Augentröster   

Filme von Franz Indra

Exit Marrakech

Sie können diese Filmkritik unbesorgt lesen, ich werde keine entscheidenden Geheimnisse der Handlung verraten.

„Der Familie kann niemand entkommen“, sagt Caroline Link und arbeitet sich als echte Autorenfilmerin Stück für Stück daran ab. Bens Eltern leben getrennt (wie gefühlt 100% aller deutschen Film-Eltern, aber das nur nebenbei). In den Abitur-Ferien fährt er mehr gedrängt als begeistert zu seinem Vater, einem Theater-Regissuer, der in Marokko auf Tournee ist. Die beiden finden nicht zueinander, Ben braucht eine Pause vom Vernünftigsein, der Vater inszeniert sich als unangepaßter Außenseiter. Nach ein paar kleinen Fluchten haut Ben ernsthaft ab, und eine Art Coming-Of-Age-Roadmovie entwickelt sich. Eine junge Frau taucht auf, Prostituierte in der Stadt, gesittete Tochter (und Goldesel) in ihrem Heimatdorf. Die drei finden und verlieren sich wieder, irgendwann wird Bens Zahnspange aufgebrochen wie Gitterstäbe.

Ben hat Diabetes – damit der Vater nicht sein einziger Konflikt ist und er auch aus diesem Grund zu erwachsen für sein Alter sein muß, erklärt die Regisseurin. Trotzdem wirkt er damit ein wenig überfrachtet. Zu oft bekommen die Hauptpersonen in Jugenddramen mehr oder weniger exotische Zusatzprobleme aufgepfropft, man würde sich auch mal eine Figur ohne solche Extras wünschen. Seine erste Insulin-Spritze im Hotel wird prompt mit Drogen verwechselt, dem Zuschauer wird die Szene ebenso irritierend präsentiert, das zumindest ist eine Abwechslung. Und wenn Karima Ben um ein Gute-Nacht-Lied bittet, stimmt er natürlich Der Mond ist aufgegangen an, den kleinsten gemeinsamen Nenner einer coolen Volksweise.

Schön ist, wie Caroline Link die Handlung treiben läßt, manchmal ist sie dadurch aber auch nicht ganz klar: Ben zerbricht aus Versehen seine Diabetes-Ausrüstung, kann sich dann aber doch wieder messen und spritzen. Einige Szene sind auch einfach zu kurz, um zu wirken. Dafür dauert es recht lang, bis Vater und Sohn endlich gemeinsam unterwegs sind (was schließlich das Herz des Films sein soll).

Ihr Weg führt sie durch eine Reihe recht skurriler Hotels, der Kontrast wird ausgespielt zwischen dem Touristenzentrum Marokko und dem Land, wo niemand darauf vorbereitet ist, daß ein Europäer auftaucht. Es war natürlich hilfreich, daß Caroline Link einige der Drehorte von früheren Reisen bereits kannte. Die meisten Rollen sind mit Schauspielern besetzt (Karima und ihre Familie beispielsweise), nur gelegentlich griff sie auf Laien zurück. Das ging ziemlich problemlos, selbst Straßenkinder besitzen inzwischen „Medienkompetenz“, wie die Regisseurin sagt, filmen sich gegenseitig mit dem Handy und agieren vor der Kamera ganz natürlich.

Eigentlich nichts falsch gemacht, aber etwas knackiger hätte das Ganze schon inszeniert werden können. Die Momente der Ungewißheit vergehen zu schnell, die Geschichte bleibt letztendlich auf vorhersehbaren Bahnen.

Meine IMDb-Bewertung: ****** (6 von 10)

Exit Marrakech, Deutschland, 2013, 123 min.
Drehbuch und Regie: Caroline Link
Kamera: Bella Halben
Darsteller: Samuel Schneider, Ulrich Tukur, Hafsia Herzi, Josef Bierbichler

© 2017 by Franz Indra