Augentröster   

Filme von Franz Indra

Cosmpolis

Sie können diese Filmkritik unbesorgt lesen, ich werde keine entscheidenden Geheimnisse der Handlung verraten.

We have a situation here. Der junge New-Economy-Entrepeneur Packer, der seine Milliarden mit nicht gerade greifbaren Geschäften verdient, wird in seiner Stretchlimousine durch die Stadt gefahren, durch den Tag in die Nacht. Er trifft (überwiegend im Auto, das der Film nur selten verläßt) wechselweise Untergebene, Geschäftspartner, seinen Arzt, Frauen, mit denen er Sex hat, seine Gattin, mit der über Sex redet. Es ist, so viel darf man getrost vorab sagen, eine Fahrt in den Untergang. Packer verhält sich zunehmend erratisch und selbstzerstörerisch. Das Geld löst sich auf, die Ehe, schließlich das Leben.

Packer hat in seinem hermetisch abgechotteten Wagen keinen Bezug mehr zu dieser Welt. Hinweise auf ein drohendes Attentat hört er sich an wie den Wetterbericht, inmitten der Attacken des wütenden Mobs fällt ihm nur auf, daß die Kork-Dämmung nicht optimal Geräusche fernhält, und eher belustigt nimmt er zur Kenntnis, daß der Besuch der US-Präsidenten in der Stadt wichtiger sein soll als seine Fahrt zum Friseur. Robert Pattinson spielt ihn, der Vampir aus der Twilight-Saga, und wird für seine schauspielerische Leistung in den USA umjubelt und bei uns verspottet. Man muß weder die eine noch die andere extreme Meinung teilen. Sein blasses Gesicht, sein elitärer Habitus, die blasierte Teilnahmslosigkeit lassen Image des Stars und Rolle miteinander verschemlzen. Kaum zu glauben, daß er nur Ersatz war für Colin Farrell, der schließlich lieber Total Recall drehte.

David Cronenberg hat den gleichnamigen Roman von Don DeLillo adaptiert und sich dabei recht nahe an die Vorlage gehalten. Tatsächlich paßt die 2003 unter dem Eindruck des Platzens der Internet-Blase geschriebene Geschichte ziemlich gut in die Zeit von Bankenkrise und Occupy, nur wird im Film bereits mit dem chinesischen Yuan spekuliert und nicht mehr mit dem japanischen Yen. Das Konzept ist allerdings auch das Problem: Unsympathische Menschen führen prätentiöse Gespräche und ersehnen dekadent das Ende. So ein Stoff eignet sich doch eher für ein Buch als für einen Film, wo man nur auf die Oberfläche blicken kann, und die ist hier schal.

Dabei gibt es durchaus treffende Pointen: Packer hat zwei Fahrstühle in seinem Appartment installiert, in einem wird Eric Satie in verlangsamter Geschwindigkeit gespielt, im anderen ein obskurer Sufi-Popmusiker. Jeden Tag läßt er sich aus Angst vor dem körperlichen Verfall von seinem Arzt durchchecken. Das Portrait eines echten Menschen wird aber nicht daraus, und das ist sicher auch nicht beabsichtigt. Die Nebenfiguren sind eigentlich noch erbärmlicher: Die junge Gemahlin, selbst Töchterchen aus reichem Hause und zur Zeit Künstlerin, ist eine unerträglich affektierte Nervensäge. Der bereits brodelnde Aufstand der Kapitalismus-Verlierer feiert einen Tortenwurf als großen Triumph. Und Packers Nemesis, Paul Giamatti aus American Splendor, ist unfähig und bemitleidet sich selbst.

Als Blick auf die Gesellschaft lohnt sich dieser Film dennoch. Er wird auch mit einigen seltsamen Vorwürfen bedacht: Die Dialoge werden in einer Kunstsprache geführt, darf man das jetzt nicht mehr? Und Cronenberg, der alte Meister des Ekels, des Körpers und seiner Verformungen, geht auf die 70 zu und macht nun eben ruhigere Filme. Hin und wieder blitzen aber seine Obsessionen auf: Die Ratten. Eine asymmetrische Prostata. Und der Kopf, wird er explodieren?

Meine IMDb-Bewertung: ******* (7 von 10)

Cosmpolis, Frankreich/Kanada/Portugal/Italien, 2012, 108 min.

Regie: David Cronenberg

Drehbuch: David Cronenberg nach dem gleichnamigen Roman von Don DeLillo

Kamera: Peter Suschitzky

Darsteller: Robert Pattinson, Juliette Binoche, Paul Giamatti

© 2017 by Franz Indra