Augentröster   

Filme von Franz Indra

Die Legende von Kaspar Hauser

Sie können diese Filmkritik unbesorgt lesen, ich werde keine entscheidenden Geheimnisse der Handlung verraten.

Kaspar Hauser, der Junge, der vor 200 Jahren aus dem Nichts auftauchte, hat von Anfang an die Fantasie der Menschen angeregt. Ohne jeglichen Kontakt in einem Verlies aufgewachsen, gar ein verstoßener Prinzensohn soll der geistig etwas Zurückgebliebene gewesen sein – was wohl kaum der Realität entsprechen dürfte. Davide Manuli hat aus der Geschichte nun endgültig eine Parabel gemacht.

Ufos fliegen über den Sheriff hinweg, dann tanzt er in einem italienischen Städtchen ein Duell auf Leben und Tod mit dem Drogendealer. Als Kaspar Hauser an den Strand gespült wird, nimmt er sich seiner an und will ihm beibringen, DJ zu werden. Doch auch die Herzogin und der Priester interessieren sich für den Knaben, der von einer Frau gespielt wird. Es sind deutlich surreale Szenen, die in klarem Schwarz-Weiß gefilmt sind, fast immer ohne Schnitt, oft mit unbewegter Kamera. Auch die ironisch übersteigerte Kostümierung der Figuren, die ja gesellschaftliche Rollen und keine individuellen Personen darstellen, trägt ihren Teil zur starken visuellen Stilisierung bei. Am deutlichsten prägt den Film jedoch der von Vitalic beigesteuerte Elektro-Soundtrack, etliche Szenen muten geradezu wie Videoclips an.

Fragt man sich zu Beginn noch, was das alles mit Kaspar Hauser zu tun haben soll, so tauchen nach und nach bekannte Elemente auf. Kaspar wird zeitweise einem Käfig gesperrt, er möchte „ein Reiter werden, wie mein Vater einer gewesen ist.“ Alle haben angeblich nur sein Wohl im Sinn, projizieren aber bloß ihre eigenen Wünsche auf ihn und zerren an dem armen Tropf, bis er zugrunde gehen muß. So wird Kaspar zum Sinnbild des modernen, verlorenen Menschen, wie Davide Manuli selbst bekräftigt. Das funktioniert erstaunlich gut, dazu passen auch die (zumindest für Kaspar) ununterbrochen wummernden Bässe, zu denen er beständig im Takt zuckt und zappelt. Eine besonders schöne Idee sind die Kopfhörer, die er immer trägt und die ihn von der Außenwelt trennen.

Davide Manuli brauchte viele Jahre und hatte nicht viel Geld zur Verfügung, um seine eigenwillige Idee realisieren zu können. Schließlich wurden in nur drei Wochen auf Sardinien die zum Teil komplexen Plansequenzen gedreht. Das ging leider nicht ohne Fehler vonstatten, mehrfach kommt das Mikro oder sein Schatten ins Bild, einmal ist es sogar aus der Not geboren auf einem Boot einfach zwischen den beiden Schauspielern plaziert. Auch die Untertitel sind nachlässig angefertigt und stehen immer wieder weiß auf weiß bis hin zur völligen Unlesbarkeit.

Das amerikanische enfant terrible Vincent Gallo ist nach einiger Pause nun wieder häufiger zu sehen, hier sogar in einer Doppelrolle als Sheriff und als Pusher. Während er letzteren als italienischen Gigolo spielt, ist er als Sheriff so lakonisch steif wie eh und je, sein Wortschatz besteht fast nur aus „yeah“. Der eigentliche Glücksgriff ist aber die Performance-Künstlerin Silvia Calderoni als Kaspar Hauser, die der Regisseur erst direkt vor Drehbeginn gecastet hat, nachdem er zuvor vergeblich einen jungen Zirkusartisten für die Rolle gesucht hat. Sie begreift die Figur sehr körperlich, nicht Kaspars wenige gesprochenen Sätze sind entscheidend, sondern die vielen subtilen Bewegungen.

Davide Manuli, der schon für Al Pacino und Abel Ferrara gearbeitet (und darüber den Kontakt zu Vincent Gallo hergestellt) hat, nennt Stranger than Paradise und Down by Law von Jim Jarmusch als Vorbilder. Dabei denkt er an dessen Kameratechnik mit nur sehr wenigen Einstellungen. Sein Film erinnert aber mehr an die rabiaten frühen Filme von Werner Herzog, der ja selbst einen Kaspar-Hauser-Film gemacht hat, und ein wenig an das Kuriosiätenkabinett bei Fellini. Trotz seiner Schwächen ist er ein Erlebnis, das man am besten im Kino bei voller Lautstärke genießen sollte.

Meine IMDb-Bewertung: ******* (7 von 10)

La leggenda di Kaspar Hauser, Italien, 2012, 95 min.

Drehbuch und Regie: Davide Manuli

Kamera: Tarek Ben Abdallah

Darsteller: Silvia Calderoni, Vincent Gallo

© 2017 by Franz Indra