Augentröster   

Filme von Franz Indra

Der Kongress

Sie können diese Filmkritik unbesorgt lesen, ich werde keine entscheidenden Geheimnisse der Handlung verraten.

Ijon Tichy ist einen weiten Weg gegangen, nun hat er sich in Robin Wright verwandelt. Forever young

Wer hätte gedacht, daß sich Ari Folman nach seinem Welterfolg Waltz with Bashir, dem Animations-Essay über den Libanonkrieg, als nächstes einen Science-Fiction-Roman von Stanislaw Lem vornimmt? Tatsächlich ist das nur auf den ersten Blick eine erstaunliche Wahl, denn durch eine geniale Idee in der Umsetzung ist auch Der Kongress, benannt nach dem Buchtitel unter Weglassung des heute antiquiert klingenden „futurologisch“, in weiten Teilen animiert.

Robin Wright, vielleicht besser bekannt als Robin Wright Penn, wie sie während ihrer Ehe mit Sean Penn hieß, spielt mit sehr viel Sinn für Selbstironie Robin Wright, den ehemaligen Superstar, der zu viele Rollen abgelehnt hat oder platzen ließ und nun als allein erziehende Mutter mit Sohn und Tochter neben einem Flugplatz in der Einöde wohnt. Die echte Robin Wright hat Sohn und Tochter und ist berüchtigt dafür, nach ihrem kometenhaften Aufstieg mit dem California Clan viele Rollen in großen Produktionen wie Batman ForeverDie Firma oder Robin Hood – König der Diebe abgelehnt oder platzen lassen zu haben. Etwas störend bei diesem Spiel mit Realität und Fiktion ist nur, daß man neben ihr dauernd Harvey Keitels Charaktergesicht sieht, es sich dabei aber um ihren Agent handeln soll. Zuerst hatte Ari Folman für die Hauptrolle übrigens Cate Blanchett im Kopf (im fertigen Film findet sich noch die eine oder andere Anspielung auf australische Schauspielerinnen), für diese Art der Selbstentblößung als zweifelnder, unsicherer Mensch voller Probleme war sie aber definitiv ungeeignet.

Robin Wright also bekommt das Angebot, die Rechte an sich selbst als Schauspielerin an ein Filmstudio abzutreten. Sie muß sich nur komplett einscannen lassen, ähnlich wie es heute bereits mit Motion-Capture-Anzügen gehandhabt wird – dann kommen in Zukunft Filme mit der Daten-Robin ohne Zutun der echten Robin Wright aus dem Computer. So wird aus ihrem digitalen Alter Ego ein Action-Star, der im Making Of zu seiner neuesten Fortsetzung erzählt: „Für mich war das wie ein Dokumentarfilm.“ 20 Jahre später ist die Technik weit fortgeschritten, man kann inzwischen seine Lieblinge als Getränk kaufen. Der Vertrag muß verlängert werden, und Robin Wright fährt zum Kongreß in eine strikt animierte Zone…

Lems Roman erschien 1970 und war eine grelle Satire, auf Kommunismus, Überbevölkerung und vieles mehr. Das meiste davon, auch die wie nebenbei prophezeihten Entwicklungen etwa bei Flughafenkontrollen, bleibt im Film außen vor. Er konzentriert sich auf den Kern der Geschichte: die Manipulation der Wahrnehmung, eine ganze Gesellschaft unter Wohlfühl-Drogen, damit niemand mehr die Realität erkennen kann. Die Rolle der chemischen Duftstoffe, die im Buch für die Halluzinationen sorgen, übernimmt im Film die Animation, und den technischen Fortschritt kann man bildlich mit verfolgen: Während des Kongresses sieht man noch altbacken wirkende looney tunes, später wandelt sich das Aussehen der Avatare. Schließlich fliegt eine Robin Wright, deren Alter bereits sehr ungewiß ist, durch die Lüfte und singt tatsächlich selbst: Forever Young.

Der polnisch-stämmige Regisseur hat eine ganze Weile an dem Roman, den er bereits als Teenager las, geknabbert, bis er ihn geknackt hat. Seine Verfilmung ist sehr frei, kehrt aber zwischendurch immer wieder zur Vorlage zurück, etwa wenn sich die Überlebenden im unter Wasser stehenden Keller des Hotels sammeln. Eine Vielzahl an echten Stars und Persönlichkeiten taucht in animierter Form auf, offensichtlich ohne daß die Originale davon wußten. Manche Anspielungen sind etwas plump (zum Beispiel der mönchsartige Technik-Guru namens Reeve Bobs) – andererseits wird der Ausspruch einer Hollywood-Agentin kolportiert: Tom Cruise würde sich im Film niemals selbst erkennen. Trotzdem erstaunlich, daß sich der Regisseur nicht vorab gegen beleidigte Klagen abgesichert hat.

Natürlich könnte der Film noch besser sein, die Animation orignärer, die Illusionsebenen einen stärker einfangen. Die Einleitung bis zum Scannen ist auch zu langsam, fast als hätte Ari Folman Sorge, das Gesicht seiner Darstellerin würde sich dem Zuschauer sonst nicht genug einprägen, bevor sie durch einen Cartoon ersetzt wird. Diese Sorge ist bei Robin Wright unbegründet. In einem schönen Spiel mit ihrem Namen läßt ihr Sohn (nachdrücklich gespielt von Newcomer Kodi Smit-McPhee) ein Modell des Flugzeugs der Gebrüder Wright als Drachen steigen, und ein Kollege spricht sie einmal an: „Robin. Right?“ Die echte Robin Wright ist übrigens demnächst neben Philip Seymour Hoffman, Willem Dafoe, Daniel Brühl und Rachel McAdams im neuen Film von Anton Corbijn zu sehen und scheint ihre Karriere ganz gut im Griff zu haben.

Meine IMDb-Bewertung: ******** (8 von 10)

The Congress, Deutschland, 2013, 122 min.
Regie: Ari Folman
Drehbuch: Ari Folman nach dem Roman Der futurologische Kongress von Stanislaw Lem
Kamera: Michal Englert
Darsteller: Robin Wright, Harvey Keitel, Kodi Smit-McPhee

© 2017 by Franz Indra