Augentröster   

Filme von Franz Indra

Chained

Sie können diese Filmkritik unbesorgt lesen, ich werde keine entscheidenden Geheimnisse der Handlung verraten.

Jennifer Lynch ist die Tochter von David Lynch, aber als Filmemacherin eine völlig eigenständige Persönlichkeit. Wenn es überhaupt eine Ähnlichkeit zwischen ihren Filmen und denen ihres Vaters gibt, dann einen gewissen Hang zur Perversion. Mit ihrem Debut Boxing Helena sorgte sie für einen solchen Skandal, daß 15 Jahre bis zu ihrem zweiten Film vergehen sollten, und eine Frauenrechtsorganisation verstieg sich damals allen Ernstes zu der Behauptung: „Diese Frau sollte niemals Kinder bekommen dürfen.“

Ihren zweifelhaften Ruf wird Jennifer Lynch wohl niemals mehr loswerden (auch wenn sie inzwischen Kinder hat), und man darf auch weiterhin keine familienfreundlichen Komödien von ihr erwarten. Sie liebt es einfach, die Grenzen menschlicher Normen zu überschreiten, da wirkt ein Serienmörderfilm wie Chained auf den ersten Blick geradezu etwas gewöhnlich. Freilich nimmt hier der gestörte Frauenmörder den kleinen Sohn eines seiner Opfer in Obhut und beginnt, ihn nach seinen Maßstäben zu erziehen. Und das größte Monster ist am Ende der Dritte im Bunde.

Vincent D’Onofrio ist recht beeindruckend als Killer. Hinter seiner massigen Gestalt, einen langsamen Bewegungen und dem leichten Sprachfehler kann man die vielen Schäden erkennen, die seine Seele deformiert haben. Nun versucht er, seinen Frieden in einem einfachen Leben zu finden, „he’s but a humble killer“ sozusagen. Auch Evan Bird und Eamon Farren als Entführungsopfer in verschiedenem Alter leisten ordentliche Arbeit. Die Regisseurin sagt, sie besetze Rollen danach, mit welchen Schauspielern sie sich gut versteht und kommunizieren kann – nicht die schlechteste Methode, wie das Ergebnis zeigt.

Jennifer Lynch hat eine Cameo-Rolle als trashige TV-Köchin mit Zigarette im Mundwinkel, ihre Tochter eine als in Plastik gewickelte Leiche, die in den Keller geschleift wird. Bei ihren öffentlichen Auftritten ist sie so unverwüstlich gut gelaunt, daß man sie manchmal vor ihren eigenen Äußerungen schützen möchte, wenn sie zum Beispiel ihren Hauptdarsteller lobt: „Vincent D’Onofrio war so sexy, fast wie eine Vergewaltigungs-Fantasie.“

Ja, sie schießt gerne über’s Ziel hinaus, auch in diesem Film. Die Wohnung des Mörders soll nach ihrer Aussage gemütlich wirken, die Einrichtung verbreitet eher ein unbehagliches Gefühl. Die Lampen erinnern tatsächlich ein wenig an David Lynch: Sie beleuchten nichts außer sich selbst. 30 Tote sollen es im Lauf der Zeit geben, es wirkt nach viel mehr. Man wundert sich nicht, daß Chained in den USA NC-17 bekam, die strengste Altersfreigabe – nur die Begründung ist erstaunlich: ein Kehlen-Schnitt (übrigens der einzige im Bild gezeigte Mord), da zeigt jeder zweite Popcorn-Actionfilm Schlimmeres.

Und das ist nicht das einzige Problem: Das Ende wurde von den Produzenten so stark gekürzt, daß es nun weitgehend unverständlich ist, was den Film natürlich stark beschädigt. Auch die Tatsache, daß Jennifer Lynch Chained für nur 700.000 Dollar in unglaublichen 15 Tagen gedreht hat, zeigt, daß sie unter erschwerten Bedingungen arbeiten muß. Man kann nur hoffen, daß sie eines Tages einen Weg finden wird, ihre Visionen so elegant umsetzen zu können wie ihr Vater.

Meine IMDb-Bewertung: ******* (7 von 10)

Chained, USA, 2012, 98 min.

Regie: Jennifer Lynch

Drehbuch: Jennifer Lynch und Damian O’Donnell

Kamera: Shane Daly

Darsteller: Vincent D’Onofrio, Eamon Farren, Evan Bird

© 2017 by Franz Indra