Augentröster   

Filme von Franz Indra

The Rum Diary

Sie können diese Filmkritik unbesorgt lesen, ich werde keine entscheidenden Geheimnisse der Handlung verraten.

„Not for the social drinker“, meint Moberg, nachdem er soeben seinen Atem angezündet hat. Nein, wir haben es hier mit einer Versammlung von Profi-Trinkern zu tun, im Film und in der Realität.

Seit der Vorbereitung zu Fear and Loathing in Las Vegas verband Johnny Depp eine Freundschaft mit dem eigenbrötlerischen Autor Hunter S. Thompson. (Das S. steht für Stockton.) The Rum Diary ist eine schon ältere Erzählung mit – wie bei Thompson üblich – stark autobiographischen Zügen, die erst nach dem Erfolg von Fear and Loathing veröffentlicht wurde: Anfang der Sechziger Jahre verdingt sich der Nachwuchs-Schriftsteller Kemp aus Geldnot bei einem Käseblatt, ohne diese Arbeit sonderlich ernst zu nehmen. Weil er sich aber einen Job in Puerto Rico ausgesucht hat, taucht er nicht nur in die erhoffte karibische Welt aus Karneval, schönen Frauen und Strömen von Rum ein, sondern auch in den verworrenen politischen Status der Insel, die Teil der USA, aber kein Bundesstaat ist, sondern eher eine Kolonie. (Am 9. November wird übrigens ein Referendum über den bis heute bestehenden Status Quo abgehalten.)

Johnny Depp ist die alleinige treibende Kraft hinter diesem Film gewesen, und ein wenig mag man befürchten, es hier mit einer Art Neuauflage von Fear and Loathing zu tun zu bekommen, einer müderen Version allerdings, da wohl kaum ein Regisseur zu dem gleichen Irrsinn fähig ist wie der Macher des ersten Films, Terry Gilliam. Die Anfangsszenen bestätigen diese Vermutung zunächst, wenn Kemp verkatert durch ein recht brav verwüstetes Hotelzimmer stolpert. Ein paar Möbelstücke wurden umgeworfen, aber nichts deutet auf vergangene Orgien hin, das Zimmer steht nicht hüfthoch unter Wasser, und Kemp hat auch keinen Saurierschwanz umgeschnallt.

Doch schon bald findet The Rum Diary seine eigene Stimmung. Es handelt sich bei dieser Geschichte ja auch um eine Art Prequel, Thompson (und Kemp) ist noch jung und unerfahren, noch nicht so krass unterwegs wie später in Las Vegas und läßt sich noch leichter beeindrucken. Der völlig abgestürzte Journalistenkollege und Alkoholiker im Endstadium Moberg, der den Untergang des reaktionären Establishments herbeisehnt und dann eine Platte mit Hitlers Reden auflegt, übernimmt hier noch die Rolle, in die in später Thompsons Alter Ego selbst schlüpft. Giovanni Ribisi, seit Jahren unterschätzt, kann als Moberg so richtig loslegen und ist kaum wieder zu erkennen.

Diese Erzählung besitzt auch noch eine konventionelle Handlung. Puerto Rico ist schon ruiniert, aber die ganzen Trauminseln drum herum können ja noch verschachert und zu betoniert werden. Kemp wird umworben, PR-Texte zu verfassen, um die Leute für dumm zu verkaufen, damit die ewigen Geschäftemacher und Kriegsgewinnler sich steuerfrei dumm und dämlich verdienen können. Vorübergehend läßt er sich beeindrucken und kaufen mit einem schicken Wagen, und die Lebensabschnittsgefährtin des Geschäftsmanns Sanderson lockt noch mehr. Eine simple Geschichte, gewiß, aber trotzdem wahr und heute wieder aktuell. Alle Figuren wirken sehr echt, und es ist eine besonders wahrhaftige Ironie, daß der furchterregend professionelle und völlig hedonistische Sanderson der Einzige ist, der Kemps künstlerisches Talent wirklich erkennt – und für Reklame nutzen will.

Regisseur Bruce Robinson, von Johnny Depp für The Rum Diary reaktiviert, war jahrelang selbst ein harter Trinker. In einem Interview zum Filmstart meinte er: „Ich dachte, ohne Alkohol könne ich nicht schreiben. Irgendwann hörte ich dann doch mit dem Trinken auf. Und siehe da, ich konnte immer noch schreiben.“ Für Hunter S. Thompson, der sich jahrzehntelang politisch engagierte und einmal sogar völlig aussichtslos als Sheriff kandidierte, kam ein Rückzug aus dem Drogendelirium nicht in Frage: Er erschoß sich 2005.

Meine IMDb-Bewertung: ******* (7 von 10)

The Rum Diary, USA, 2011, 120 min.

Regie: Bruce Robinson

Drehbuch: Bruce Robinson nach dem gleichnamigen Roman von Hunter S. Thompson

Kamera: Dariusz Wolski

Darsteller: Johnny Depp, Michael Rispoli, Giovanni Ribisi, Amber Heard, Aaron Eckhart

© 2017 by Franz Indra