pfleger werden am Schluß ein Paar.

Die intimen Aufnahmen wirken manchmal albern abgezirkelt, manchmal sind sie überraschend freizügig. Tatsächlich bilden sie das eigentlich Besondere an einem sonst eher durchschnlttlichen Film.

Meine IMDb-Bewertung: ******* (7 von 10)

Feuchtgebiete, Deutschland, 2013, 109 min.
Regie: David Wnendt
Drehbuch: Claus Falkenberg, Sabine Pochhammer und David Wnendt nach dem gleichamigen Roman von Charlotte Roche
Kamera: Jakub Bejnarowicz
Darsteller: Carla Juri, Marlen Kruse, Christoph Letkowski, Meret Becker, Axel Milberg, Edgar Selge

Die Legende von Kaspar Hauser

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Kaspar Hauser, der Junge, der vor 200 Jahren aus dem Nichts auftauchte, hat von Anfang an die Fantasie der Menschen angeregt. Ohne jeglichen Kontakt in einem Verlies aufgewachsen, gar ein verstoßener Prinzensohn soll der geistig etwas Zurückgebliebene gewesen sein – was wohl kaum der Realität entsprechen dürfte. Davide Manuli hat aus der Geschichte nun endgültig eine Parabel gemacht.

Ufos fliegen über den Sheriff hinweg, dann tanzt er in einem italienischen Städtchen ein Duell auf Leben und Tod mit dem Drogendealer. Als Kaspar Hauser an den Strand gespült wird, nimmt er sich seiner an und will ihm beibringen, DJ zu werden. Doch auch die Herzogin und der Priester interessieren sich für den Knaben, der von einer Frau gespielt wird. Es sind deutlich surreale Szenen, die in klarem Schwarz-Weiß gefilmt sind, fast immer ohne Schnitt, oft mit unbewegter Kamera. Auch die ironisch übersteigerte Kostümierung der Figuren, die ja gesellschaftliche Rollen und keine individuellen Personen darstellen, trägt ihren Teil zur starken visuellen Stilisierung bei. Am deutlichsten prägt den Film jedoch der von Vitalic beigesteuerte Elektro-Soundtrack, etliche Szenen muten geradezu wie Videoclips an.

Fragt man sich zu Beginn noch, was das alles mit Kaspar Hauser zu tun haben soll, so tauchen nach und nach bekannte Elemente auf. Kaspar wird zeitweise einem Käfig gesperrt, er möchte „ein Reiter werden, wie mein Vater einer gewesen ist.“ Alle haben angeblich nur sein Wohl im Sinn, projizieren aber bloß ihre eigenen Wünsche auf ihn und zerren an dem armen Tropf, bis er zugrunde gehen muß. So wird Kaspar zum Sinnbild des modernen, verlorenen Menschen, wie Davide Manuli selbst bekräftigt. Das funktioniert erstaunlich gut, dazu passen auch die (zumindest für Kaspar) ununterbrochen wummernden Bässe, zu denen er beständig im Takt zuckt und zappelt. Eine besonders schöne Idee sind die Kopfhörer, die er immer trägt und die ihn von der Außenwelt trennen.

Davide Manuli brauchte viele Jahre und hatte nicht viel Geld zur Verfügung, um seine eigenwillige Idee realisieren zu können. Schließlich wurden in nur drei Wochen auf Sardinien die zum Teil komplexen Plansequenzen gedreht. Das ging leider nicht ohne Fehler vonstatten, mehrfach kommt das Mikro oder sein Schatten ins Bild, einmal ist es sogar aus der Not geboren auf einem Boot einfach zwischen den beiden Schauspielern plaziert. Auch die Untertitel sind nachlässig angefertigt und stehen immer wieder weiß auf weiß bis hin zur völligen Unlesbarkeit.

Das amerikanische enfant terrible Vincent Gallo ist nach einiger Pause nun wieder häufiger zu sehen, hier sogar in einer Doppelrolle als Sheriff und als Pusher. Während er letzteren als italienischen Gigolo spielt, ist er als Sheriff so lakonisch steif wie eh und je, sein Wortschatz besteht fast nur aus „yeah“. Der eigentliche Glücksgriff ist aber die Performance-Künstlerin Silvia Calderoni als Kaspar Hauser, die der Regisseur erst direkt vor Drehbeginn gecastet hat, nachdem er zuvor vergeblich einen jungen Zirkusartisten für die Rolle gesucht hat. Sie begreift die Figur sehr körperlich, nicht Kaspars wenige gesprochenen Sätze sind entscheidend, sondern die vielen subtilen Bewegungen.

