Augentröster   

Filme von Franz Indra

The Artist

Sie können diese Filmkritik unbesorgt lesen, ich werde keine entscheidenden Geheimnisse der Handlung verraten.

Nanu, das Grinsen kenne ich doch irgendwo her? Richtig, der große Stummfilmstar wird von Jean Dujardin gespielt, der zuletzt die Nackte-Kanone-Version von James Bond in den beiden OSS 117-Albereien gab. Diese drei Filme stammen erstaunlicherweise auch vom selben Autor und Regisseur (Michel Hazanavicius), der als weibliche Hauptrolle hier seine Ehefrau Bérénice Bejo besetzte, die ebenfalls bereits in OSS 177 mitwirkte.

So mag man im ersten Moment hinter der Idee, heutzutage einen Stummfilm in schwarz/weiß zu drehen, nur einen weiteren Klamauk vermuten, doch liegt man damit falsch. Der weltweit gefeierte Erfolsgfilm ist zwar nur eine nostalgische Hommage an die gute alte Zeit des Kinos, dies aber überaus charmant. The Artist erscheint geradezu als Gegenstück zu Scorseses verkrampftem Hugo Cabret, Michel Hazanavicius ging inspiriert und lässig zu Werke (und erntete die Oscars in den bedeutenderen Kategorien).

Man sieht dem Film die viele Arbeit gar nicht an: Das beginnt schon bei Ausstattung und Kostümen, die genau die gewünschte Atmosphäre des Hollywood-Kinos der 20er Jahre treffen, ohne den Film zu erdrücken. Man muß es erst einmal schaffen, dauernd so viele Oldtimer durch das Bild fahren zu lassen, ohne beim Zuschauer den Eindruck zu erwecken, man wolle nur protzen. Hazanavicius dekliniert alle gängigen Motive des Stummfilms durch, ohne sie zu strapazieren: starre Totalen, die Irisblende, das Grimassieren der Darsteller (was auch direkt angesprochen wird), sogar die Verfolgungsjagd mit Polizei, die besonders einfallsreich eingebaut ist. Selbst die unablässigen Zitate, mit deren Aufzählung ich hier nicht ermüden möchte, stören nicht, sondern fügen sich zusammen. So kann sich der Star eigene alte Filmaufnahmen ansehen, auf denen zwischendurch plötzlich Douglas Fairbanks statt Jean Dujardin zu sehen ist, und es fällt kaum auf.

Handlung und Personen sind altbekannt – die Hauptrolle heißt George Valentin, auch wenn das Paar eher nach Fairbanks und Mary Pickford denn nach Valentino modelliert ist -, doch auch hier ist die Idee gelungen, die Probleme der alten Stummfilmschauspieler mit dem neuen Tonfilm als Angelpunkt zu wählen. Die Darsteller sind mit offensichtlich großem Spaß bei der Sache, neben Dujardin als Valentin und Bejo als Peppy John Goodman als anscheinend einziger Regisseur Hollywoods und ein schwer gealterter Malcolm McDowell in einer schönen Rolle als Butler der Filmdiva (eine weitere klassische Filmfigur). Die Charakterisierungen erfolgen mit leichter Hand: Der Film beginnt mit der umjubelten Premiere von A Russian Affair, einer Spionage-Räuberpistole, kurz danach liest man A German Affair als kommendes Projekt und ahnt, daß George Valentin nicht gerade ein Charakterdarsteller ist.

Damit dem Zuschauer das ungewohnte Erlebnis eines stummen Films auf die Dauer nicht zu anstregend wird, hat Hazanavicius immer wieder Zwischensequenzen zu Musik eingestreut, auf die auch heutige Filme zurückgreifen, um die Handlung bis zur nächsten „richtigen“ Szene voranzutreiben. Das wirkt tatsächlich auflockernd, und der Komponist Ludovic Bource erfüllt hervorragend seine Aufgabe, das Repertoire der Stummfilm-Musik zu durchstreifen (wenn er auch immer wieder auf Zitate zurückgreift).

So ist The Artist gute Unterhaltung geworden, vor der auch kein Blockbuster-Publikum erschrecken muß. Immer wieder finden sich zudem aber Szenen wie kleine Juwele, in denen der Regisseur große Vorlagen wunderbar neu inszeniert. Valentin begegnet Peppy auf der Treppe, er geht gerade nach unten, sie nach oben, wie in der Karriere auch. Das klingt recht offensichtlich, wird aber ein berührender Moment. Oder der einsame Tanz mit dem Mantel an der Garderobe: schon hundert Mal gesehen, aber nie so intim wie bei Bérénice Bejo. Einprägsam ist auch der Moment, in dem die Welt anfängt, Geräusche von sich geben, nur Valentin ist nicht zu hören, so laut er auch schreit. Etwas schade nur, daß sich Hazanavicius nicht traute, diese Idee durchzuziehen, Woody Allen hätte mehr daraus gemacht. Aber auch er steuert die ganze Zeit über auf ein klares Ziel zu, den nächsten Schritt der Filmgeschichte: Gene Kelly und Fred Astaire.

Meine IMDb-Bewertung: ******* (7 von 10)

The Artist, Frankreich/Belgien, 2011, 100 min.

Drehbuch und Regie: Michel Hazanavicius

Kamera: Guillaume Schiffman

Darsteller: Jean Dujardin, Bérénice Bejo, John Goodman, Malcolm McDowell

© 2017 by Franz Indra