Augentröster   

Filme von Franz Indra

Chernobyl Diaries

Sie können diese Filmkritik unbesorgt lesen, ich werde keine entscheidenden Geheimnisse der Handlung verraten.

Wir basteln uns einen Horrorfilm!

( ) Eine biedere Familie zieht in ein unheimliches Haus, wo der Geist einer Frau mit langen schwarzen Haaren umgeht.

( ) Eine Gruppe Jugendlicher bleibt zu Hause und wird der Reihe nach von einem Serienmörder getötet, bis dieser von der Jungfrau erledigt wird.

(X) Eine Gruppe Jugendlicher geht in die Wildnis, wo es keinen Handy-Empfang, aber mutierte Kannibalen gibt.

Die Gruppe Jugendlicher besteht aus zwei Paaren und zwei Singles; eine siebte, außenstehende Person gehört ebenfalls zum Kreis der Todeskandidaten. Seit Hostel ist es üblich, daß jemand aus Skandinavien – am besten Island – stammt.

Mehr ist über Chernobyl Diaries eigentlich nicht zu sagen. Die Idee zu diesem Film (also die Entscheidung, welcher Ort als Wildnis dienen soll) kam Regisseur Bradley Parker, als er im Internet über einen Fotoblog von Fahrten in die verlassenen Orte um Tschernobyl stolperte. Die Bilder der überwucherten Häuser haben einen ähnlich beklemmenden Charme wie die Ruinen von Pompeji, da die Bewohner sie damals fluchtartig verlassen und alle persönlichen Habseligkeiten zurücklassen mußten. Leider hat Parker, der bislang digitale Effekte gemacht hat, die sich daraus bietenden Möglichkeiten nur sehr halbherzig genutzt.

Das fängt schon bei der üblichen Wackelkamera an. Obwohl die Gruppe Jugendlicher alles filmt und fotografiert, soll kein Found-Footage-Material vorgetäuscht werden. Stattdessen agieren die Darsteller klassisch vor einer Kamera, die nicht in die Handlung integriert ist, wodurch die orientierungslosen Schwenks und zu späten Endschnitte keinen Sinn ergeben, sondern stören. Auch die Spannungsbögen werden nicht konsequent ausgeführt. Wann immer Horror-Atmosphäre und Spannung entstehen, weil die Personen gerade ins Ungewisse, Dunkle tappen, wird die Szene auch schon wieder in enttäuschender Gewißheit aufgelöst.

Die üblichen Genre-Versatzstücke sind recht ungelenk zusammengesetzt und ergeben in sich zu wenig Sinn, vor allem am Ende des Films. Ausgerechnet die einzig originelle Idee dagegen wird nicht richtig erklärt und versandet: Das Strahlungsgebiet ist ein Flickenteppich aus tödlichen und relativ harmlosen Zonen, ein unsichtbarer Irrgarten, den man nur mit einem Geigerzähler erkennen kann. Richtig schlimm sind die Dialoge – doch da Chernobyl Diaries zu jenen Filmen gehört, in denen irgendwann nicht mehr gesprochen, sondern nur noch geschrien wird, spielt das keine so große Rolle.

So wirkt der Film größtenteils wie ein Abklatsch von The Descent, wo lauter Horror-Klischees zu einem Meisterwerk zusammengesetzt wurden. Beim Zielpublikum scheint Chernobyl Diaries aber trotzdem gut zu funktionieren.

Meine IMDb-Bewertung: ***** (5 von 10)

Chernobyl Diaries, USA, 2012, 86 min.

Regie: Bradley Parker

Drehbuch: Oren Peli, Carey Van Dyke und Shane Van Dyke

Kamera: Morten Søborg

Darsteller: Jesse McCartney, Devin Kelley, Jonathan Sadowski

© 2017 by Franz Indra