Davide Manuli, der schon für Al Pacino und Abel Ferrara gearbeitet (und darüber den Kontakt zu Vincent Gallo hergestellt) hat, nennt Stranger than Paradise und Down by Law von Jim Jarmusch als Vorbilder. Dabei denkt er an dessen Kameratechnik mit nur sehr wenigen Einstellungen. Sein Film erinnert aber mehr an die rabiaten frühen Filme von Werner Herzog, der ja selbst einen Kaspar-Hauser-Film gemacht hat, und ein wenig an das Kuriosiätenkabinett bei Fellini. Trotz seiner Schwächen ist er ein Erlebnis, das man am besten im Kino bei voller Lautstärke genießen sollte.

Meine IMDb-Bewertung: ******* (7 von 10)

La leggenda di Kaspar Hauser, Italien, 2012, 95 min.

Drehbuch und Regie: Davide Manuli

Kamera: Tarek Ben Abdallah

Darsteller: Silvia Calderoni, Vincent Gallo

Laurence Anyways

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Vor einiger Zeit war in der Zeitung von einem Franzosen zu lesen, der vor Gericht die Erlaubnis erstritten hat, nach seiner Geschlechtsumwandlung in eine Frau weiterhin mit seiner Ehefrau verheiratet sein zu dürfen. Eine ähnliche Geschichte erzählt Xavier Dolan in Laurence Anyways. Es ist bereits der dritte Film des 1989 geborenen Kanadiers nach seinem Wunderkind-artigen Debut I Killed My Mother und dem ein wenig überschätzten Herzensbrecher, der sich hier einmal mehr als Spezialist für sexuelle Sonderwege erweist.

Am Anfang wirkt alles noch recht prätentiös, ein wildes Boheme-Leben wird zelebriert, die Szenen wirken improvisiert, die Kamera wackelt wild vorwärts und rückwärts. Die besseren Momente sind hier die gelegentlich eingestreuten Impressionen ohne Text, in der Disco, der Blick von Schülerin zu Schülerin bei einer Prüfung. Hier (und auch später) zeigt sich, was für ein Händchen der Regisseur bei seiner Musikauswahl hat.

Nach zwanzig Minuten outet sich dann der coole Lehrer und Gelegenheits-Schriftsteller Laurence seiner Lebensgefährtin Fred, einer wilden und attraktiven Künstlerin: Er liebt Frauen, fühlt sich aber schon immer im falschen Körper und will selbst eine werden. Ab diesem Moment wird der Film schlagartig deutlich besser, nicht zuletzt in den Dialogen. Nach einigem Zögern entschließt sich Fred (die ironischerweise einen männlich klingenden Namen trägt), Laurence beizustehen. Es folgt ein jahrelanger emotionaler Ringkampf, die Liebe zwischen Laurence und Fred erscheint so unerreichbar wie die schwarze Insel, zu der sie immer reisen wollen.

Das erinnert ein wenig an Pedro Almodóvar, und zwar im besten Sinne. Dolan beweist mit Anfang Zwanzig schon mehr Reife, als die meisten ihr Leben lang erreichen. Unter Vermeidung von jeglichem Kitsch schafft er, daß man nie das Gefühl hat, einem Problemfilm beizuwohnen. Obwohl Laurences Problem fremd bleiben muß, erscheint es einem irgendwann völlig normal. Laurence stößt dabei kaum auf plumpe, gewalttätige Ablehnung der Gesellschaft, so muß ein Film offensichtlich heute ein derartiges Thema nicht mehr angehen.

Dolan zeigt ein besonderes Gespür für Feinheiten. Laurences Kostümierung als Frau verzichtet von Beginn an auf die üblichen Crossdressing-Klischees, dennoch erkennt man eine Entwicklung. Anfangs trägt Laurence zum Beispiel immer einen großen Ohrring im linken Ohr, irgendwann verzichtet er auf diese Macke. Bemerkenswert ist sein erster Auftritt an der Schule, wenn er mit noch recht männlichem Gang den Spießrutenlauf zwischen den Schülern absolviert, und die Jugendlichen je nach Clique alle auch ihre Verkleidung tragen.

