Augentröster   

Filme von Franz Indra

München 2013

31. Filmfest München
28. Juni bis 6. Juli 2013

Dieses Jahr fand das Münchner Filmfest erstmals unter der Leitung von Diana Iljine statt, die in die großen Fußstapfen von Eberhard Hauff und Andreas Ströhl treten mußte: Sie hat sie ganz gut ausgefüllt, es war wie gewohnt eine entspannte und gut gelaunte Woche. Auf die neuen Reihen zu Fernsehserien bzw. Computerspielen hätte man auch getrost verzichten können, das Multiplex-Kino als Festival-Zentrum wurde dagegen dankenswerterweise durch die Aufnahme weiterer altgedienter Programmkinos wie dem „City“ und der „Münchner Freiheit“ ersetzt. Das Poster-Motiv stammte dieses Mal von einem der letzten Kinoplakat-Maler (er nahm wie üblich ein Foto als Vorlage), das auch im etwas simplen Trailer verwendet wurde.

Die Nebenveranstaltung deckten die ganze Bandbreite ab: von für größeres Publikum von Interesse (z.B. zu Filmmusik oder dem neuen Dauerbrenner Crowdfunding) über eher fachlich-intern (wie den „Self Made Shorties“ mit selbst oft recht witzig gestalteten Schauspieler-Tapes zum Thema „Heimat“) bis hin zu offensichtlich absurd (Podiumsdiskussion der FDP). Neben vielen weiteren Gästen – u.a. Ulrich Tukur, Caroline Link, Michael Verhoeven, Paolo Sorrentino, Asghar Farhadi, Mike Figgis und Nicolas Winding Refn – konnte man mit Michael Caine, der den Ehrenpreis erhielt, auch wieder einen internationalen Star aufbieten.

Mit „La noche de enfrente“ / „Night Across the Street“ wurde quasi das Testament des 2011 verstorbenen Raoul Ruiz gezeigt. Ruiz, 1973 nach dem Pinochet-Putsch ins Exil nach Frankreich und später Portugal gezwungen, war kurz vor seinem Tod in seine Heimat Chile zurückgekehrt; La Noche zeigt denn auch den Rückblick eines alten Mannes auf sein Leben. Wir befinden uns in Südamerika: Natürlich geht es auch um den Faschismus. Auch wenn es sich um die Adaption einiger Kurzgeschichten von Hernán del Solar handelt, wirkt der Film sehr autobiographisch. Die Gleichzeitigkeit der Zeitebenen, Greis und Knabe treten nebeneinander auf, ist ein schöner Einfall und sorgt für eine entspannte Grundstimmung, obwohl der Film schon ganz in Erwartung des Todes steht. Einzig die Inszenierung der Kinder gelang dem alten Regisseur nicht so überzeugend, wie man das heutzutage erwartet.

Der eigentliche Held des Festivals war aber ein anderer Chilene, Alejandro Jodorowsky. Der erstaunlich agile 84-Jährige (!) hatte er seinen neuen Film „La danza de la realidad“ im Gepäck – tatsächlich erst sein siebter (der bislang letzte datiert auf 1990). Vor allem aber hatte Jodorowsky endlich den Streit mit seinem ehemaligen Produzenten Allen Klein beigelegt und konnte damit seine alten Meisterwerke „El topo“, „Montana Sacra“ und „Santa sangre“ präsentieren, farbkorrigiert und auf großer Leinwand. Diese berüchtigten Klassiker des surrealen Films waren jahrzehntelang von Klein unter Verschluß gehalten worden, es gab nur einige schrabbelige VHS-Kopien, die Jodorowsky damals „großzügig an Piraten verteilt“ hatte, wie er bei seinen Auftritten launig anmerkte.

Jodorowskys Filme sind wahrlich einzigartig, ein bildgewaltiger Symbol-Overkill quer durch alle Religionen und Glaubensrichtungen. Sie sprengen nicht nur das Korsett ihrer Handlung, sondern verweigern sich auch jeglicher Beschreibung. Einmal spielen Kröten und Eidechsen die Eroberung Mittelamerikas durch die Spanier nach. Seine Filme sind eine ganz eigene Erfahrung. (Empfindliche Gemüter werden freilich viele Anlässe finden, sich beleidigt zu fühlen.) Jodorowsky ist ein Mystiker, in „Montana Sacra“ spielt er den Alchemisten. Frohgemut und gut gelaunt unterhielt er das Publikum bei seinen Auftritten, er ist sicher aber auch eine schwierige Persönlichkeit, die sogar das Kunststück fertig brachte, sich mit George Harrison zu zerstreiten. Sein (natürlich ergebnisloser) Ausflug nach Hollywood wäre nur eine Fußnote der Filmgeschichte, hätte er nicht während der Entwicklung von „Dune“, für den er zeitweise als Regisseur vorgesehen war, Ridley Scott und H.R Giger miteinander bekannt gemacht. Der kommerzielle Film ist heute noch sein Feindbild: „Manche wollen eben lieber ‚Iron Man 3‘ sehen.“

Preise:

Arri/Osram Award
Heli
Regie: Amat Escalante

Förderpreis Neues Deutsches Kino
Regie: Jakob Lass für Love Steaks
Produktion: Ines Schiller und Golo Schultz für Love Steaks
Drehbuch: Jakob Lass, Timon Schäppi, Ines Schiller und Nico Woche für Love Steaks
Schauspiel: Lana Cooper und Franz Rogowski für Love Steaks

CineVision Award
Halley
Regie: Sebastián Hofmann
Môj Pes Killer / My Dog Killer
Regie: Mira Fornay

One Future Preis
Freedom Bus
Regie: Fatima Geza Abdollahyan
Lobende Erwähnung für Dancing In Jaffa
Regie: Hilla Medalia
Ehrenpreis: AZ-Kritikerin Ponkie

Bernd Burgemeister Fernsehpreis
Kirsten Hager für Pass gut auf ihn auf
Regie: Johannes Fabrick

Bayern 3 Publikumspreis
Freedom Bus

Kinderfilmfest-Publikumspreis
Ernest & Célestine
Regie: Benjamin Renner, Vincent Patar und Stéphane Aubier

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