Augentröster   

Filme von Franz Indra

Nymphomaniac: Volume II

Sie können diese Filmkritik unbesorgt lesen, ich werde keine entscheidenden Geheimnisse der Handlung verraten. Meine Kritik zu Teil 1 finden Sie hier.

Die Aufteilung in zwei getrennte Kritiken war nur dem großem zeitlichen Abstand der Kino-Starts geschuldet. Dies ist kein Kill Bill, bei dem Quentin Tarantino beide Teile möglichst unterschiedlich gestaltet hat, sobald klar war, daß der Stoff für einen Film zu viel wird. Nymphomaniac: Volume II setzt nahtlos an, wo Nymphomaniac aufgehört hat, beide Filme sind völlig homogen und eigentlich am besten als double feature zu sehen.

Der Reigen wird also fortgesetzt, immer mehr alte Bekannte aus Trier-Filmen tauchen auf, Willem Dafoe, Jean-Marc Barr und natürlich der omnipräsente Udo Kier – leider ist er nur kurz in einer Szene zu sehen, aber Udo Kier dürfte sich inzwischen immer mehr der ununterbrochenen Schauspielerei annähern und hat dann eben nicht die Zeit für viele Drehtage.

Joe darf ein paar Mal recht gelassen ihre umfassende sexuelle Menschenkenntnis ins Spiel bringen, gegenüber ihrem spröden Publikum Seligman etwa oder einem säumigen Schuldner. Sie gerät in eine tiefe Lustkrise und befreit sich wieder aus ihr. Sehr schön ist der Moment, in dem sie versucht, alles Stimulierende aus ihrer Wohnung zu entfernen: Es bleibt ein weißer, in Folie verpackter Raum. Allemal hilfreicher als die heuchlerische Selbsthilfegruppe, bei der einem die eigenen Wörter vorgeschrieben werden, erweist sich die S/M-Therapie. Wie im Wartezimmer eines Arztes sitzen die Frauen mitten in der Nacht im Keller und sehnen voller Furcht den Moment herbei, in dem sich die Tür öffnet und sie aufgerufen werden… Die folgenden Szenen hat man so nüchtern und voll trockenen Humors noch nicht gesehen.

Am Schluß singt Joe ein Hohelied auf alle Pädophile, die ihre Veranlagung ein Leben lang verleugnen – auch das ist typisch Lars von Trier. Insgesamt scheint es jedoch, als wünsche er, daß dieses eine Mal der Blick nicht durch trotzige, von der political correctness bereitwillig mißverstandene Provokationen versperrt wird. Die Szenen aus Joes früher Kindheit in Teil 1 sind geradezu augenfällig zurückhaltend inszeniert, damit nur ja nicht der Anschein von Kinderpornographie entsteht: Darum geht es nämlich überhaupt nicht.

Nymphomaniac und Nymphomaniac: Volume II bilden Abschluß der sogenannten Depressions-Trilogie, nach dem grimmigen Antichrist und dem unvergeßlichen Melancholia ein fast schon heiterer Ausklang, trotz des Blickes des Vaters im Krankenhaus. In einer Variation der Anfangsszene aus „Antichrist“ wird die Hinwendung zur Hoffnung ausdrücklich betont. Man kann für von Trier hoffen, daß sich daran seine Bewältigung der eigenen Depressionen spiegelt. Charlotte Gainsbourg, die in all diesen Filmen eine wichtige, meistens sogar die Hauptrolle, gespielt hat, hat schon das Ende ihrer Zusammenarbeit angedeutet – sie hat alles gegeben, welche weiteren Figuren sind noch vorstellbar? Das Ende, das ist dann aber doch ein wenig der Konvention verhaftet: Wenn man im ersten Akt eine Pistole sieht…

Meine IMDb-Bewertung: ******** (8 von 10)

Nymphomaniac: Volume II, Dänemark/Deutschland/Frankreich/Belgien/Großbritannien, 2013, 123 min.
Regie: Lars von Trier
Drehbuch: Lars von Trier
Kamera: Manuel Alberto Claro
Darsteller: Charlotte Gainsbourg, Stellan Skarsgård, Stacy Martin, Jamie Bell, Shia LaBeouf, Willem Dafoe, Jean-Marc Barr, Udo Kier

© 2017 by Franz Indra