Augentröster   

Filme von Franz Indra

Hugo Cabret

Sie können diese Filmkritik unbesorgt lesen, ich werde keine entscheidenden Geheimnisse der Handlung verraten.

Was hat sich Martin Scorsese nur dabei gedacht? Besteht ja bei normalen Biographien bereits die Gefahr, sich als Filmemacher einzuengen und Kreativität durch Dokumentationspflicht zu ersetzen (s. My Week with Marilyn), so wird alles noch viel schwieriger, wenn man die Anfänge der Filmkunst in eine Geschichte packen, also quasi eine Biographie des Films erzählen will. Leider fiel Scorsese dazu gar nichts ein.

Die Ausgangslage: Ein Waisenjunge lebt in den 30er Jahren versteckt in einem Pariser Bahnhof, pflegt ein seltsames Faible für mechanische Geräte und hütet einen defekten Maschinenmenschen wie einen Schatz. Der böse Bahnhofsaufseher mit seinem bösen Hund sucht fortwährend nach ihm, während der geheimnisvolle Verkäufer mechanischer Geräte, nun ja, ein Geheimnis hütet. Man sieht schon: Klischee über Klischee, und das ist vielleicht sogar Absicht.

Immer wieder läßt sich nämlich erahnen, welche Ideen Scorsese gehabt haben könnte und was für einen Film er damit im Sinn hatte. Eigentlich ist Kino nämlich ein sehr handfestes, mechanisches Medium, das seine Ursprünge als Jahrmarktsspektakel hat. So ist es nur folgerichtig, wenn Scorsese in 3D filmt, der aktuellen Attraktion. (Mehr Gewinn läßt sich aber auch hier nicht daraus ziehen.) Das Steampunk-Genre zeigt, wie man all die Zahnräder und Seilzüge, die liebevoll ausgetüftelten Apparaturen in eigene Persönlichkeiten verwandeln kann. Hier wirken dagegen umgekehrt die Menschen wie Kausalitäts-Roboter eines ideenlosen Autors, Hugo spricht seinen Konflikt sogar direkt aus: „Maybe that’s why a broken machine always makes me a little sad, because it isn’t able to do what it was meant to do. Maybe it’s the same with people. If you lose your purpose it’s like you’re broken.“

So bleibt leider alles furchtbar hölzern: Mit unbeschreiblichem Aufwand wird eine idealisierte Station Gare Montparnasse nachgestellt, ohne zum Leben zu erwachen. Django Reinhardt, Salvador Dalí und James Joyce stehen herum, nur um eben aufzutauchen. Der spektakuläre Unfall von 1895, bei dem eine Lokomotive die Bahnhofswand in einem oberen Stockwerk durchbrach und auf die Straße stürzte, wird inszeniert, ohne so recht in die Handlung zu passen – Scorsese war von dem alten Foto wohl so beeindruckt, daß das Bild halt irgendwie mit rein mußte. Die Kinder sprechen nur in absurd gestelzten Sätzen, die selbst in alten Gesellschaftsromanen nur Erwachsenen zugemutet wurden; das Ganze gipfelt in der langen Rezitation eines sehr unkindlichen Gedichts. Auch die Symbolik kommt mit dem Holzhammer daher: Dem Automaten fehlt ein Schlüssel in Form eines Herzens. Wahrscheinlich liebt Scorsese das Kino so sehr, daß er unter den ihm heilig erscheinenden Artefakten und Fetischen der Filmgeschichte schier erdrückt wurde, anstatt damit zu spielen.

Den Schauspielern – immerhin Ben Kingsley und in Nebenrollen Jude Law und Christopher Lee, quasi die Filmgeschichte in Person – bleiben im engen Korsett ihrer eindimensionalen Figuren nicht viele Möglichkeiten, außer ihre Texte möglichst würdevoll aufzusagen. Auch das mag eine Hommage Scorseses an die damaligen Filme sein, aber wozu? Hugo wirkt sogar merkwürdig unsympathisch. Die einzig interessante Figur ist der Bahnhofsaufseher, dem Sacha Baron Cohen etwas Farbe und Tiefe verleiht – er hat bereits in Sweeney Todd bewiesen, daß er neben seinen eigenen exzentrischen Auftritten auch normale (komische) Rollen in den Filmen anderer spielen kann.

Die völlige Abwesenheit von Inspiration scheint sogar auf das hervorragende Team abgefärbt zu haben: Howard Shore kleistert den Score mit immerwährendem Musette-Gedudel zu, wir sind ja schließlich in Frankreich! Und von Robert Richardsons Kamera bleibt vor allem die Idee im Gedächtnis, nach einer Vorführung alter Filme von Georges Méliès voller Explosionen und sich in Nichts auflösender Menschen die nächste Szene mit einer Kamerafahrt durch ein geschlossenes Fenster zu beginnen, einem modernen Filmtrick.

Der Academy gefiel freilich eine so sentimentale Beweihräucherung, und sie zeichnete Hugo Cabret mit fünf Fleiß-Oscars aus, z.B. für den besten Tonschnitt. Empfehlen kann man den Film aber nur Zuschauern, die Gefallen an Ausstattungs-Overkill finden oder an einer Lehrstunde in Filmgeschichte, die ähnlich brav aufgesagt wird wie im Telekolleg oder der Cosby-Show.

Meine IMDb-Bewertung: ***** (5 von 10)

Hugo Cabret, USA, 2012, 126 min.

Regie: Martin Scorsese

Drehbuch: John Logan nach dem Roman „The Invention of Hugo Cabret“ von Brian Selznick

Kamera: Robert Richardson

Darsteller: Asa Butterfield, Ben Kingsley, Sacha Baron Cohen, Chloë Grace Moretz

© 2017 by Franz Indra