Augentröster   

Filme von Franz Indra

Der Müll im Garten Eden

Sie können diese Filmkritik unbesorgt lesen, ich werde keine entscheidenden Geheimnisse der Handlung verraten.

Dieser Film ist Ausdruck persönlicher Empörung. Als Fatih Akin für Auf der anderen Seite einige Szenen im Dorf Çamburnu im Osten der Türkei drehte, aus dem sein Großvater stammt, sagte er begeistert zu den Leuten: „Ihr lebt ja hier im Paradies.“ Diese antworteten: „Ja, aber nicht mehr lange.“ Da war die Zerstörung nämlich bereits beschlossen.

Eine Mülldeponie wird dem Dorf vor die Nase gesetzt – einerseits dringend nötig, andererseits ausgeführt mit der üblichen Arroganz und Dummheit der Macht. Wie so oft erweckt das Ganze eher den Eindruck, es solle so viel Schaden wie nur möglich angerichtet werden. Der Müll wird in eine ehemalige, provisorisch mit ein paar Planen ausgelegten Tagebaugrube direkt neben den Häusern gekippt. Das Dorf versinkt in unaufhörlichem Gestank, jeder Regen spült Abwasser ins Grundwasser, die Teefelder sind vergiftet. Als der Bürgermeister nicht mitspielt, wird er verklagt. Der Dorfbach schäumt wie Spülmittel und nimmt groteske Farben. Es sieht aus wie in einem schlechten Film, ist aber banale Realität. Und wenn man meint, es kann nicht mehr verrückter werden, reißt die Betreiberfirma beim Bau einer Schutzmauer aus Versehen ihr eigenes Klärbecken ein.

Ja, man hat so einen Film schon oft gesehen, und eigentlich interessant sind nur Details an Inhalt und Form. Manches erinnert an Stuttgart 21, nur daß hier die Menschen existenziell bedroht sind. Echte Bauern und Bäuerinnen treten auf, wie man sie hierzulande gar nicht mehr kennt – dann sieht man wieder, daß Anatolien moderner und uns viel näher ist, als oft befürchtet wird. Und die Dorfbewohner artikulieren ihre Verzweiflung mit erstaunlichem Sinn für Ironie.

Nachdem in den Anfangssequenzen alles erklärt wird, reichen später Bilder: im Meer badende Kinder, angeschwemmte Spritzen am Strand, ein Korb gefangene Fische, geerntete Maiskolben. Daß man die besser nicht mehr verkaufen und essen sollte, muß nicht mehr extra erwähnt werden. Der „Dorf-Chronist“, der vom Filmteam eine Kamera samt Crashkurs erhalten hat, produziert dagegen eher ungenießbare Wackel-Aufnahmen. Eine Erwähnung haben noch die intelligent gemachten Untertitel verdient, „Inschallah“ wird beispielweise sinnvollerweise mit „Gottseidank“ übersetzt. Von der Musik, die Fatih Akin wieder reichlich einsetzt, werden nur Texte von Belang untertitelt, etwa beim abendlichen Spottgesang im Dorflokal, der stark an hiesige Gstanzl-Lieder erinnert.

Daß es den Müll im Garten Eden überhaupt gibt, beruht auf gegenseitiger Unnachgiebigkeit. Anfangs hatte Fatih Akin, der in der Türkei fast noch populärer ist als in Deutschland, nur mit einem Film gedroht, um den Bau der Anlage zu verhindern. Nachdem das nicht gefruchtet hatte, sah er sich  gezwungen, ihn wirklich zu machen.

Meine IMDb-Bewertung: ***** (5 von 10)

Der Müll im Garten Eden, Deutschland, 2012, 85 min.

Drehbuch und Regie: Fatih Akin

© 2017 by Franz Indra