Augentröster   

Filme von Franz Indra

Nymphomaniac

Sie können diese Filmkritik unbesorgt lesen, ich werde keine entscheidenden Geheimnisse der Handlung verraten. Meine Kritik zu Teil 2 finden Sie hier.

Er kann es einfach nicht lassen: Als wolle Lars von Trier an den bizarren Hitler-Eklat bei der Präsentation seines letzten Films Melancholia in Cannes erinnern, sehen wir bereits in der ersten Szene eine jüdische menora, den siebenarmigen Leuchter, in einem Laden. Der Käufer heißt Seligman und erklärt später: „Anti-Zionismus ist nicht Anti-Semitimismus, auch wenn uns das einige glauben machen wollen.“

Dabei ist ja alles ein großes Mißverständnis. Lars von Trier ist ein Getriebener, aber er will überhaupt nicht provozieren. Auch sein double feature über Nymphomaninnen mit lauter Hollyood-Stars ist weder zum arthouse porn à la Intimacy geraten noch zur sensationslüsternen Spekulation (als die es allerdings vermarktet wird). Im Abspann wird – nicht ohne Grund – vermerkt, daß die Darsteller keinen echten Sex hatten. Und der Einstieg in den Film scheint mit den Erwartungen der Zuschauer gerade zu spielen: Für sehr lange Zeit ist nur Schwarzbild zu sehen, es folgen stille Einstellungen von fallendem Schnee und Wasserrohren. Plötzlich lärmt Rammstein los, ähnlich überraschend wie damals in David Lynchs Lost Highway. Tatsächlich wird später noch einige Male Popmusik folgen, eher ungewöhnlich für Lars von Trier, in ihrer Wirkung freilich eher brechend als affirmativ.

Wir erleben ein Meisterwerk des Schnitts und das Schauspiels in Dialogen, präsentiert als bildungsbürgerlicher Roman, eine Biographie mit Rahmenhandlung. Eine lange Nacht erzählt die titelgebende Joe Episoden aus ihrem Leben, immer wieder gespickt mit schicksalshaften Zufällen (wie ihr Zuhörer Seligman extra betont). Alle Personen außer den Hauptfiguren werden nur nach ihren Initialen benannt. Stärker noch als sonst spielt Lars von Trier mit der Rezeption des Publikums, durchbricht fortwährend die Illusion der Erzählung, um sie sofort wieder erstrahlen zu lassen. Die Einrichtung von Seligmans Zimmer, simple Studio-Kulisse, atmosphärisch stimmiger Drehort und neckischer Stichwortgeber zugleich, ist dafür ein gutes Beispiel. Auch ganz typisch ist die Auseinandersetzung zweier Lebenseinstellungen, hier die leidenschaftliche, von Selbstvorwürfen zerfressene Joe, dort der zurückhaltende Intellektuelle Seligman. Ganz offensichtlich sehen wir hier zwei Wesenszüge des Regisseurs im Widerstreit, wobei seine Sympathie natürlich Joe gehört, die der braven Konvention zu Recht Scheinheiligkeit vorwirft.

Neben Woody Allen dürfte Lars von Trier derjenige Regisseur sein, mit dem die meisten Schauspieler unbedingt zusammen arbeiten wollen – dieses Mal sind Stellan Skarsgård als Seligman, Christian Slater als Joes Vater und Uma Thurman in einer sehr ungewohnten Rolle als verlassene Ehefrau dabei. Die unbekannte Stacy Martin stürzt sich furchtlos in die Darstellung der jungen Joe. Shia LaBeouf erscheint als ungewöhnliche Wahl für einen seriösen Film, meistert aber den Part als wiederkehrendes love interest. Am einprägsamsten aber ist zweifellos Charlotte Gainsbourg. Alleine schon ihr Gesicht, wenn sie Seligman zuhört oder über die passenden Worte nachgrübelt, zeigt Joes schwierig zu spielenden Charakter in einer solche Tiefe und Vielschichtigkeit, daß man sofort versteht, warum sie Lars von Triers Muse seiner letzten Filme geworden ist.

In Dänemark läuft Nymphomaniac als ein Film, bei uns wird er wie im Rest der Welt in zwei Teilen gezeigt. (Teil 2 läuft am 3. April an.) Wenn möglich, sollte man dem noch eine halbe Stunde längerem director’s cut den Vorzug geben. In der Normalfassung fehlt zwar keine Szene, im Vergleich wirkt sie trotz ihrer zwei Stunden manchmal aber ein wenig gehetzt. Die längere Einleitung ist natürlicher, wichtige Stichworte wie „Nymphomanin“ oder auch Joes Name werden bei besserer Gelegenheit eingeführt, der Film wird in vielerlei Hinsicht detailreicher – man hört selbst die Geschichten des Vaters über Bäume gerne ausführlicher. Auch die explizitesten Sex-Aufnahmen wurden getilgt. Vor allem aber fehlen ein paar wichtige Momente. Im director’s cut schlägt die Sekretärin Joe nicht ohne Hintergedanken vor, mit der Übergabe des Briefs bis Freitag zu warten, in der Normalfassung muß der Zeitpunkt zufällig wirken. Und der Todeskampf des Vaters wird viel verständlicher, wenn man einige sich steigernde Anfälle sieht und die Erklärung des Arztes hört, daß in manchen Fallen das Gehirn geschädigt werde, ohne daß man etwas dagegen tun könne.

Die einzige nicht gekürzte Szene dürfte Uma Thurmans nicht endend wollende Litanei sein, ein Höhepunkt des Films: Sie macht ihrem Ehemann und dessen Affäre Joe eine Szene voll unbeschreiblicher Larmoyanz und passiver Aggressivität, immer auf das erste Widerwort wartend, um endlich losschreien zu können. Da die beiden aber einfach gar nicht reagieren, kann und kann sie kein Ende finden.

Meine IMDb-Bewertung: ******** (8 von 10)

Nymphomaniac, Dänemark/Deutschland/Frankreich/Belgien/Großbritannien, 2013, 118 min.
Regie: Lars von Trier
Drehbuch: Lars von Trier
Kamera: Manuel Alberto Claro
Darsteller: Charlotte Gainsbourg, Stellan Skarsgård, Stacy Martin, Shia LaBeouf, Christian Slater, Uma Thurman

© 2017 by Franz Indra