Augentröster   

Filme von Franz Indra

Alle Berlinale-Videos online

Schließlich sind auch die Mitschnitte zu Mein kleines Berlinale-Tagebuch – Tag 5 und Schluß: Donnerstag (und damit alle zur diesjährigen Berlinale) online.

Berlinale-Videos zu Tag 4 online

Auch die Mitschnitte zu Mein kleines Berlinale-Tagebuch – Tag 4: Mittwoch sind nun online. (Mein kleines Berlinale-Tagebuch – Tag 3: Dienstag kam ohne Mitschnitte aus.)

Berlinale-Videos zu Tag 2 online

Nun sind die Mitschnitte zu Mein kleines Berlinale-Tagebuch – Tag 2: Montag online.

Berlinale-Videos zu Tag 1 online

Inzwischen sind die Mitschnitte zu Mein kleines Berlinale-Tagebuch – Tag 1: Sonntag online.

Mein kleines Berlinale-Tagebuch – Tag 5 und Schluß: Donnerstag

Der Trend, daß gehobenes Arthouse-Kino drei Stunden lang sein muß und dabei oft künstlich aufgebläht wirkt, ist wohl glücklicherweise vorbei – na gut, Chamissos Schatten von Ulrike Ottinger dauerte über 700 Minuten, und der Gewinner des Silbernen Bären, A Lullaby to the Sorrowful Mystery von Lav Diaz, schaffte immerhin acht Stunden. Die meisten Filme blieben aber im Dauerbesucher-freundlichem Rahmen.

Ticket Counter Arkaden

Schlangestehen ist des braven Festival-Besuchers Pflicht…

Der Architekt Erik hat das Haus seiner Eltern geerbt und muß sich mühsam von Frau und Tochter überreden lassen, es nicht zu verkaufen, sondern in eine dieser neumodischen Kommunen umzuwandeln, damals, im Dänemark der Siebziger Jahre. Er ist kein reaktionärer Tyrann, aber so recht paßt die neue Freiheit nicht zu ihm. Man ahnt schon, am Ende wird er entweder derjenige sein, der die Gemeinschaft verläßt, oder… Vor zwanzig Jahren hat Thomas Vinterberg gemeinsam mit Lars von Trier Dogma95 aus der Taufe gehoben, Das Fest sorgte international für Furore. Sein neuer Film Kollektivet (Die Kommune) bleibt im Vergleich irgendwie zu nett, auch wenn aus den anfänglichen Hippie-Klischess differenzierte Figuren werden, die Erzählperspektive zwischen Vater und Tochter mäandert und die Mutter sich zur ehrlich tragischen Figur entwickelt. (Trine Dyrholm erhielt für ihre Leistung den Silbernen Bären als beste Darstellerin.) Einmal zitiert Vinterberg sogar sein eigenes Zitat, als die Gruppe zu Weihnachten durch die Räume zieht, wie im Fest, wie in Bergmans Fanny und Alexander.

Das Haus der Berliner Festspiele

Der Bär war los auf den Plakaten und in einem Kurzfilm, das Festival selbst eher ruhig.

Dominik Moll liebt die Farce, das hat er mit Harry meint es gut mit dir und Lemming bereits bewiesen. In Des Nouvelles de la Planète Mars / News From Planet Mars beschwört der gutmütige Trottel Philippe Mars eine Heimsuchung nach der anderen auf sich herab, wegen seiner Menschenfreundlichkeit, deretwegen er von seinen Mitmenschen bloß ausgenutzt bzw. verachtet wird. Diese Art der Komödie fordert einen speziellen Sinn für Humor, sonst quält sie den Zuschauer eher. Am Ende gibt es aber einen Moment, mit dem der ganze Film steht oder fällt.

