Augentröster   

Filme von Franz Indra

Mein kleines Berlinale-Tagebuch – Tag 1: Sonntag

Jeden Februar zieht es mich unwiderstehlich nach Berlin – zum Glück kommt man recht gut mit der Bahn hin, denn der Flughafen ist überraschenderweise noch nicht ganz fertig. (Gerüchtweise wird die City Tax erhoben, um die Stromkosten für den Nicht-Betrieb zu bezahlen.)

Grand Hostel

Das gar nicht mal unansehnliche Grand Hostel

Das Programm der Belinale macht schon beim Lesen des Katalogs einiges her. Als Beispiel sei nur die Retrospektive Deutsches Kino genannt. Sie beschränkt sich auf das Jahr 1966 – das ist genau 50 Jahre her, und die Berlinale befindet sich in ihrem 66. Jahr. Deutsches Kino heißt natürlich sowohl BRD als auch DDR, es sind die Klassiker dabei (Katz und Maus, Spur der Steine), aber auch die etwas in Vergessenheit geratenen Regisseure wie Vlado Kristl oder der kürzlich verstorbene Haro Senft sind vertreten. Ein besonderes Angebot sind DEFA-Filme wie Jahrgang 45 oder Karla, die direkt hintereinander in der Original-Fassung (so weit rekonstruierbar bzw. fertig gestellt) als auch in der zensierten Form gezeigt werden. Interessant klingt auch das Kurzfilm-Abend mit Frühwerken von später berühmten Filmemachern.

Kneipe

Willkommen im Raucherlokal 🙂 Aber was ist ein „Cockail“?

Volker Schlöndorff, mit dem jungen Törleß selbst Teil des Programms, und der fast schon legendär zu nennende Drehuchautor Wolfgang Kohlhaase, dessen Berlin um die Ecke gezeigt wird, sprachen über den damaligen Aufbruch des deutschen Films. Im Westen entstand damals der Neue Deutsche Film. (Schlöndorff: „Irgendwann nannte uns jemand so, und wir dachten uns: ‚Oh, dann gehören wir ja zusammen.‘ Wir nahmen das Etikett aber auch an.“) Wolfgang Kohlhaase schüttelt auch noch mit Mitte Achtzig geschliffene Formulierungen aus dem Ärmel. 1966 bekamen so viele DDR-Filme Probleme mit der Zensur, weil der Mauerbau damals eben gerade so lange her war, daß sich die Filmemacher mit seinen Folgen beschäftigten, überlegte er.


Warteschlange

Berlinale heißt for allem anstehen – und sei es mit Ticket in der Hand eine Dreiviertelstunde vor Einlaß

Am Abend war Gérard Depardieu mit The End zu Gast. Der Film besteht hauptsächlich daraus, daß er auf die Jagd geht und sich im Wald verirrt, zunehmend absurde Situationen folgen. Guillaume Nicloux, der Regisseur (Die Entführung des Michel Houellebecq), hat vor Kurzem Valley of Love mit Depardieu gedreht und ist offensichtlich so gut mit ihm befreundet, daß er ihn zu diesem Guerilla-Dreh überreden konnte, bei der er ganz uneitel seine Berg-artige Physis zur Schau stellt und einige Strapazen auf sich nehmen mußte. Eine Verfilmung eines Traums, den er hatte, sagte er nach der Vorführung und verweigerte sich schlauerweise weiteren Erklärungen – mehr gibt der Film irgendwie auch nicht her. Depardieu wirkte freilich glücklich, daß sich ein Film einmal nicht daran erschöpt, einfach eine Geschichte zu erzählen.

© 2017 by Franz Indra