Augentröster   

Filme von Franz Indra

Feuchtgebiete

Sie können diese Filmkritik unbesorgt lesen, ich werde keine entscheidenden Geheimnisse der Handlung verraten.

Obwohl Charlotte Roches Auftritte im Fernsehen nicht alle so ganz glücklich wirken (als Gast in der Harald Schmidt Show war sie immer witziger und funkensprühender als bei ihren eigenen Moderationen), muß man sie sich zweifellos als intelligenten Menschen vorstellen. Die Verfilmung ihres Bestsellers Feuchtgebiete wartet nun mit einer mittelgroßen Überraschung auf: Sie reiht sich nicht in das Genre extrem anspruchsloser und grobschlächtiger Komödien wie Hangover und Grown Ups ein, nein, sie ist sogar eher brav geworden.

An einem Skandal war offensichtlich keiner der Beteiligten interessiert. Roche wählte den Produzenten aus und hielt sich ansonsten sympathischerweise im Hintergrund. Ihre Wahl fiel auf Peter Rommel, der oft mit Andreas Dresen zusammenarbeitet; dieser entschied sich für David Wnendt als Regisseur. Tatsächlich ist Feuchtgebiete erst Wnendts zweiter Spielfilm und dürfte ihm als Karriere-Sprungbrett dienen.

Das Grundszenario ist wohl allgemein bekannt. Charlotte Roche will den vor allem unter jungen Frauen verbreiteten Hygiene-Fimmel als pathologisch entlarven, indem sich ihre Hauptfigur dem eben nicht unterwirft. Leider zeigt Helen nun jedoch einen pathologisch wirkenden Unhygiene-Fimmel, steckt sich dauernd die Hand ins Höschen und alles in den Mund, wechselt gebrauchte Tampons mit ihrer „Blutsschwester“ und begeht laufend Tabubrüche, die zusehends zum Selbstzweck werden, etwa wenn sie im Krankenhaus in die Wasserflaschen anderer Patienten spuckt oder die Fleischzange voll Menstruationsblut ihrem grillenden Vater wieder in die Hand drückt. Auch hemmungslos ausgelebte Launen und ihr geradezu zwanghaftes Verhalten, in jedem Gespräch provozieren zu müssen, läßt eher sie gestört und die anderen gesund wirken.

Ja, Helen ist keine sympathische Hauptfigur, das hat sie mit der Neonazi-Göre aus Wnendts Debut Kriegerin gemein. Der Regisseur, der auch am Drehbuch arbeitete, hat ihr daher einen zuckersüßen Sidekick verpaßt: Corinna, das rehäugige Lockenköpfchen, kommt im Buch eher am Rande vor. Sie ist lieb und naiv und trotzdem die beste Freundin der wilden Helen. In weiteren Nebenrollen finden sich einige bekannte Gesichter – Axel Milberg gibt den Vater-Klotz, Edgar Selge ist der übliche Verdächtige für den Part des Arztes ohne jegliches Einfühlungsvermögen, während Meret Becker grandios fehlbesetzt ist als neurotische Spießer-Mutter ohne Gewissen. Die Schweizer Nachwuchsschauspielerin Carla Juri ist für die Darstellung der Helen von der Kritik bereits einhellig bejubelt worden. Tatsächlich meistert sie die vielen Fallstricke ihrer Rolle souverän und besteht auch in den häufigen Close-Ups, nur ihre Sprache irritiert: Die Off-Texte spricht sie wie eine Charlotte-Roche-Imitatorin (keine Absicht, versichert der Regisseur), bei den Krankenbesuchen ihres Vaters klingt ihre Sprache noch schweizerisch eingefärbt – diese Szenen wurden wohl zuerst gedreht.

Helens Alter bleibt unklar: Mal ist sie Schülerin, mal jobbt sie bereits in einer Schlachtfabrik. Ekelszenen finden sich nur zu Beginn gehäuft, nach 20 Minuten schneidet sich Helen schließlich bei der Imtimrasur in eine sehr empfindliche Körperstelle und landet blutend im Krankenhaus, dem Zentrum von Buch und Film. Dort wird auch das doch sehr altbackene Hauptmotiv offenbart: Helen möchte ihre geschiedenen Eltern wieder zusammenführen. Was das dann noch mit Aufklärung zu einem freieren Umgang mit dem eigenen Körper zu tun haben soll, sei dahingestellt.

Stilistisch greift Wnendt nicht zum Chirurgenbesteck: Die Farben sind knallig bunt, etwas viel kommt aus dem Computer (was dann aber auch nicht Konzept sein soll), die Musik klappert allzu Offensichtliches ab wie etwa Peaches. Interessanter sind die kontrapunktisch gewählten Stücke, zum Beispiel in der Pizza-Szene, für die vier Pornodarsteller gecastet wurden. Auch ein Drehort wie das halb überwucherte Schwimmbad schreit geradezu heraus: Ich will eine Film-Location sein!

Ein paar feine Momente gibt es zwischendurch – die Familie sitzt beim Abendessen, aber man hört sie nur aus dem Off, während im Fernsehen Katstrophen-Nachrichten laufen -, gegen Ende fällt der Film aber zusehends auseinander. Die Klimax mit dem Kindheitstrauma wird mit unpassenden Gimmicks vorbereitet, es gibt auch eine völlig sinnlose Drogenszene. Unausweichlich, aber komplett unmotiviert: Helen und ihr Pfleger werden am Schluß ein Paar.

Die intimen Aufnahmen wirken manchmal albern abgezirkelt, manchmal sind sie überraschend freizügig. Tatsächlich bilden sie das eigentlich Besondere an einem sonst eher durchschnlttlichen Film.

Meine IMDb-Bewertung: ******* (7 von 10)

Feuchtgebiete, Deutschland, 2013, 109 min.
Regie: David Wnendt
Drehbuch: Claus Falkenberg, Sabine Pochhammer und David Wnendt nach dem gleichamigen Roman von Charlotte Roche
Kamera: Jakub Bejnarowicz
Darsteller: Carla Juri, Marlen Kruse, Christoph Letkowski, Meret Becker, Axel Milberg, Edgar Selge

© 2017 by Franz Indra