Retrospektive Deutsches Kino 1966 bot mit Formspiele und First Steps gleich zwei Kurzfilm-Programme auf. Im letzteren waren Frühwerke später bekannter Regisseure wie Rainer Werner Fassbinder, Werner Herzog, Helke Sander, Harun Farocki und May Spils versammelt. Die Moderation machte daraus eine Konfrontation weiblicher mit männlichen Filmemachern, die eher nirgendwohin führte. „Unsere Filme waren damals alle so leicht, wie die Ruhe vor dem Sturm“, meinte Jeanine Meerapfel in der Diskussion. Der Tonmann in Helke Sanders Subjektitüde hieß Holger Meins.

 

 

Hedwig And The Angry Inch - Produzentin Christine Vachon

Ehren-Teddy-Preisträgerin Christine Vachon sorgte für viel gute Laune.

Nichts lief schief auf der diesjährigen Berlinale, man freut sich schon auf das nächste Jahr, aber der große Rausch blieb aus. Für einen echten Knaller sorgte dementsprechend auch kein neuer Film, sondern die Verleihung des Ehren-Teddys an Christine Vachon; der schwul-lesbische, sorry: queere Filmpreis wurde 30 Jahre alt. Christine Vachon hat nicht nur Dutzende Kleinode des Independent Cinema produziert – I Shot Andy Warhol, Happiness, A Dirty Shame und Boys Don’t Cry gehören zu den bekannteren -, auch Filme wie Die Grauzone oder I’m Not There gehen auf ihr Konto, aktuell ist sie mit Carol Oscar-nominiert. Zur Feier des Tages hatte sie aber Hedwig And The Angry Inch mitgebracht, das wilde fake-biopic über die transsexuelle Hedwig, die das geteilte Berlin verläßt, um in der amerikanischen Provinz zu einem „international ignorierten“ Glamrocker zu werden. Eine Schande, daß dieser intelligente und zu Tränen rührende Film damals keinen deutschen Verleih gefunden hat. Im Kino International herrschte Stimmung wie bei der Rocky Horror Picture Show. „Singt mit, wenn ihr die Zeilen kennt“, rief Christine Vachon vor der Vorführung.

Mein kleines Berlinale-Tagebuch – Tag 4: Mittwoch

Life after life - Regisseur Zhang Hanyi

Regisseur Zhang Hanyi (rechts) und sein Cutter (Mitte)

Traditionell stark vertreten im Bereich des Weltkinos ist das chinesische Kino. Das Debut Life After Life von Zhang Hanyi ist ein geradezu klassischer Vertreter und bietet in der zweiten Hälfte durchaus reizvolle Anklänge an Apichatpong Weerasethakul, wenn die Verwandten ganz selbstverständlich damit umgehen, daß der Geist der toten Mutter aus dem Kind spricht, oder in der großen körperlichen Anstrenung an Kim Kid-Duk, als der Wunsch der Mutter schließlich erfüllt wird, einen Baum umzupflanzen, um wenigstens ihn über die zwangsweise Umsiedlung zu retten. Dazwischen bietet der Film leider auch klassische Klischees – die Einstellungen sind Totalen, wenn nicht Plansequenzen, zu deren Beginn erst einmal alle eine Minute lang starr stehen und auch später im Dialog jeden Satz durch eine Gedenkpause einleiten. Doch während hierzulande vorsorglich Panik vor dem Schrumpfen der chinesischen Wirtschaft geschürt wird, zeigen all diese Filme deutlich die Verwüstungen an Land und Menschen, mit denen das bisherige Wunderwachstum gepreßt wurde.

 

Cosmina Stratan, aus Jenseits der Hügel noch bestens in Erinnerung, spielt in Shelley eine rumänische Hausangestellte in Dänemark, die sich zur Leihmutterschaft überreden läßt. Im abgelegenen Haus im Wald häufen sich schon bald beunruhigende Träume und mysteriöse Geräusche, und sie fürchtet, daß das Baby sie töten will… Leider erschöpft sich der Film in (gelungenen) Effekten, die aber zusammenhanglos aneinandergereiht werden. Atmosphäre kommt immer wieder auf, doch anders als vom Regisseur behauptet bleibt die Tonspur klischeehaft, und Unterbelichtung ist noch kein Kamerakonzept.

 

Manifesto

Cate Blanchett trifft auf den Monolithen aus 2001 (links) und spricht ein Pop-Art-Tischgebet (rechts).

