Augentröster   

Filme von Franz Indra

Ruby Sparks

Diesmal werde ich etwas verraten.

Ein Schriftsteller in der Schaffenskrise erfindet sich eine Gefährtin und schreibt über sie. Eines Morgens steht sie leibhaftig in seiner Küche und brät ihm Spiegeleier. Das klingt nach dem antiken Bildhauer Pygmalion, der sich in seine Statue verliebt und die Götter anfleht, sie zum Leben zu erwecken, oder nach einer typischen Woody-Allen-Idee, aber dieses Niveau erreicht Ruby Sparks nie.

Stattdessen wirkt der Film über weite Strecken wie eine Pflichtübung; der frustrierte Loser, die Sitzungen beim Therapeuten, alles altbekannt. Auch die Situationskomik nach Rubys Erwachen bleibt mäßig witzig. Nach einer Weile kommt die Sache dann doch in Fahrt, als sich Ruby langsam in einen echten Menschen entwickelt, und Calvin, ihr Autor, damit seine Probleme hat. Sein Bruder, der ein recht patentes Leben führt und als Einziger eingeweiht ist, bringt es auf den Punkt: Du hast einen infantilen Traum geschrieben, keine reale Person. Der schüchterne Calvin hat sich in eine pflegeleichte und reichlich unreife Vorstellung von einer Traumfrau verliebt.

Rubys Menschwerdung und Calvins Versuche, sie durch Fortführung ihrer „literarischen Vorlage“ zurechtzubiegen, böten allemal genügend Stoff, bleiben aber entweder ungenutzt oder werden umgekehrt viel zu dick aufgetragen: Ruby wird uenndlich anhänglich, Ruby ist immer gut gelaunt. Auch daß Calvin ein ehemaliges Wunderkind ist, mithin nicht ganz der übliche Loser, bleibt letzendlich nur ein leeres Motiv. Seine Arbeiten an Ruby zeugen nicht gerade von Talent und Kreativität, auch seine sonstigen im Film präsentierten Texte sind nicht besonders bemerkenswert. Interessanter ist die Spiegelung des Themas an seiner Mutter, gespielt von Annette Bening. Nach dem Tod des biederen Gemahls hat sie ihre Lebensführung radikal der ihres neuen Lovers angepaßt (ganz lustig als Alt-Hippie: Antonio Banderas), wie wenn sie nicht selbst über ihre Persönlichkeit verfügen könnte. Auch das wird explizit ausgesprochen, in diesem Fall von Calvin: „Sie hat eine Gehirnwäsche bekommen.“

Alles wäre je ganz charmant, wenn es sich um den Erstling unbekannter Newcomer handeln würde, aber das ist hier nicht der Fall. Regie führten Jonathan Dayton und Valerie Faris, die Macher des deutlich inspirierteren Little Miss Sunshine, sechs Jahre sind seitdem vergangen. Das Drehbuch stammt von Zoe Kazan, der Enkelin von Elia Kazan, die sich auch als Ruby ein wenig austoben kann. Calvin schließlich wird von ihrem Lebensgefährten Paul Dano gespielt. Die beiden kennen sich aus dem Neo-Western Meek’s Cutoff, Paul Dano war auch bei Little Miss Sunshine dabei und ist als junger Prediger in There Will Be Blood noch in guter Erinnerung, hier bleibt er irgendwie blaß.

So ist Ruby Sparks eben kein kleiner Indie, sondern wirkt seltsam aufgeblasen; an die 200 Leute stehen im Abspann. Wie einmal selbstironisch angemerkt wird, ist der Film etwas prätentiös, bis hin zur wohl leider unvermeidlichen letzten Szene, die zu dieser Liebesgeschichte gar nicht paßt.

Meine IMDb-Bewertung: ***** (5 von 10)

Ruby Sparks, USA, 2012, 104 min.

Regie: Jonathan Dayton und Valerie Faris

Drehbuch: Zoe Kazan

Kamera: Matthew Libatique

Darsteller: Paul Dano, Zoe Kazan, Annette Bening, Antonio Banderas

© 2017 by Franz Indra