Augentröster   

Filme von Franz Indra

Moonrise Kingdom

Sie können diese Filmkritik unbesorgt lesen, ich werde keine entscheidenden Geheimnisse der Handlung verraten.

Ein Junge und ein Mädchen alleine in der Wildnis, wie im Märchen. Die beiden werden gejagt, es wird geschossen und mit der Linkshänder-Schere zugestochen. Sie haben ihre Flucht in vielen Briefen auf kindlich buntem Papier geplant, die alle mit „Liebe Suzy / Lieber Sam“ beginnen. Das Mädchen hat den Plattenspieler seines Bruders mitgehen lassen, „für zehn Tage oder kürzer“. Und die Wildnis entpuppt sich als Pfadfinder-Übungsgelände.

Wes, der große Liebhaber von Skurrilitäten und Schrulligkeiten unter den Mr. Andersons in Hollywood, hat mal wieder zugeschlagen – die Trailer zu seinem neuen Film wirken wie ein einziges Sammelsurium an absurden Personen und Situationen. Seine Geschichten von extrem eigenwilligen Außenseitern, die groteske Obsessionen mit heiligem Ernst pflegen, sind mal funkelnde Perlen (wie The Royal Tenenbaums), mal uninsprierte Langweiler (wie The Life Aquatic with Steve Zissou). Diesmal ist alles wunderbar geworden.

Auch jede Person in Moonrise Kingdom lebt ganz in ihrer eigenen Welt. Da ist die Anwaltsfamilie, deren Mitglieder so distanziert zueinander sind, daß die Mutter die Kinder per Megaphon zum Essen ruft. Da ist der Hobby-Naturkundler, der als neckische Nebenfunktion zwischendurch den Erzähler für das Publikum gibt. Da ist der Leiter des Pfadfinderlagers, der diese Aufgabe mit so großem Pflichtbewußtsein verfolgt, daß er seinen eigentlichen Beruf nur als Nebenbeschäftigung bezeichnet. Und da sind natürlich vor allem die jungen Pfadfinder selbst, die ihre Spielregeln mit dem echten Leben verwechseln. Selbst die Kamera verhält sich eigenwillig mit strengen Drehungen, Horizontal- und Vertikalfahrten, und da die Geschichte praktischerweise in den Sechzigern spielt, kann die Lust am Retro-Look ungehemmt ausgetobt werden.

Sam ist der Junge, den niemand will und der bloß seiner Existenz wegen schon auf Ablehnung stößt. Suzy ist das Mädchen, das bereits alt genug ist, um zu begreifen, was um es herum alles schief läuft. Sie erkennen sich als Seelenverwandte, bereit und fest entschlossen, ein Leben fern von allen anderen Menschen zu führen. Sie basteln sich eine Mikro-Gesellschaft aus zwei Personen, Heirat inklusive. Ihr konsequenter, trauriger Ernst und ihre bemerkenswerte Ebenbürtigkeit machen die beiden Zwölfjährigen dabei zu einem der schönsten Liebespaare, das man seit langem gesehen hat. Ein solches perfect match würde man sich auch mal in einem Film mit erwachsenen Hauptpersonen wünschen, und Kara Hayward mit ihren ausdrucksstarken Augen dürfte man bald in weiteren (größeren) Filmen sehen.

Man hat ja leider den Eindruck, daß manche Leute die Figuren aus Wes Andersons Filmen einfach auslachen. Tatsächlich leben sie alle so autistisch und beziehungsunfähig nach unverrückbaren Regeln in ihrer jeweils eigenen Welt, daß man sich ein wenig Sorgen um das Privatleben des Regisseurs macht. Doch niemand wird hier verraten oder ausgestellt. Wie viel Würde Sam und Suzy besitzen, zeigt sich besonders in den Momenten, in denen sie sich ihre größten Schwächen gestehen. Es war wohl eine gute Idee von Wes Anderson, Kinder als Hauptcharaktere zu wählen, sie sind ihm offensichtlich näher als Erwachsene und erreichen eine deutlich stärkere emotionale Tiefe. Edward Norton, Bruce Willis, Frances McDormand, Bill Murray und Tilda Swinton sind mit großer Freude an der Alberei dabei, wirken aber doch etwas unterfordert.

Trotz aller Manieriertheit behält der Film genügend Spannung und Bodenhaftung, um nie langweilig oder beliebig zu werden. Irgendwann erscheint es nur folgerichtig, wenn die Kirche während eines Unwetters als Notunterkunft dient, außen einen Hinweis anzubringen, daß an diesem Abend die Aufführung von Noah und seiner Arche ausfällt. Mit trockenem Humor meistert man die Absurditäten des Lebens eben am besten, und wenn sich der Film mit eben jenem schon ganz zu Beginn angekündigten Sturm zu einem dramatischen und höchst romantischen Finale steigert, müssen sich die Kinder in ihrem Streben gegen die Realität so unverrückbar treu bleiben, bis die Erwachsenen endlich, endlich gescheit werden.

Meine IMDb-Bewertung: ******** (8 von 10)

Moonrise Kingdom, USA, 2012, 94 min.

Regie: Wes Anderson

Drehbuch: Wes Anderson und Roman Coppola

Kamera: Robert D. Yeoman

Darsteller: Kara Hayward, Jared Gilman, Edward Norton, Bruce Willis, Frances McDormand, Bill Murray, Tilda Swinton

© 2017 by Franz Indra