Laurence, Fred, ihre zickige Schwester, Natalie Baye als Laurences schroffe Mutter und alle anderen Personen in diesem Film sind auf ihre Art scharfsinnig und besitzen auch dann ein Herz, wenn sie gerade gemein sind. Sie sind nicht lustig und schlagfertig wie in einer Screwball Comedy, sondern wie echte Menschen. Insbesondere Suzanne Clément verkörpert die Rolle von Fred herausragend, die in gewissem Sinn sogar die Hauptfigur ist. Zumindest im Original hört man die Leute in Quebec ein Französisch sprechen, in das sich in Momenten der Erregung immer wieder lustig wirkende englische Einsprengsel mischen.

Trotz einiger Widerholungen trägt Laurence Anyways auch über die beachtliche Länge. Die gesamte letzte Stunde nach der Weihnachtsfeier könnte man weglassen und hätte trotzdem einen fertigen Film. Der Regisseur will aber mehr und schafft das auch. Er dreht das Rad noch weiter, bis die Gefühle aller Beteiligten so sehr verstrickt sind, daß sie sich nie wieder auflösen lassen werden. Ein paar Mal befürchtet man kurz, er würde übertreiben, aber mit traumwandlerischer Sicherheit schafft er es, nie abzustürzen. Dolan übersteigert einige Szenen und packt eigentlich viel zu viel in seinen Film, doch man verzeiht ihm alles gerne. Ihm gelingen Momente echter Wahrhaftigkeit, ein sehr seltenes Erlebnis, nicht nur im Kino.

Man fragt sich, was für Filme Dolan wohl machen wird, wenn er dreißig, vierzig, fünfzig Jahre alt ist. Bis dahin kann man einem Meister bei der Entwicklung zusehen.

Meine IMDb-Bewertung: ******** (8 von 10)

Laurence Anyways, Kanada/Frankreich, 2012, 168 min.

Drehbuch und Regie: Xavier Dolan

Kamera: Yves Bélanger

Darsteller: Melvil Poupaud, Suzanne Clément, Nathalie Baye

Paradies: Hoffnung

Sie können diese Filmkritik unbesorgt lesen, ich werde keine entscheidenden Geheimnisse der Handlung verraten.

Erst findet Mutti Gefallen an den beach boys in Kenia, dann quält sich die Tante durch ihre eifernde Frömmigkeit, schließlich wird die Tochter ins FettDiät-Camp verfrachtet: Überall kann man das Paradies finden. Die 13-jährige Melanie, gespielt von der 13-jährigen Melanie Lenz, verliebt sich heil- und hilflos in den viermal so alten Arzt.

Ulrich Seidl breitet mal wieder ein Gruselkabinett der Spießigkeit aus. Der völlig herunter gewirtschaftete Trainer läßt seinen Frust an den natürlich höchst unsportlichen Kindern aus, die abgelegene Anlage sieht aus wie ein DDR-Plattenbau, die entsetzlich biedere Trainerin singt mit den jungen Übergewichtigen tatsächlich: „If you’re happy and you know it, clap your fat.“ Die Klischees sind Wirklichkeit geworden, der Film wirkt echter als das echte Leben.

Ja, making a film with Seidl: Wie er mit Laien arbeitet, ist immer wieder erstaunlich. Seidl führt seine Figuren nie vor, er beläßt ihnen nicht nur ihre Würde, sondern macht sogar Helden aus ihnen (auch wenn das Publikum manchmal über sie lacht). Erneut hat er nur einige wenige professionelle Schauspieler wie Joseph Lorenz als Arzt besetzt, und wie natürlich all die Teenager ihre schwierigen Szenen spielen, ist schlichtweg unfaßbar. Am eindrücklichsten bleibt das nächtliche Flaschendrehen in Erinnerung, eine der nicht wenigen heimlichen Fluchten aus dem tristen Camp-Trott.

Und eigentlich ist es bei Seidl am Ende nie so schlimm, wie es zuerst scheint. Seine Filme kommen ohne katastrophale dramatische Zuspitzungen aus und ähneln auch darin der Realität. Melli, ihre durchsetzungskräftige Co-„Insassin“ Verena, der von den ungelenken Annäherungsversuchen gleichermaßen geschmeichelte wie überforderte Arzt, sie alle stolpern durch ein verwirrendes Leben und versuchen, sich darin zurecht zu finden. Nie fühlt man sich als Zuschauer in der Position, über sie zu urteilen.