Parallel zur Belinale zeigt der deutsche Videokünstler Julian Rosefeldt im Museum für Gegenwart am Hamburger Bahnhof bis zum 10. Juli die Installation Manifesto. Die ganz wunderbare Cate Blanchett spricht in zehn immens aufwendig gestalteten Szenen historische künstlerische Menifeste, mal als Arbeiterin in einer Müllverbrennungsanlage, mal als Puppenspielerin, als Punk oder Penner. Die (zweifellos so gewollte) Präsentation wirkt leider recht unglücklich: Alle Videos werden in einem Raum projeziert, so daß sich die Tonspuren vermischen und die teils doch komplizierten Texte kaum verständlich sind; außerdem sind sie so getaktet, daß alle zugleich den deklamatorischen Höhepunkt erreichen. Kostüme, Ausstattung und Inszenierung wirken auch bisweilen überladen. Das ist sehr schade, da doch einige witzige und geistvolle Ideen dahinter stecken, etwa wenn Blanchett als biedere Familienmutter ihren Text als Gebet zum Sonntagsbraten spricht, als Nachrichtensprecherin sich selbst über Konzeptkunst interviewt oder als Grundschullehrerin der Klasse Dogma95 erklärt; Höhepunkt dürfte aber die Grabrede sein, in der sie der Gemeinde Dada um die Ohren haut: „No geography, no history, no philosophy, no anything, nothing, nothing.“ Es wäre schön, die Arbeit als zweistündigen Film – mit Untertiteln – im Kino sehen zu können, oder besser noch als in zehn Teilen als Betthupferl im Fernsehen. (Man wird ja noch träumen dürfen.)

Mein kleines Berlinale-Tagebuch – Tag 3: Dienstag

Das Wetter ist dieses Jahr ja außerordentlich milde für Berlinale-Verhältnisse, geradezu schön: nicht wie in der Tiefkühltruhe, so gut wie kein Regen oder Schnee. (Entgegen des Klischees sind übrigens viele Berliner recht freundlich.)

Sony Center

Das Sony-Center wirkt düsterer als das diesjährige Berlinale-Wetter.

Im Forum (und erst recht im Forum Expanded) findet sich das etwas Abseitigere, das nicht so recht auf den roten Teppich paßt. Hachimiri Madness – Japanese Indies from the Punk Years (damit sind die Achtziger-Jahre gemeint) wird im Arsenal-Kino in der Deutschen Cinemathek gezeigt. Erste Home-Movie-artige Gehversuche von Regisseuren wie Sion Sono, die später unter professionellen Produktionsbedingungen weiterhin wilde Filme machen sollten. In Hanasareru Gang von Nobuhiro Suwa erklären die Darsteller zu Beginn ihre Rolle und die Handlung, die dann wieder und wieder folgen wird. Eine Bonnie-und-Clyde-Geschichte, ganz locker und albern erinnert sie an Zur Sache, Schätzchen aus der wilden Zeit des deutschen Films in den Sechzigern. Ich bin vollkommen taub, erklärt er ihr manchmal mitten im Gespräch.

Wayne Wang ist zurück, und er hat „Beat“ Takeshi Kitano mitgebracht – kann da etwas schief gehen? Irgendwie schon: While the Women Are Sleeping erzählt von einem Schriftsteller in der (Ehe- und Berufs-)Krise, derim Hotel ein seltsames Paar kennenlernt: einen älteren Mann und ein sehr junges Mädchen. Er filmt sie jede Nacht im Schlaf. Eine Obsession entwickelt sich, die Fantasie des Autors springt wieder an, aber Francois Ozon hat sich vor ein paar Jahren in Swimming Pool ganz ähnlich und viel überzeugender mit der Kreativität auseinander gesetzt.

