Augentröster   

Filme von Franz Indra

Mein kleines Berlinale-Tagebuch – Tag 3: Dienstag

Das Wetter ist dieses Jahr ja außerordentlich milde für Berlinale-Verhältnisse, geradezu schön: nicht wie in der Tiefkühltruhe, so gut wie kein Regen oder Schnee. (Entgegen des Klischees sind übrigens viele Berliner recht freundlich.)

Sony Center

Das Sony-Center wirkt düsterer als das diesjährige Berlinale-Wetter.

Im Forum (und erst recht im Forum Expanded) findet sich das etwas Abseitigere, das nicht so recht auf den roten Teppich paßt. Hachimiri Madness – Japanese Indies from the Punk Years (damit sind die Achtziger-Jahre gemeint) wird im Arsenal-Kino in der Deutschen Cinemathek gezeigt. Erste Home-Movie-artige Gehversuche von Regisseuren wie Sion Sono, die später unter professionellen Produktionsbedingungen weiterhin wilde Filme machen sollten. In Hanasareru Gang von Nobuhiro Suwa erklären die Darsteller zu Beginn ihre Rolle und die Handlung, die dann wieder und wieder folgen wird. Eine Bonnie-und-Clyde-Geschichte, ganz locker und albern erinnert sie an Zur Sache, Schätzchen aus der wilden Zeit des deutschen Films in den Sechzigern. Ich bin vollkommen taub, erklärt er ihr manchmal mitten im Gespräch.

Wayne Wang ist zurück, und er hat „Beat“ Takeshi Kitano mitgebracht – kann da etwas schief gehen? Irgendwie schon: While the Women Are Sleeping erzählt von einem Schriftsteller in der (Ehe- und Berufs-)Krise, derim Hotel ein seltsames Paar kennenlernt: einen älteren Mann und ein sehr junges Mädchen. Er filmt sie jede Nacht im Schlaf. Eine Obsession entwickelt sich, die Fantasie des Autors springt wieder an, aber Francois Ozon hat sich vor ein paar Jahren in Swimming Pool ganz ähnlich und viel überzeugender mit der Kreativität auseinander gesetzt.

Alexanderplatz

Der alte Alexanderplatz

Greta Gerwig ist inzwischen Pflicht geworden für Festivals. Spätestens seit Frances Ha verbindet sie das Independent-Kino mit dem Mainstream. Rebecca Miller, Tochter von Arthur Miller und Ehefrau von Daniel Day-Lewis, läßt sie in Maggie’s Plan ihre Figur der etwas konfusen Großstadt-Intellektuellen variieren: Maggie will sie sich nicht treiben lassen, sondern ihr Leben fest nach ihren Vorstellungen organisieren, und dazu gehört in ihrer momentanen Lebensphase ein Kind, aber kein Mann. Ein unterhaltsames Liebesdreieck (vielleicht auch -Viereck oder -Fünfeck) ist daraus geworden, mit Ethan Hawke und Julianne Moore in einer endlich mal wieder interessanten Rolle. Das Ganze bleibt freilich noch recht harmlos, doch zumindest kann man neben Julie Delpy mit 2 Tage Paris so langsam die Erben erahnen, wenn Woody Allen so in ein paar Jahrzehnten nicht mehr jedes Jahr einen Film machen wird.

© 2017 by Franz Indra