Augentröster   

Filme von Franz Indra

Mekong Hotel

Sie können diese Filmkritik unbesorgt lesen, ich werde keine entscheidenden Geheimnisse der Handlung verraten.

Das thailändische Kino wird im Prinzip mit zwei Namen verbunden: dem Martial-Arts-Meister Panom Yeerum, besser bekannt als Tony Jaa, und dem Arthouse-Liebling Apichatpong Weerasethakul, der sich der Einfachheit halber Joe nennen läßt. Mit Blissfully Yours und Tropical Malady machte er vor einigen Jahren auf sich aufmerksam, für Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben erhielt er 2010 die Goldene Palme in Cannes.

Weerasethakul erschafft sozusagen das Gegenstück zum rasanten asiatischen Action-Kino, er gilt als Meister der langen und langsamen Einstellungen. Sitzt man im Kino, wirken seine Filme aber gar nicht so extrem, was sicherlich kein schlechtes Zeichen ist. Meistens interesiert er sich für Geistergeschichten, so auch in Mekong Hotel, wo sie Tiere und vielleicht auch Menschen fressen. Seine Geister unterscheiden sich freilich von europäischen Gespenstern oder denen aus japanischen Gruselfilmen, die vor einiger Zeit einen großen Boom erlebten. Bei Weerasethakul können zwei Personen auf einem Bett sitzen und miteinander reden, aber deswegen müssen nicht beide als reale Menschen anwesend sein.

Viele Kurzfilme hat er in den letzen Jahren gedreht, auch Mekong Hotel ist mit einer Länge von 60 Minuten für Weerasethakul eigentlich ein Capriccio. Auf eine Handlung verzichtet der Regisseur, auch auf eine Chronologie im üblichen Sinn, alles scheint gleichzeitig stattzufinden. Eine Hauptrolle spielt auf jeden Fall der Mekong, er taucht in vielen Einstellungen auf. Das unspektakuläre, fast unmerkliche Dahinströmen des Flusses ist dabei trotzdem von ungeheurer Präsenz. Auf der Tonspur liegt fast ununterbrochen eine Aufnahmesitzung mit einem Musiker, sogar inklusive Dialogbruchstücken mit dem Regisseur. Als wäre das noch nicht verwirrend genug, besteht das Bildmaterial zu großen Teilen aus Testaufnahmen für einen noch nicht realisierten Film: Weerasethakul ist bei aller angenehmen Lockerkeit auf einem nicht ungefährlichen Weg, beliebig zu wirken; die ungeschnittenen Musikaufnahmen können als zusätzliche Brechung wirken oder aber als Nachlässigkeit.

Tatsächlich ist die Musik zu laut, die Dialoge wären teilweise wohl nur schwer zu verstehen (was angesichts der Untertitel egal ist). Und wenn die Exotik nicht wäre – würde man manche Szenen nicht einfach langweilig finden? Wenn man sich darauf aber einläßt, entwickelt der Film trotzdem einen unwiderstehlichen Sog, man fühlt sich am Ende entspannt wie nach einer Meditations-Stunde. Und Weerasethakul besitzt zweifellos Humor: Im Abspann schreibt er, daß die Figuren echt und nicht fiktiv sowie Ähnlichkeiten mit dem Leben kein Zufall seien.

Meine IMDb-Bewertung: ****** (6 von 10)

Mekong Hotel, Thailand/Großbritannien, 2012, 61 min.

Drehbuch, Kamera und Regie: Apichatpong Weerasethakul

Darsteller: Jenjira Pongpas, Maiyatan Techaparn, Sakda Kaewbuadee

© 2017 by Franz Indra