Alexanderplatz

Der alte Alexanderplatz

Greta Gerwig ist inzwischen Pflicht geworden für Festivals. Spätestens seit Frances Ha verbindet sie das Independent-Kino mit dem Mainstream. Rebecca Miller, Tochter von Arthur Miller und Ehefrau von Daniel Day-Lewis, läßt sie in Maggie’s Plan ihre Figur der etwas konfusen Großstadt-Intellektuellen variieren: Maggie will sie sich nicht treiben lassen, sondern ihr Leben fest nach ihren Vorstellungen organisieren, und dazu gehört in ihrer momentanen Lebensphase ein Kind, aber kein Mann. Ein unterhaltsames Liebesdreieck (vielleicht auch -Viereck oder -Fünfeck) ist daraus geworden, mit Ethan Hawke und Julianne Moore in einer endlich mal wieder interessanten Rolle. Das Ganze bleibt freilich noch recht harmlos, doch zumindest kann man neben Julie Delpy mit 2 Tage Paris so langsam die Erben erahnen, wenn Woody Allen so in ein paar Jahrzehnten nicht mehr jedes Jahr einen Film machen wird.

Mein kleines Berlinale-Tagebuch – Tag 2: Montag

Der Videokünstler Omer Fast hat seinen ersten Spielfilm gedreht – Remainder nach dem Debütroman von Tom McCarthy. Die Handlung beginnt altbekannt: Ein Mann verliert nach einem Unfall das Gedächtnis und wird von mysteriösen Gestalten bedrängt. Sehr schön: Sein Anwalt jubelt über die Rekord-Entschädigung, während er in Krämpfen zuckt und um sein Leben fürchten muß. Wie die Hauptfigur dann aber immer verbissener seine, Gedächtnis auf die Sprünge helfen will und mit dem vielen Geld manisch und rücksichtslos die spärlichen Erinnerungs-Fetzen nach-inszeniert, erinnert ein wenig an den großartigen Synecdoche, New York und läßt den Film aus seinem Genre herausragen. Wer sagt, daß das Opfer ein sympathischer, redlicher Mensch sein muß?

 

Generation 14plus Kurzfilme - Regisseure

Jennifer Reeder beim Generation 14plus Kurzfilm-Programm

Nach Oberhausen 2015 ist Jennifer Reeder dieses Jahr auf der Berlinale zu Gast mit ihrem neuen Kurzfilm Crystal Lake, über den sie damals bereits kurz gesprochen hatte. Ein Teenager-Mädchen in der amerikanischen Provinz muß lernen, sich selbst zu behaupten. Reeder erzählt ihre Geschichten zunehmend beiläufig und hat auch ihren Humor behalten, ihre Filme wirken aber immer didaktischer und programmatischer. Dieser Drang zur Belehrung war wohl schon ihren experimentellen Werken zu eigen, in ihren jetzigen konventionelleren Filmen ist er aber viel deutlicher zu spüren. Teenager, die sich in ihrer Freizeit ständig über die Geschichte des Feminismus der letzten Jahrzehnte austauschen, wirken bisweilen arg überfrachtet.

 

Trivisa - Regisseure Jevons Au, Vicky Wong und Frank Hui

Die Regisseure Jevons Au, Vicky Wong und Frank Hui des Films Trivisa

Die Rückgabe Hong Kongs an China hat nebenbei ja auch dem dortigen Kino mehr oder weniger den Todesstoß versetzt. Die schöne Hommage Trivisa an die früheren Gangsterfilme beschäftigt sich auch inhaltlich damit: Die alten Bosse erkennen zu spät, daß die neuen Herren auch die organsisierte Kriminalität gängeln werden. Jeder wählt seinen eigenen Abgrund. Urgestein Johnnie To hat den Film produziert und drei Nachwuchsregisseure jeweils eine Episode drehen lassen, dennoch ist ein stilsicheres Werk aus einem Guß daraus geworden. Am Ende der Vorführung buhte ein Zuschauer, ich habe keine Ahnung, warum.

Mein kleines Berlinale-Tagebuch – Tag 1: Sonntag

Jeden Februar zieht es mich unwiderstehlich nach Berlin – zum Glück kommt man recht gut mit der Bahn hin, denn der Flughafen ist überraschenderweise noch nicht ganz fertig. (Gerüchtweise wird die City Tax erhoben, um die Stromkosten für den Nicht-Betrieb zu bezahlen.)

