Augentröster   

Filme von Franz Indra

We Need to Talk About Kevin

Sie können diese Filmkritik unbesorgt lesen, ich werde keine entscheidenden Geheimnisse der Handlung verraten. Und gerade dieser Film ist am interessantesten, wenn man möglichst wenig darüber weiß.

We Need to Talk About Kevin gehört zu den Filmen, die etwas unter dem Radar unterwegs sind. Es hat eine ganze Weile gedauert, bis er nach den Festivals auch den Weg ins reguläre Kinoprogramm gefunden hat, und andere Filme mit ähnlicher Thematik haben schon für ordentlich Trubel gesorgt. Zum Einen mag das daran liegen, daß sich die Regisseurin Lynne Ramsay für eine einigermaßen komplexe Erzählweise ohne Spektakel entschieden hat, das ist sehr angenehm. Andererseits kann man dem Film auch eine Themaverfehlung vorwerfen, denn er vermischt gesellschaftspolitisches Drama mit psychologischem Horror.

Die Hauptrolle als Mutter spielt die hervorragende Tilda Swinton wie üblich ohne jede Eitelkeit. Sie begibt sich auf einen geradezu masochistischen Schuld-und-Sühne-Trip wie in den Werken von Alejandro Iñárritu (Babel, 21 Gramm), und auch hier handelt es sich um einen echten „Feel-Bad-Film“. Leider wird Tilda Swinton ein wenig verheizt, sie muß die meiste Zeit mit insektenhaftem Gesicht bedrückt dreinblicken und zum Rotwein greifen – echte Küchenpsychologie sozusagen. Origineller ist dagegen, wenn sie sich, erschöpft vom Dauergeschrei ihres Babys, im Preßlufthammer-Lärm einer Baustelle ausruht.

Auch die Kinder- und Jugendlichen-Darsteller können überzeugen, und nach ein paar eher mißglückten Ausflügen als Hauptdarsteller in Komödien spielt John C. Reilly in einer bösen Nebenrolle den Vater, der sich selbst zu einer Nebenfigur degradiert und aus jeder Verantwortung stiehlt, auch wenn er sich dafür irgendwann blind und taub stellen muß.

Man muß die psychologische Konstruktion des Films nicht unbedingt teilen, und es bleibt unklar, auf welche Aussage sie eigentlich abzielt. Lynne Ramsay stellt schon in den ersten Sequenzen klar, daß sie ihre Geschichte nicht alltäglich erzählen möchte. Den Ehrgeiz hält sie aber leider nicht durch, der Film ist auch zu lang. Gerne hätte man die verschachtelte Montage des Anfangs länger vefolgt. Gewöhnlich wird der Film aber nie, und dankenswerterweise wird dem Zuschauer nicht alles bis ins kleinste Detail erklärt. Das Tomatenfestival von Valencia erkennt man auch so.

Meine IMDb-Bewertung: ******* (7 von 10)

We Need to Talk About Kevin, Großbritannien/USA, 2011, 112 min.

Regie: Lynne Ramsay

Drehbuch: Lynne Ramsay und Rory Kinnear nach dem Roman von Lionel Shriver

Kamera: Seamus McGarvey

Darsteller: Tilda Swinton, John C. Reilly, Ezra Miller, Jasper Newell, Ashley Gerasimovich

© 2017 by Franz Indra