Augentröster   

Filme von Franz Indra

Paradies: Hoffnung

Sie können diese Filmkritik unbesorgt lesen, ich werde keine entscheidenden Geheimnisse der Handlung verraten.

Erst findet Mutti Gefallen an den beach boys in Kenia, dann quält sich die Tante durch ihre eifernde Frömmigkeit, schließlich wird die Tochter ins FettDiät-Camp verfrachtet: Überall kann man das Paradies finden. Die 13-jährige Melanie, gespielt von der 13-jährigen Melanie Lenz, verliebt sich heil- und hilflos in den viermal so alten Arzt.

Ulrich Seidl breitet mal wieder ein Gruselkabinett der Spießigkeit aus. Der völlig herunter gewirtschaftete Trainer läßt seinen Frust an den natürlich höchst unsportlichen Kindern aus, die abgelegene Anlage sieht aus wie ein DDR-Plattenbau, die entsetzlich biedere Trainerin singt mit den jungen Übergewichtigen tatsächlich: „If you’re happy and you know it, clap your fat.“ Die Klischees sind Wirklichkeit geworden, der Film wirkt echter als das echte Leben.

Ja, making a film with Seidl: Wie er mit Laien arbeitet, ist immer wieder erstaunlich. Seidl führt seine Figuren nie vor, er beläßt ihnen nicht nur ihre Würde, sondern macht sogar Helden aus ihnen (auch wenn das Publikum manchmal über sie lacht). Erneut hat er nur einige wenige professionelle Schauspieler wie Joseph Lorenz als Arzt besetzt, und wie natürlich all die Teenager ihre schwierigen Szenen spielen, ist schlichtweg unfaßbar. Am eindrücklichsten bleibt das nächtliche Flaschendrehen in Erinnerung, eine der nicht wenigen heimlichen Fluchten aus dem tristen Camp-Trott.

Und eigentlich ist es bei Seidl am Ende nie so schlimm, wie es zuerst scheint. Seine Filme kommen ohne katastrophale dramatische Zuspitzungen aus und ähneln auch darin der Realität. Melli, ihre durchsetzungskräftige Co-„Insassin“ Verena, der von den ungelenken Annäherungsversuchen gleichermaßen geschmeichelte wie überforderte Arzt, sie alle stolpern durch ein verwirrendes Leben und versuchen, sich darin zurecht zu finden. Nie fühlt man sich als Zuschauer in der Position, über sie zu urteilen.

Tatsächlich hatte Ulrich Seidl seine Paradies-Trilogie ursprünglich als einen Film geplant und vor inzwischen drei Jahren gedreht. Die jetzige Aufteilung auf einzelne Filme ist aber viel sinnvoller, wahrscheinlich auch die Reihenfolge mit dem skandalträchtigsten Thema zuerst und dem vergleichweise harmlosen zuletzt. Es gibt leichte Berührungspunkte, etwa die gegenseitigen Versuche von Mutter und Tochter, sich mal ans Telefon zu bekommen. Man kann jedoch jeden Film problemlos einzeln sehen.

Meine IMDb-Bewertung: ******** (8 von 10)

Paradies: Hoffnung, Österreich/Frankreich/Deutschland, 2013, 100 min.

Regie: Ulrich Seidl

Drehbuch: Ulrich Seidl und Veronika Franz

Kamera: Edward Lachman und Wolfgang Thaler

Darsteller: Melanie Lenz, Verena Lehbauer, Joseph Lorenz

© 2017 by Franz Indra