Grand Hostel

Das gar nicht mal unansehnliche Grand Hostel

Das Programm der Belinale macht schon beim Lesen des Katalogs einiges her. Als Beispiel sei nur die Retrospektive Deutsches Kino genannt. Sie beschränkt sich auf das Jahr 1966 – das ist genau 50 Jahre her, und die Berlinale befindet sich in ihrem 66. Jahr. Deutsches Kino heißt natürlich sowohl BRD als auch DDR, es sind die Klassiker dabei (Katz und Maus, Spur der Steine), aber auch die etwas in Vergessenheit geratenen Regisseure wie Vlado Kristl oder der kürzlich verstorbene Haro Senft sind vertreten. Ein besonderes Angebot sind DEFA-Filme wie Jahrgang 45 oder Karla, die direkt hintereinander in der Original-Fassung (so weit rekonstruierbar bzw. fertig gestellt) als auch in der zensierten Form gezeigt werden. Interessant klingt auch das Kurzfilm-Abend mit Frühwerken von später berühmten Filmemachern.

Kneipe

Willkommen im Raucherlokal 🙂 Aber was ist ein „Cockail“?

Volker Schlöndorff, mit dem jungen Törleß selbst Teil des Programms, und der fast schon legendär zu nennende Drehuchautor Wolfgang Kohlhaase, dessen Berlin um die Ecke gezeigt wird, sprachen über den damaligen Aufbruch des deutschen Films. Im Westen entstand damals der Neue Deutsche Film. (Schlöndorff: „Irgendwann nannte uns jemand so, und wir dachten uns: ‚Oh, dann gehören wir ja zusammen.‘ Wir nahmen das Etikett aber auch an.“) Wolfgang Kohlhaase schüttelt auch noch mit Mitte Achtzig geschliffene Formulierungen aus dem Ärmel. 1966 bekamen so viele DDR-Filme Probleme mit der Zensur, weil der Mauerbau damals eben gerade so lange her war, daß sich die Filmemacher mit seinen Folgen beschäftigten, überlegte er.


Warteschlange

Berlinale heißt for allem anstehen – und sei es mit Ticket in der Hand eine Dreiviertelstunde vor Einlaß

Am Abend war Gérard Depardieu mit The End zu Gast. Der Film besteht hauptsächlich daraus, daß er auf die Jagd geht und sich im Wald verirrt, zunehmend absurde Situationen folgen. Guillaume Nicloux, der Regisseur (Die Entführung des Michel Houellebecq), hat vor Kurzem Valley of Love mit Depardieu gedreht und ist offensichtlich so gut mit ihm befreundet, daß er ihn zu diesem Guerilla-Dreh überreden konnte, bei der er ganz uneitel seine Berg-artige Physis zur Schau stellt und einige Strapazen auf sich nehmen mußte. Eine Verfilmung eines Traums, den er hatte, sagte er nach der Vorführung und verweigerte sich schlauerweise weiteren Erklärungen – mehr gibt der Film irgendwie auch nicht her. Depardieu wirkte freilich glücklich, daß sich ein Film einmal nicht daran erschöpt, einfach eine Geschichte zu erzählen.

Keyhole

Update: Der neue Film von Guy Maddin The Forbidden Room wird am 11. Oktober im Rahmen des Underdox Festivals in München gezeigt.

Sie können diese Filmkritik unbesorgt lesen, ich werde keine entscheidenden Geheimnisse der Handlung verraten.

Guy Maddin hat wieder zugeschlagen. Der Regisseur ist ein großer Liebhaber der alten Schwarz-Weiß-Filme und hat sich nach eigenem Bekunden „schon länger mit den Zwanziger Jahren beschäftigt, als die Zwanziger gedauert haben“. Im Lauf der Zeit hat er sein Können perfektioniert, Filme zu gestalten, wie sie frühere Filmemacher wohl mit den heutigen technischen Möglichkeiten produziert hätten. Er beherrscht die damalige Lichtgestaltung, ist manieriert genug, Bild- und Tonschwächen detailgetreu nachzuahmen, gelangt andererseits mit Vier-, Fünffach-Überblendungen und subversiver inhaltlicher Doppelbödigkeit zu noch ungesehenen Ergebnissen.