Tatsächlich hatte Ulrich Seidl seine Paradies-Trilogie ursprünglich als einen Film geplant und vor inzwischen drei Jahren gedreht. Die jetzige Aufteilung auf einzelne Filme ist aber viel sinnvoller, wahrscheinlich auch die Reihenfolge mit dem skandalträchtigsten Thema zuerst und dem vergleichweise harmlosen zuletzt. Es gibt leichte Berührungspunkte, etwa die gegenseitigen Versuche von Mutter und Tochter, sich mal ans Telefon zu bekommen. Man kann jedoch jeden Film problemlos einzeln sehen.

Meine IMDb-Bewertung: ******** (8 von 10)

Paradies: Hoffnung, Österreich/Frankreich/Deutschland, 2013, 100 min.

Regie: Ulrich Seidl

Drehbuch: Ulrich Seidl und Veronika Franz

Kamera: Edward Lachman und Wolfgang Thaler

Darsteller: Melanie Lenz, Verena Lehbauer, Joseph Lorenz

Beasts of the Southern Wild

Sie können diese Filmkritik unbesorgt lesen, ich werde keine entscheidenden Geheimnisse der Handlung verraten.

Das kleine Mädchen lebt nicht im finsteren Wald, sondern im Schwemmland des Mississippi-Deltas, zwischen Erde und Meer. Die tauenden Polkappen geben die urzeitlichen Auerochsen wieder frei, und der Vater schießt voller Urgewalt mit seiner Flinte auf den hereinbrechenden Sturm.

Dieser Film ist ein Märchen, in jeder Hinsicht. Ein Künstlerkollektiv hat mit Laiendarstellern einen völlig unwahrscheinlichen Überraschungserfolg erarbeitet. Gedreht wurde unter erschwerten Bedingungen: mit Kindern, mit Tieren, im Wasser. Herausgekommen ist ein Meisterwerk.

Nun, mit einigen Jahren Abstand, werden die Filme gemacht, die Katrina tatsächlich thematisieren und nicht einfach den Sturm spontan eingebaut haben. Die Außenseiterbande, die die „bathtub“, ihre Heimat jenseits der Deiche, selbst unter Zwang nicht verlassen will, ist in ihrer Unbeirrbarkeit gleichermaßen vorbildlich wie abschreckend. Die unruhige Kamera, die fantastischen Ereignisse zeigen die schreckliche Schönheit der Natur durch die kindlichen Augen der kleinen Hushpuppy, die sich die (vom Regisseur Benh Zeitlin komponierte) Filmmusik dazu imaginiert.

Dieses Mädchen ist selbst ein unaufhaltsames Naturereignis. In monatelanger Suche aus tausenden Kindern ausgewählt, bringt Quvenzhané Wallis eine mühelose Präsenz auf die Leinwand, die kaum ein erwachsener Schauspieler je erreichen kann. Der Regisseur erzählt, mit welcher Selbstverständlichkeit sie manchmal seine Anweisungen konterte: „Ich bin erst sechs Jahre alt. Ich weiß nicht, was Motivation heißt!“ Dwight Henry, der ihren Vater spielt, leistet ebenfalls Erstaunliches. Eigentlich ein Bäcker und eher zufällig zu der Rolle geraten, bestand er darauf, nachts mit dem Regisseur zu üben, während er das Brot für den nächsten Morgen zubereitete. Auch die anderen Laien spielen außergewöhnlich. Aus Improvisationen und vielen Gesprächen wurde die endgültige, verbindliche Drehbuchfassung erstellt. Am schwierigsten umzusetzen war eine Szene gegen Ende, in der alle weinen mußten, hier mußten die Darsteller ihr fehlenden schauspielerischen Kenntnisse durch Psycho-Tricks gegen sich selbst ersetzen.

Es hat sich für Benh Zeitlin ausgezahlt, daß er bei seinem Debut den Mitstreitern freie Hand ließ. „Ich erzählte dem Ausstatter, um was für eine Person es sich bei einer Rolle handelt. Er baute dann ihr Haus.“ Wie so oft befeuerten die starken finanziellen Zwänge die Kreativität, erforderten originelle Ideen statt naheliegender Klischees. Die Trickaufnahmen der gewaltigen Auerochsen etwa wurden mit dressierten vietnamesischen Schweinen gedreht, denen Felle von Wasserratten umgehängt waren. Das erzeugt eine bessere Illusion als eine Computer-Animation auf dem aktuellen Stand der Technik, deren Anmutung lauter unpassende Assoziationen wecken würde.

