Augentröster   

Filme von Franz Indra

Mein kleines Berlinale-Tagebuch – Tag 4: Mittwoch

Life after life - Regisseur Zhang Hanyi

Regisseur Zhang Hanyi (rechts) und sein Cutter (Mitte)

Traditionell stark vertreten im Bereich des Weltkinos ist das chinesische Kino. Das Debut Life After Life von Zhang Hanyi ist ein geradezu klassischer Vertreter und bietet in der zweiten Hälfte durchaus reizvolle Anklänge an Apichatpong Weerasethakul, wenn die Verwandten ganz selbstverständlich damit umgehen, daß der Geist der toten Mutter aus dem Kind spricht, oder in der großen körperlichen Anstrenung an Kim Kid-Duk, als der Wunsch der Mutter schließlich erfüllt wird, einen Baum umzupflanzen, um wenigstens ihn über die zwangsweise Umsiedlung zu retten. Dazwischen bietet der Film leider auch klassische Klischees – die Einstellungen sind Totalen, wenn nicht Plansequenzen, zu deren Beginn erst einmal alle eine Minute lang starr stehen und auch später im Dialog jeden Satz durch eine Gedenkpause einleiten. Doch während hierzulande vorsorglich Panik vor dem Schrumpfen der chinesischen Wirtschaft geschürt wird, zeigen all diese Filme deutlich die Verwüstungen an Land und Menschen, mit denen das bisherige Wunderwachstum gepreßt wurde.

 

Cosmina Stratan, aus Jenseits der Hügel noch bestens in Erinnerung, spielt in Shelley eine rumänische Hausangestellte in Dänemark, die sich zur Leihmutterschaft überreden läßt. Im abgelegenen Haus im Wald häufen sich schon bald beunruhigende Träume und mysteriöse Geräusche, und sie fürchtet, daß das Baby sie töten will… Leider erschöpft sich der Film in (gelungenen) Effekten, die aber zusammenhanglos aneinandergereiht werden. Atmosphäre kommt immer wieder auf, doch anders als vom Regisseur behauptet bleibt die Tonspur klischeehaft, und Unterbelichtung ist noch kein Kamerakonzept.

 

Manifesto

Cate Blanchett trifft auf den Monolithen aus 2001 (links) und spricht ein Pop-Art-Tischgebet (rechts).

Parallel zur Belinale zeigt der deutsche Videokünstler Julian Rosefeldt im Museum für Gegenwart am Hamburger Bahnhof bis zum 10. Juli die Installation Manifesto. Die ganz wunderbare Cate Blanchett spricht in zehn immens aufwendig gestalteten Szenen historische künstlerische Menifeste, mal als Arbeiterin in einer Müllverbrennungsanlage, mal als Puppenspielerin, als Punk oder Penner. Die (zweifellos so gewollte) Präsentation wirkt leider recht unglücklich: Alle Videos werden in einem Raum projeziert, so daß sich die Tonspuren vermischen und die teils doch komplizierten Texte kaum verständlich sind; außerdem sind sie so getaktet, daß alle zugleich den deklamatorischen Höhepunkt erreichen. Kostüme, Ausstattung und Inszenierung wirken auch bisweilen überladen. Das ist sehr schade, da doch einige witzige und geistvolle Ideen dahinter stecken, etwa wenn Blanchett als biedere Familienmutter ihren Text als Gebet zum Sonntagsbraten spricht, als Nachrichtensprecherin sich selbst über Konzeptkunst interviewt oder als Grundschullehrerin der Klasse Dogma95 erklärt; Höhepunkt dürfte aber die Grabrede sein, in der sie der Gemeinde Dada um die Ohren haut: „No geography, no history, no philosophy, no anything, nothing, nothing.“ Es wäre schön, die Arbeit als zweistündigen Film – mit Untertiteln – im Kino sehen zu können, oder besser noch als in zehn Teilen als Betthupferl im Fernsehen. (Man wird ja noch träumen dürfen.)

© 2017 by Franz Indra