Sein The Saddest Music in the World, der relativ große Aufmerksamkeit fand, liegt bereits einige Jahre zurück. Seitdem hat er in erster Linie Kurzfilme gemacht, nun hatte er mit Keyhole wieder die Möglichkeit, ein größeres Projekt zu realisieren. Odysseus ist die Hauptfigur, doch in neuem Gewand als Gangster, der mit seinen Kumpanen in sein altes Haus zurückkehrt, um seine Frau zu holen. Doch er erkennt nicht einmal seinen Bruder wieder und kämpft mit verdrängten Erinnerungen. Geister gehen um, ans Bett gekettet oder als Wasserleiche.

Guy Maddin knüpft mit Keyhole an seine älteren Filmen wie Careful oder Twilight of the Ice Nymphs an – Handlung und innere Logik spielen eine untergeordnete Rolle, stattdessen ergibt sich ein beeindruckend assoziativer Gedanken- und Bilderfluß. Personen und Objekte sind stark symbolisch aufgeladen, nicht zuletzt das Haus selbst, das wie ein Gehirn voll Unbewußtem, verdrängten Erinnerungen und dem gefesselten Über-Ich im Oberstübchen wirkt. Isabella Rosselini und Udo Kier sind wieder dabei, mit beiden hat Guy Maddin schon öfters zusammengearbeitet (etwa in der schönen Hommage My Dad Is 100 Years Old an Rosselinis Vater Roberto); hier haben sich eindeutig verwandte Seelen gefunden. Udo Kier hat sowieso eine einmalige Filmographie aufzuweisen: Hintereinander spielte er nun in Lars von Triers Melancholia, der Extrem-Horror-Kompilation The Theatre Bizarre, eben Keyhole, dem chinesischen UFO in Her Eyes und der Nazi-Groteske Iron Sky, ein breiter gefächertes Oeuvre ist kaum vorstellbar.

Guy Maddins Filme sind letztlich eine Geschmacksfrage, manche begeistern sie, manchen gehen sie auf die Nerven. Sich Keyhole anzusehen und festzustellen, zu welcher Gruppe man gehört, ist aber auf jeden Fall ein Erlebnis. Fortwährend durch das Haus irrlichternde Schatten, Ergebnis einer gewiß aufwendigen Lichtsetzung, machen daraus einen ganz besonderen Geisterfilm.

Meine IMDb-Bewertung: ******* (7 von 10)

Keyhole, Canada, 2011, 94 min.

Regie: Guy Maddin

Drehbuch: Guy Maddin, George Toles

Kamera: Benjamin Kasulke

Darsteller: Jason Patric, Isabella Rossellini, Udo Kier

Chained

Sie können diese Filmkritik unbesorgt lesen, ich werde keine entscheidenden Geheimnisse der Handlung verraten.

Jennifer Lynch ist die Tochter von David Lynch, aber als Filmemacherin eine völlig eigenständige Persönlichkeit. Wenn es überhaupt eine Ähnlichkeit zwischen ihren Filmen und denen ihres Vaters gibt, dann einen gewissen Hang zur Perversion. Mit ihrem Debut Boxing Helena sorgte sie für einen solchen Skandal, daß 15 Jahre bis zu ihrem zweiten Film vergehen sollten, und eine Frauenrechtsorganisation verstieg sich damals allen Ernstes zu der Behauptung: „Diese Frau sollte niemals Kinder bekommen dürfen.“

Ihren zweifelhaften Ruf wird Jennifer Lynch wohl niemals mehr loswerden (auch wenn sie inzwischen Kinder hat), und man darf auch weiterhin keine familienfreundlichen Komödien von ihr erwarten. Sie liebt es einfach, die Grenzen menschlicher Normen zu überschreiten, da wirkt ein Serienmörderfilm wie Chained auf den ersten Blick geradezu etwas gewöhnlich. Freilich nimmt hier der gestörte Frauenmörder den kleinen Sohn eines seiner Opfer in Obhut und beginnt, ihn nach seinen Maßstäben zu erziehen. Und das größte Monster ist am Ende der Dritte im Bunde.

