Augentröster   

Filme von Franz Indra

Pieta

Sie können diese Filmkritik unbesorgt lesen, ich werde keine entscheidenden Geheimnisse der Handlung verraten.

Der Deal ist klar: Wenn Mi-Son zum säumigen Schuldner kommt, bricht er Knochen, trennt Finger ab, verstümmelt Gliedmaßen, damit der Kredithai die Versicherung kassieren kann. Ein Pfund Fleisch für Geld sozusagen, wie im Kaufmann von Venedig, aber Mi-Son sucht keinen Platz in der höheren Gesellschaft, er ist ein animalisches Wesen. Sein wertvollster Besitz ist sein Werkzeug, ein Messer. Es hat seinen Ehrenplatz in dem schäbigen Apartment, in dem er haust, zwischen den Augen einer Frau, ihr Foto hängt auf einer Dartscheibe an der Wand. Mi-Son kennt kein Mitleid, aber auch kein sadistisches Vergnügen. Die Qualen, die er anderen zufügt, fürchtet er selbst nicht, einige Male sieht man seinen vernarbten Körper. Gegen sein eigenes moralisches Fehlverhalten und die Verfluchungen der Angehörigen hat er einen undurchdringlichen Panzer aufgebaut, angreifbar ist er nur: durch Liebe.

Kim Ki-Duk, der größte unter den nicht wenigen Schmerzensmännern des asiatischen Kinos, hat einen weiteren Film über seine beiden Themen gedreht, von denen er geradezu besessen ist: Leiden und Glaube. Kann die Frau, die so unvermittelt auftaucht und sich durch wirklich nichts abschütteln läßt, wirklich Mi-Sons Mutter sein, wie sie behauptet? Man mag es, ebenso wie der verlorene Sohn, irgendwann nicht mehr ausschließen. In grotesker Umkehrung der Verhältnisse bittet sie ihn um Verzeihung, Mi-Son sieht schließlich sein ganzes Lebenskonzept in Frage gestellt. Sobald er Gefühle entwickelt, laufen die Aufträge nicht mehr wie gewünscht (was die Ergebnisse aber keineswegs angenehmer macht). Da der Film Pieta heißt, erwartet man früher oder später ein ebensolches Bild, der tote Sohn in den Armen der Mutter, doch so offensichtlich arbeitet der Regisseur nicht.

Seit Seom – Die Insel ist Kim Ki-Duk auf den Festivals dieser Welt für Szenen grausamer Gewalt berüchtigt, doch ist sie bei ihm nie reißerisch oder effekthascherisch. Er befindet sich auf einer gewiß auch für ihn schmerzhaften Suche, spielt manchmal wie in Frühling, Sommer, Herbst, Winter… und Frühling sogar selbst. Kim Ki-Duk produziert keine Splatter-Bilder, aber sehr körperliche, die darum so unangenehm sind. Die Opfer in Pieta sind alle Handwerker, ihre Maschinen eignen sich auch gut zur Zerstörung ihrer Leiber. Ihr ärmliches Viertel wird demnächst abgerissen, um Platz zu machen für die Gewinner. Darin spiegelt sich die Verstümmelung der menschlichen Gesellschaft durch den ungebremsten Kapitalismus. Mi-Son wird immer wieder vorgeworfen, er sei ein Teufel, der die Menschen mit Geld verführt.

Ist die Hauptfigur das Fleisch gewordene Böse? Pieta ist ein sehr düsterer Film geworden, auch im wörtlichen Sinn, kaum ein Bild ist hell. Viele Detail-Aufnahmen, ähnlich wie im Horror-Film, verstärken das unterschwellige Unbehagen. Kim Ki-Duks Figuren sind immer extrem und unrealistisch, trotzdem bleibt ihr Verhalten nachvollziehbar. Eigentlich sind seine Filme nicht sehr kompliziert. Pieta hat dieses Jahr in Venedig den Goldenen Löwen gewonnen, da er den Zuschauer zwingt, sich seines Mensch-Seins bewußt zu werden.

Meine IMDb-Bewertung: ******** (8 von 10)

Pieta, Südkorea, 2012, 104 min.

Drehbuch und Regie: Kim Ki-duk

Kamera: Jo Young-Jik

Darsteller: Min-soo Jo. Eunjin Kang

© 2017 by Franz Indra