Augentröster   

Filme von Franz Indra

Keyhole

Update: Der neue Film von Guy Maddin The Forbidden Room wird am 11. Oktober im Rahmen des Underdox Festivals in München gezeigt.

Sie können diese Filmkritik unbesorgt lesen, ich werde keine entscheidenden Geheimnisse der Handlung verraten.

Guy Maddin hat wieder zugeschlagen. Der Regisseur ist ein großer Liebhaber der alten Schwarz-Weiß-Filme und hat sich nach eigenem Bekunden „schon länger mit den Zwanziger Jahren beschäftigt, als die Zwanziger gedauert haben“. Im Lauf der Zeit hat er sein Können perfektioniert, Filme zu gestalten, wie sie frühere Filmemacher wohl mit den heutigen technischen Möglichkeiten produziert hätten. Er beherrscht die damalige Lichtgestaltung, ist manieriert genug, Bild- und Tonschwächen detailgetreu nachzuahmen, gelangt andererseits mit Vier-, Fünffach-Überblendungen und subversiver inhaltlicher Doppelbödigkeit zu noch ungesehenen Ergebnissen.

Sein The Saddest Music in the World, der relativ große Aufmerksamkeit fand, liegt bereits einige Jahre zurück. Seitdem hat er in erster Linie Kurzfilme gemacht, nun hatte er mit Keyhole wieder die Möglichkeit, ein größeres Projekt zu realisieren. Odysseus ist die Hauptfigur, doch in neuem Gewand als Gangster, der mit seinen Kumpanen in sein altes Haus zurückkehrt, um seine Frau zu holen. Doch er erkennt nicht einmal seinen Bruder wieder und kämpft mit verdrängten Erinnerungen. Geister gehen um, ans Bett gekettet oder als Wasserleiche.

Guy Maddin knüpft mit Keyhole an seine älteren Filmen wie Careful oder Twilight of the Ice Nymphs an – Handlung und innere Logik spielen eine untergeordnete Rolle, stattdessen ergibt sich ein beeindruckend assoziativer Gedanken- und Bilderfluß. Personen und Objekte sind stark symbolisch aufgeladen, nicht zuletzt das Haus selbst, das wie ein Gehirn voll Unbewußtem, verdrängten Erinnerungen und dem gefesselten Über-Ich im Oberstübchen wirkt. Isabella Rosselini und Udo Kier sind wieder dabei, mit beiden hat Guy Maddin schon öfters zusammengearbeitet (etwa in der schönen Hommage My Dad Is 100 Years Old an Rosselinis Vater Roberto); hier haben sich eindeutig verwandte Seelen gefunden. Udo Kier hat sowieso eine einmalige Filmographie aufzuweisen: Hintereinander spielte er nun in Lars von Triers Melancholia, der Extrem-Horror-Kompilation The Theatre Bizarre, eben Keyhole, dem chinesischen UFO in Her Eyes und der Nazi-Groteske Iron Sky, ein breiter gefächertes Oeuvre ist kaum vorstellbar.

Guy Maddins Filme sind letztlich eine Geschmacksfrage, manche begeistern sie, manchen gehen sie auf die Nerven. Sich Keyhole anzusehen und festzustellen, zu welcher Gruppe man gehört, ist aber auf jeden Fall ein Erlebnis. Fortwährend durch das Haus irrlichternde Schatten, Ergebnis einer gewiß aufwendigen Lichtsetzung, machen daraus einen ganz besonderen Geisterfilm.

Meine IMDb-Bewertung: ******* (7 von 10)

Keyhole, Canada, 2011, 94 min.

Regie: Guy Maddin

Drehbuch: Guy Maddin, George Toles

Kamera: Benjamin Kasulke

Darsteller: Jason Patric, Isabella Rossellini, Udo Kier

© 2017 by Franz Indra