Vincent D’Onofrio ist recht beeindruckend als Killer. Hinter seiner massigen Gestalt, einen langsamen Bewegungen und dem leichten Sprachfehler kann man die vielen Schäden erkennen, die seine Seele deformiert haben. Nun versucht er, seinen Frieden in einem einfachen Leben zu finden, „he’s but a humble killer“ sozusagen. Auch Evan Bird und Eamon Farren als Entführungsopfer in verschiedenem Alter leisten ordentliche Arbeit. Die Regisseurin sagt, sie besetze Rollen danach, mit welchen Schauspielern sie sich gut versteht und kommunizieren kann – nicht die schlechteste Methode, wie das Ergebnis zeigt.

Jennifer Lynch hat eine Cameo-Rolle als trashige TV-Köchin mit Zigarette im Mundwinkel, ihre Tochter eine als in Plastik gewickelte Leiche, die in den Keller geschleift wird. Bei ihren öffentlichen Auftritten ist sie so unverwüstlich gut gelaunt, daß man sie manchmal vor ihren eigenen Äußerungen schützen möchte, wenn sie zum Beispiel ihren Hauptdarsteller lobt: „Vincent D’Onofrio war so sexy, fast wie eine Vergewaltigungs-Fantasie.“

Ja, sie schießt gerne über’s Ziel hinaus, auch in diesem Film. Die Wohnung des Mörders soll nach ihrer Aussage gemütlich wirken, die Einrichtung verbreitet eher ein unbehagliches Gefühl. Die Lampen erinnern tatsächlich ein wenig an David Lynch: Sie beleuchten nichts außer sich selbst. 30 Tote sollen es im Lauf der Zeit geben, es wirkt nach viel mehr. Man wundert sich nicht, daß Chained in den USA NC-17 bekam, die strengste Altersfreigabe – nur die Begründung ist erstaunlich: ein Kehlen-Schnitt (übrigens der einzige im Bild gezeigte Mord), da zeigt jeder zweite Popcorn-Actionfilm Schlimmeres.

Und das ist nicht das einzige Problem: Das Ende wurde von den Produzenten so stark gekürzt, daß es nun weitgehend unverständlich ist, was den Film natürlich stark beschädigt. Auch die Tatsache, daß Jennifer Lynch Chained für nur 700.000 Dollar in unglaublichen 15 Tagen gedreht hat, zeigt, daß sie unter erschwerten Bedingungen arbeiten muß. Man kann nur hoffen, daß sie eines Tages einen Weg finden wird, ihre Visionen so elegant umsetzen zu können wie ihr Vater.

Meine IMDb-Bewertung: ******* (7 von 10)

Chained, USA, 2012, 98 min.

Regie: Jennifer Lynch

Drehbuch: Jennifer Lynch und Damian O’Donnell

Kamera: Shane Daly

Darsteller: Vincent D’Onofrio, Eamon Farren, Evan Bird

Ich habe doch nichts getan – Oberhausen 2015

61. Internationale Kurzfilmtage Oberhausen
30. April bis 05. Mai 2015

Kurzfilmtage Oberhausen 2015 - Lichtburg

„Aber ich habe ihm doch nichts getan, ich habe ihm nichts angetan!“, jammert der Mann mit den auffälligen Gesichtszügen. Er stellt Judas dar. Gleich wird er sich eine Ku-Klux-Klan-artige Kapuze überziehen und mit seinen Kompagnons die große Holzfigur auf einem Lastwagen durch die Straßen fahren, um den Verräter symbolisch zu verbrennen.

