Augentröster   

Filme von Franz Indra

Documenta 2017

Mitten auf dem Friedrichsplatz in Kassel steht ein griechischer Tempel, errichtet aus zensierter Literatur. Er ist das Symbol der diesjährigen Documenta, und seine vielen Fotografien können den Eindruck nicht wiedergeben, wenn man leibhaftig vor ihm steht und zwischen den Säulen hindurch wandelt. Mittags stellt er sich anders da als abends, und sitzt man im Liegestuhl davor mit einem überraschend guten Eis in der Hand, fühlt man sich auch unwillkürlich nach Athen versetzt, Veranstaltungsort der ersten Documenta-„Dependance“.

Gegründet wurde die wohl bedeutendste Kunst-Ausstellung der Welt 1955 von Arnold Bode und war auf Anhieb ein großer Erfolg. Die großen Kunstschauen sind aus den Weltausstellungen des 19. Jahrhunderts hervorgegangen, teilen aber zumindest heute nicht mehr deren auf Überwältigung bedachte Großmannssucht und kolonialistischen Blick auf die Menschheit. Kurator Adam Szymczyk hat viele Werke versammelt, die sich mit dem Schicksal von Flüchtlingen auseinandersetzen, was einige (wenige) Besucher wohl als ungehörig empfinden. Die über ganz Kassel verstreuten Kunstwerke sind aber ganz selbstverständlich Teil der Stadt geworden, worauf die Einheimischen zu recht stolz sind.

In ihrer Gesamtheit ist eine so große Ausstellung bei einem Besuch kaum zu erfassen. Wer die Gelegenheit bis zum 17. September noch ergreifen möchte, sollte sich auf den Friedrichsplatz im Stadtzentrum konzentrieren. Documenta-Halle, Orangerie (u.a. mit Videos von Romuald Karmakar), der Königsplatz mit dem Obelisken von Olu Oguibe oder auch die Bibliothek von Lucius Burckhardt im kleinen Peppermint sind in Laufweite, auf bzw. am Platz finden sich neben dem Parthenon allerlei weitere Kunstwerke der aktuellen oder früherer Ausgaben, darunter die bekannten 7.000 Eichen von Joseph Beuys und die Landschaft im Dia der Haus-Rucker-Co.

Insbesondere aber steht hier das Fridericianum, das bereits die erste Documenta beherbergte. Dieses Mal zeigt es Werke des „Nationalen Museums für Zeitgenössische Kunst“ EMST, das zwar schon 1997 in Athen gegründet wurde, aber erst 2016 bezugsfertig war und wegen Geldmangels noch immer nicht geöffnet ist. Diese Ausstellung, ein Rundumschlag der letzten Jahrzehnte zeitgenössischer griechischer Kunst, ist wirklich beeindruckend.

PS: In der Documenta-Halle gehört ein Raum ganz den Gemälden von Miriam Cahn, die bereits 1982 auf der Documenta ausgestellt hat, aber im Streit geschieden war. Während ich vor ihren recht plakativen Bilder von Nackheit und Gewalt tatsächlich darüber nachdenke, ob man hier nicht besser eine Warnung am Eingang anbringen sollte, kommt eine Familie mit kleinem Kind herein. Das Töchterchen äußert sofort seine Begeisterung über die Gemälde, und als die Mutter etwas verlegen reagiert, legt es nach: „Wieso? Ist doch ganz naturalistisch!“

© 2017 by Franz Indra