Augentröster   

Filme von Franz Indra

Laurence Anyways

Sie können diese Filmkritik unbesorgt lesen, ich werde keine entscheidenden Geheimnisse der Handlung verraten.

Vor einiger Zeit war in der Zeitung von einem Franzosen zu lesen, der vor Gericht die Erlaubnis erstritten hat, nach seiner Geschlechtsumwandlung in eine Frau weiterhin mit seiner Ehefrau verheiratet sein zu dürfen. Eine ähnliche Geschichte erzählt Xavier Dolan in Laurence Anyways. Es ist bereits der dritte Film des 1989 geborenen Kanadiers nach seinem Wunderkind-artigen Debut I Killed My Mother und dem ein wenig überschätzten Herzensbrecher, der sich hier einmal mehr als Spezialist für sexuelle Sonderwege erweist.

Am Anfang wirkt alles noch recht prätentiös, ein wildes Boheme-Leben wird zelebriert, die Szenen wirken improvisiert, die Kamera wackelt wild vorwärts und rückwärts. Die besseren Momente sind hier die gelegentlich eingestreuten Impressionen ohne Text, in der Disco, der Blick von Schülerin zu Schülerin bei einer Prüfung. Hier (und auch später) zeigt sich, was für ein Händchen der Regisseur bei seiner Musikauswahl hat.

Nach zwanzig Minuten outet sich dann der coole Lehrer und Gelegenheits-Schriftsteller Laurence seiner Lebensgefährtin Fred, einer wilden und attraktiven Künstlerin: Er liebt Frauen, fühlt sich aber schon immer im falschen Körper und will selbst eine werden. Ab diesem Moment wird der Film schlagartig deutlich besser, nicht zuletzt in den Dialogen. Nach einigem Zögern entschließt sich Fred (die ironischerweise einen männlich klingenden Namen trägt), Laurence beizustehen. Es folgt ein jahrelanger emotionaler Ringkampf, die Liebe zwischen Laurence und Fred erscheint so unerreichbar wie die schwarze Insel, zu der sie immer reisen wollen.

Das erinnert ein wenig an Pedro Almodóvar, und zwar im besten Sinne. Dolan beweist mit Anfang Zwanzig schon mehr Reife, als die meisten ihr Leben lang erreichen. Unter Vermeidung von jeglichem Kitsch schafft er, daß man nie das Gefühl hat, einem Problemfilm beizuwohnen. Obwohl Laurences Problem fremd bleiben muß, erscheint es einem irgendwann völlig normal. Laurence stößt dabei kaum auf plumpe, gewalttätige Ablehnung der Gesellschaft, so muß ein Film offensichtlich heute ein derartiges Thema nicht mehr angehen.

Dolan zeigt ein besonderes Gespür für Feinheiten. Laurences Kostümierung als Frau verzichtet von Beginn an auf die üblichen Crossdressing-Klischees, dennoch erkennt man eine Entwicklung. Anfangs trägt Laurence zum Beispiel immer einen großen Ohrring im linken Ohr, irgendwann verzichtet er auf diese Macke. Bemerkenswert ist sein erster Auftritt an der Schule, wenn er mit noch recht männlichem Gang den Spießrutenlauf zwischen den Schülern absolviert, und die Jugendlichen je nach Clique alle auch ihre Verkleidung tragen.

Laurence, Fred, ihre zickige Schwester, Natalie Baye als Laurences schroffe Mutter und alle anderen Personen in diesem Film sind auf ihre Art scharfsinnig und besitzen auch dann ein Herz, wenn sie gerade gemein sind. Sie sind nicht lustig und schlagfertig wie in einer Screwball Comedy, sondern wie echte Menschen. Insbesondere Suzanne Clément verkörpert die Rolle von Fred herausragend, die in gewissem Sinn sogar die Hauptfigur ist. Zumindest im Original hört man die Leute in Quebec ein Französisch sprechen, in das sich in Momenten der Erregung immer wieder lustig wirkende englische Einsprengsel mischen.

Trotz einiger Widerholungen trägt Laurence Anyways auch über die beachtliche Länge. Die gesamte letzte Stunde nach der Weihnachtsfeier könnte man weglassen und hätte trotzdem einen fertigen Film. Der Regisseur will aber mehr und schafft das auch. Er dreht das Rad noch weiter, bis die Gefühle aller Beteiligten so sehr verstrickt sind, daß sie sich nie wieder auflösen lassen werden. Ein paar Mal befürchtet man kurz, er würde übertreiben, aber mit traumwandlerischer Sicherheit schafft er es, nie abzustürzen. Dolan übersteigert einige Szenen und packt eigentlich viel zu viel in seinen Film, doch man verzeiht ihm alles gerne. Ihm gelingen Momente echter Wahrhaftigkeit, ein sehr seltenes Erlebnis, nicht nur im Kino.

Man fragt sich, was für Filme Dolan wohl machen wird, wenn er dreißig, vierzig, fünfzig Jahre alt ist. Bis dahin kann man einem Meister bei der Entwicklung zusehen.

Meine IMDb-Bewertung: ******** (8 von 10)

Laurence Anyways, Kanada/Frankreich, 2012, 168 min.

Drehbuch und Regie: Xavier Dolan

Kamera: Yves Bélanger

Darsteller: Melvil Poupaud, Suzanne Clément, Nathalie Baye

© 2017 by Franz Indra