Augentröster   

Filme von Franz Indra

The Raid

Sie können diese Filmkritik unbesorgt lesen, ich werde keine entscheidenden Geheimnisse der Handlung verraten. Seien Sie aber gewarnt: Dieser Film ist sehr brutal.

Die verschlungensten Lebenswege führen oft zu den interessantesten Ergebnissen. Den walisischen Autorenfilmer Gareth Evans verschlug es 2007 für eine Auftragsarbeit nach Indonesien, er sollte ein Feature über die dortige Kampfkunst pencak silat anfertigen. Davon selber fasziniert, drehte Evans mit dem prämierten Kämpfer, aber darstellerischen Laien Iko Uwais den Actionfilm Merantau, der in interessierten Kreisen für ähnliche Furore sorgte wie Ong Bak einige Jahre zuvor. Die ursprüngliche Dokumentation wurde nie fertig gestellt.

The Raid ist der nächste Film von Evans und seinem Team aus Kampfkünstlern und Choreographen; weitere werden sicher folgen. Diesmal wollte der Regisseur keinen so langen Vorlauf, bis die Action beginnt. Das ist ihm gelungen. Eine Spezialeinheit der Polizei soll heimlich in ein Hochhaus eindringen und einen berüchtigten Gangsterboß zur Strecke bringen, der dort residiert. Eher handelt es sich hier um hochgerüstete Söldner – Indonesien wird offensichtlich von seinen eigenen Bürgern als Staat aufgefaßt, in dem Polizei-Einsätze Krieg darstellen. Nach zehn Minuten Film wird das Haus betreten, nach fünfzehn Minuten geht der Einsatz schief. Zum Ende des Films verlassen die Überlebenden das Gebäude.

Dazwischen liegen vier längere Action-Sequenzen, und bei der letzten, wirklich spektakulären, ist es nicht der Held, der alleine gegen eine Überzahl kämpft. Man darf The Raid nicht mit einem klassischen Hong-Kong- oder gar Hollywood-Actionfilm verwechseln: Hier wird rabiat getötet. Erst werden alle Magazine leer geballert, dann gehen die Gegner mit Macheten aufeinander los. Und wenn man mit einem Messer tief in einen Oberschenkel sticht, schneidet man danach das Bein entlang, um eine möglichst bösartige Wunde zu erzeugen. Die Szenen sind für ein asiatisches Publikum geschnitten, also schneller, als man es in Europa oder Amerika gewöhnt ist. Eben noch schlurfen die kleinen und schmächtigen Darsteller gemächlich einen Gang entlang, schon explodieren sie ohne jede Vorwarnung in völlig entfesselter körperlicher Brutalität. Die Gewalt ist so sehr ins Extrem gesteigert, daß sie – obwohl in überragender Körperbeherrschung ausgeführt – manchmal ins Lächerliche kippt: Der Held bricht seinen Gegnern in immer neuen kuriosen moves das Genick: Smackdown.

Die schauspielerischen Leistungen erschöpfen sich fast völlig im Chargieren, Frauen tauchen nur ganz am Rande auf und sind gehandicappt, durch Schwangerschaft oder Krankheit. Der Regisseur ist sich nicht zu schade, einige wirklich überstrapazierte Klischees einzubauen – Weichzeichner-Rückblende an die Familie, damit unser Held nicht erschöpft aufgibt! Man versteht, warum Gareth Evans möglichst schnell zur Action kommen wollte. In den Kampfszenen findet sich dann aber alles, was der Film sonst nicht hin bekommt: dramatische Inszenierung, entwickelte Charakterzeichnung. Die Musik ist in Ordnung, die Kamera manchmal erstaunlich.

Was mag die Zukunft bringen? Vielleicht wandert demnächst ein thailändischer Regisseur nach Europa aus und dreht einen Kostümfilm. Den schaue ich mir dann sicher an.

Meine IMDb-Bewertung: ****** (6 von 10)

Serbuan maut, Indonesien/USA, 2011, 101 min.

Regie und Drehbuch: Gareth Evans

Kamera: Matt Flannery

Darsteller: Iko Uwais, Donny Alamsyah, Yayan Ruhian

© 2017 by Franz Indra