Gegen Ende wird Beasts of the Southern Wild immer märchenhafter. Die Kinder gelangen auf der Suche nach dem Leuchtturm, den sie für die tote Mutter halten, in ein Bordell mit dem Namen Elysian Fields, das wie aus den Zwanziger Jahren wirkt. Man wird die Selbstverständlichkeit nicht so schnell vergessen, mit der die Menschen in diesem Film allen Widrigkeiten des Lebens trotzen: „In a million years, when kids go to school, they gonna know: Once there was a Hushpuppy, and she lived with her daddy in the Bathtub.“

Meine IMDb-Bewertung: ********* (9 von 10)

Beasts of the Southern Wild, USA, 2012, 93 min.

Regie: Benh Zeitlin

Drehbuch: Benh Zeitlin und Lucy Alibar nach ihrem Bühnenstück Juicy and Delicious

Kamera: Ben Richardson

Darsteller: Quvenzhané Wallis, Dwight Henry

Mekong Hotel

Sie können diese Filmkritik unbesorgt lesen, ich werde keine entscheidenden Geheimnisse der Handlung verraten.

Das thailändische Kino wird im Prinzip mit zwei Namen verbunden: dem Martial-Arts-Meister Panom Yeerum, besser bekannt als Tony Jaa, und dem Arthouse-Liebling Apichatpong Weerasethakul, der sich der Einfachheit halber Joe nennen läßt. Mit Blissfully Yours und Tropical Malady machte er vor einigen Jahren auf sich aufmerksam, für Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben erhielt er 2010 die Goldene Palme in Cannes.

Weerasethakul erschafft sozusagen das Gegenstück zum rasanten asiatischen Action-Kino, er gilt als Meister der langen und langsamen Einstellungen. Sitzt man im Kino, wirken seine Filme aber gar nicht so extrem, was sicherlich kein schlechtes Zeichen ist. Meistens interesiert er sich für Geistergeschichten, so auch in Mekong Hotel, wo sie Tiere und vielleicht auch Menschen fressen. Seine Geister unterscheiden sich freilich von europäischen Gespenstern oder denen aus japanischen Gruselfilmen, die vor einiger Zeit einen großen Boom erlebten. Bei Weerasethakul können zwei Personen auf einem Bett sitzen und miteinander reden, aber deswegen müssen nicht beide als reale Menschen anwesend sein.

Viele Kurzfilme hat er in den letzen Jahren gedreht, auch Mekong Hotel ist mit einer Länge von 60 Minuten für Weerasethakul eigentlich ein Capriccio. Auf eine Handlung verzichtet der Regisseur, auch auf eine Chronologie im üblichen Sinn, alles scheint gleichzeitig stattzufinden. Eine Hauptrolle spielt auf jeden Fall der Mekong, er taucht in vielen Einstellungen auf. Das unspektakuläre, fast unmerkliche Dahinströmen des Flusses ist dabei trotzdem von ungeheurer Präsenz. Auf der Tonspur liegt fast ununterbrochen eine Aufnahmesitzung mit einem Musiker, sogar inklusive Dialogbruchstücken mit dem Regisseur. Als wäre das noch nicht verwirrend genug, besteht das Bildmaterial zu großen Teilen aus Testaufnahmen für einen noch nicht realisierten Film: Weerasethakul ist bei aller angenehmen Lockerkeit auf einem nicht ungefährlichen Weg, beliebig zu wirken; die ungeschnittenen Musikaufnahmen können als zusätzliche Brechung wirken oder aber als Nachlässigkeit.

Tatsächlich ist die Musik zu laut, die Dialoge wären teilweise wohl nur schwer zu verstehen (was angesichts der Untertitel egal ist). Und wenn die Exotik nicht wäre – würde man manche Szenen nicht einfach langweilig finden? Wenn man sich darauf aber einläßt, entwickelt der Film trotzdem einen unwiderstehlichen Sog, man fühlt sich am Ende entspannt wie nach einer Meditations-Stunde. Und Weerasethakul besitzt zweifellos Humor: Im Abspann schreibt er, daß die Figuren echt und nicht fiktiv sowie Ähnlichkeiten mit dem Leben kein Zufall seien.

Meine IMDb-Bewertung: ****** (6 von 10)

Mekong Hotel, Thailand/Großbritannien, 2012, 61 min.

Drehbuch, Kamera und Regie: Apichatpong Weerasethakul

Darsteller: Jenjira Pongpas, Maiyatan Techaparn, Sakda Kaewbuadee

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