Augentröster   

Filme von Franz Indra

Mein kleines Berlinale-Tagebuch – Tag 5 und Schluß: Donnerstag

Der Trend, daß gehobenes Arthouse-Kino drei Stunden lang sein muß und dabei oft künstlich aufgebläht wirkt, ist wohl glücklicherweise vorbei – na gut, Chamissos Schatten von Ulrike Ottinger dauerte über 700 Minuten, und der Gewinner des Silbernen Bären, A Lullaby to the Sorrowful Mystery von Lav Diaz, schaffte immerhin acht Stunden. Die meisten Filme blieben aber im Dauerbesucher-freundlichem Rahmen.

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Schlangestehen ist des braven Festival-Besuchers Pflicht…

Der Architekt Erik hat das Haus seiner Eltern geerbt und muß sich mühsam von Frau und Tochter überreden lassen, es nicht zu verkaufen, sondern in eine dieser neumodischen Kommunen umzuwandeln, damals, im Dänemark der Siebziger Jahre. Er ist kein reaktionärer Tyrann, aber so recht paßt die neue Freiheit nicht zu ihm. Man ahnt schon, am Ende wird er entweder derjenige sein, der die Gemeinschaft verläßt, oder… Vor zwanzig Jahren hat Thomas Vinterberg gemeinsam mit Lars von Trier Dogma95 aus der Taufe gehoben, Das Fest sorgte international für Furore. Sein neuer Film Kollektivet (Die Kommune) bleibt im Vergleich irgendwie zu nett, auch wenn aus den anfänglichen Hippie-Klischess differenzierte Figuren werden, die Erzählperspektive zwischen Vater und Tochter mäandert und die Mutter sich zur ehrlich tragischen Figur entwickelt. (Trine Dyrholm erhielt für ihre Leistung den Silbernen Bären als beste Darstellerin.) Einmal zitiert Vinterberg sogar sein eigenes Zitat, als die Gruppe zu Weihnachten durch die Räume zieht, wie im Fest, wie in Bergmans Fanny und Alexander.

Das Haus der Berliner Festspiele

Der Bär war los auf den Plakaten und in einem Kurzfilm, das Festival selbst eher ruhig.

Dominik Moll liebt die Farce, das hat er mit Harry meint es gut mit dir und Lemming bereits bewiesen. In Des Nouvelles de la Planète Mars / News From Planet Mars beschwört der gutmütige Trottel Philippe Mars eine Heimsuchung nach der anderen auf sich herab, wegen seiner Menschenfreundlichkeit, deretwegen er von seinen Mitmenschen bloß ausgenutzt bzw. verachtet wird. Diese Art der Komödie fordert einen speziellen Sinn für Humor, sonst quält sie den Zuschauer eher. Am Ende gibt es aber einen Moment, mit dem der ganze Film steht oder fällt.

Retrospektive Deutsches Kino 1966 bot mit Formspiele und First Steps gleich zwei Kurzfilm-Programme auf. Im letzteren waren Frühwerke später bekannter Regisseure wie Rainer Werner Fassbinder, Werner Herzog, Helke Sander, Harun Farocki und May Spils versammelt. Die Moderation machte daraus eine Konfrontation weiblicher mit männlichen Filmemachern, die eher nirgendwohin führte. „Unsere Filme waren damals alle so leicht, wie die Ruhe vor dem Sturm“, meinte Jeanine Meerapfel in der Diskussion. Der Tonmann in Helke Sanders Subjektitüde hieß Holger Meins.

 

 

Hedwig And The Angry Inch - Produzentin Christine Vachon

Ehren-Teddy-Preisträgerin Christine Vachon sorgte für viel gute Laune.

Nichts lief schief auf der diesjährigen Berlinale, man freut sich schon auf das nächste Jahr, aber der große Rausch blieb aus. Für einen echten Knaller sorgte dementsprechend auch kein neuer Film, sondern die Verleihung des Ehren-Teddys an Christine Vachon; der schwul-lesbische, sorry: queere Filmpreis wurde 30 Jahre alt. Christine Vachon hat nicht nur Dutzende Kleinode des Independent Cinema produziert – I Shot Andy Warhol, Happiness, A Dirty Shame und Boys Don’t Cry gehören zu den bekannteren -, auch Filme wie Die Grauzone oder I’m Not There gehen auf ihr Konto, aktuell ist sie mit Carol Oscar-nominiert. Zur Feier des Tages hatte sie aber Hedwig And The Angry Inch mitgebracht, das wilde fake-biopic über die transsexuelle Hedwig, die das geteilte Berlin verläßt, um in der amerikanischen Provinz zu einem „international ignorierten“ Glamrocker zu werden. Eine Schande, daß dieser intelligente und zu Tränen rührende Film damals keinen deutschen Verleih gefunden hat. Im Kino International herrschte Stimmung wie bei der Rocky Horror Picture Show. „Singt mit, wenn ihr die Zeilen kennt“, rief Christine Vachon vor der Vorführung.

© 2017 by Franz Indra