Augentröster   

Filme von Franz Indra

Snake Dance

Sie können diese Filmkritik unbesorgt lesen, ich werde keine entscheidenden Geheimnisse der Handlung verraten.

Die Atombombe konnte nur in die Welt kommen durch einen gewaltigen Kraftakt der größten Physiker ihrer Zeit. Das Werkzeug zur endgültigen Selbstzerstörung, ein Triumph von Zivilisation und Genie. Dieses geradezu lehrbuchhafte Beispiel menschlicher Hybris droht so langsam aus dem kollektiven Bewußtsein wegzudämmern, da kommt Snake Dance gerade recht, ein Film, der um das unheilige Geschehen herummäandert und es aus ungewohnten Blickwinkeln betrachtet.

Zwei Orientierungsmarken gibt es dabei: Aby Warburg und Los Alamos. Der inzwischen einigermaßen vergessene Hamburger Kunsthistoriker Warburg, eigentlich ein Mitbegründer der Ikonographie, die untersucht, wie unterschiedliche Kulturen mit Bildern umgehen, wirkt fast wie ein Deuter für das Kino, das ungefähr zur gleichen Zeit entstand. Sein Lebensweg strukturiert den Film. Los Alamos, der spirituelle Ort, ist der Fixpunkt, zu dem der Film immer wieder zurückkehrt. Hier studierte Warburg das Schlangenritual der Hopi-Indianer, das die Versöhnung mit der Erde anstrebt; Jahrzehnte später heilte er sich durch die Arbeit an seinen Aufzeichnungen tatsächlich selbst aus einer Depression, die ihn bereits ins Sanatorium geführt hatte. Auch Robert Oppenheimer kurierte in Los Alamos seine Depressionen aus und wählte den Ort später für die jahrelange, abgeschiedene Arbeit an der Atombombe – wegen des schönen Ausblicks.

Snake Dance bezieht klar Stellung, ohne zu agitieren, das ist auch gar nicht nötig. Patrick Marnham und Emmanuel Riche teilen sich offiziell die Aufgaben, wobei Marnham das inzwischen erschienene Buch „Snake Dance: Journeys Beneath a Nuclear Sky“ schrieb, während Riche Regie geführt hat. Eine große Ruhe liegt über der Szenerie, die Interviewpartner bekommen ihre Zeit auszureden. Dies ist eine Dokumentation über die Atombombe und das Schlangenritual, ohne eine Explosion oder eine Schlange zu zeigen. Überhaupt werden keine Archiv-Aufnahmen verwendet, für Emmanuel Riche schaffen die nur eine falsche Sicherheit: Der Zuschauer hat das Gefühl, das habe ich schon mal gesehen, ich weiß Bescheid.

Hin und wieder stören handwerkliche Mängel. Viele Personen im Film reden ein recht schlechtes Englisch, das seltsamerweise wortwörtlich mit allen Fehlern in den Untertiteln übersetzt wird, einmal wird sogar ein Kamerafehler ohne ersichtlichen Grund nicht herausgeschnitten. Auch sieht man Patrick Marnham ein paar Mal telefonieren, vergeblich versucht er gegen den Straßenlärm anzureden, es ist nicht ganz klar, warum das im Film ist.

Der Anstoß für die beiden belgische Filmemacher war die überraschende Erkenntnis, daß das Uran für die erste Atombombe aus Belgisch-Kongo kam, wo sich ein anderes unheilvolles Kapitel der Menschheitsgeschichte abgespielt hat. So schließt sich nach einem Dreh auf vier Kontinenten der Kreis in Fukushima, wo ein greiser Augenzeuge entsetzt sagt: Nach dem Tsunami sah es aus wie in Hiroshima.

Meine IMDb-Bewertung: ******* (7 von 10)

Snake Dance, Belgien, 2012, 77 min.

Drehbuch und Regie: Patrick Marnham, Emmanuel Riche

Kamera: Renaat Lambeets

© 2017 by Franz Indra