Es ist keine schöne österliche Tradition, die sich der spanische Regisseur David Pantaleón für La pasión de Judas / The Passion of Judas ausgesucht hat, wird hier doch ganz unchristlich die Rache zelebriert. Seine Wirkung entfaltet der Film aber vor allem, da er den Brauch nicht einfach dokumentiert hat: Eine Laientruppe von Menschen mit Handicap inszeniert ihn sozusagen öffentlich, in klar gesetzten Bildern fotografiert. Dafür wurde er von der Ökumenischen Jury, bestehend aus den Medienpädagogen Theresia Merz und Eberhard Streier, dem Vizepräsidenten von Signis Europa, Théo Peporte, und dem Filmemacher Franz Indra, ausgezeichnet.

Die Ökumenische Jury (v.l.n.r. Eberhard Streier, Franz Indra, Theresia Merz und Théo Peporte)

Die Ökumenische Jury (v.l.n.r. Eberhard Streier, Franz Indra, Theresia Merz und Théo Peporte)

Leicht fiel darüber hinaus die Wahl für die Kaufempfehlung eines Kinder- oder Jugendfilms: Tisina Mujo / Der stille Mujo von Ursula Meier ist ein Film, in dem alles paßt: die überraschende Wendung vom Fußballplatz zum Friedhof, wo der verschossene Ball gesucht werden muß; die beiläufige Verortung im heutigen Sarajewo; die akzentuierte Bildsprache; der wortkarge Dialog auf Augenhöhe zwischen Trauernder und Kind.

Freilich gab es im Internationalen Wettbewerb eine Vielzahl weiterer bemerkenswerter Werke, die eine erstaunliche Bandbreite abdeckten. Diese begann bei mit sehr genauem Blick gedrehte Studien; beispielhaft genannt seien hier Renunciation von Ieva Epnere aus Lettland, in dem ein Pfarrer und zwölf Bäuerinnen sorgsam ihre Trachten anlegen, bevor sie in die Kirche gehen und gemeinsam singen, Earth and Shape des kasachischen Regisseurs Alexander Ugay, der halb heruntergekommene auf futuristische Architektur treffen läßt und mit ihr das heutige Leben auf das alte Olympia, sowie Paradies, in dem der Schweizer Max Philipp Schmid einen auch inszenatorisch von feinem Humor durchzogenen Blick auf das Kleingärtner-Glück hinter hohen Hecken und Zäunen wirft. Weiter ging es über visuelle Vignetten wie Panchrome I, II, III von T. Marie aus den USA oder Haus und All der Österreicherin Antoinette Zwirchmayr zu klassischen Animations- und Experimentalfilmen, etwa Descent von Johan Rijpma aus den Niederlanden oder Love Me der Kanadierin Barbara Sternberg, der nur aus Text besteht. Schließlich gab es auch geradezu erbarmungslose autobiographische Analysen. Im mit dem Hauptpreis ausgezeichneten Film 32 and 4, verfolgt Chan Hau Chun mit der Kamera ihre schon lange getrennt lebenden Eltern in deren winzige Wohnungen in Hong Kong. My Mommy aus Norwegen zeigt die Therapie-Sitzung einer als Kind mißbrauchten Frau – der Film endet mit einem schrecklichen Kameraschwenk auf den beobachtenden Regisseur, ihren Sohn.

Die Preisträger

Die Preisträger

Umgekehrt trafen die Jurys bei der stattlichen Anzahl von Preisen auch Entscheidungen, mit denen man nicht unbedingt einverstanden sein muß – allerdings wäre bei dieser Auswahl nichts irritierender gewesen als einheitliche Urteile. Oberhausen bleibt sich treu, im besten Sinne. Das nach eigener Auskunft älteste Kurzfilmfest der Welt hat weiterhin viele Filme im Programm, die zu zeigen sich andere Festivals nicht trauen würden: zu experimentell, zu wenig zugänglich, zu „schwierig“. Hier kann man halbstündige Filme ohne Dialog sehen, abstrakte Bildkompositionen (mit oder ohne Computer erzeugt), Einblicke in fremde Innenwelten und auch ein paar einfach bizarre Stücke. Bei den Kurzfilmtagen ist tatsächlich der narrative Film der Exot.

Über 500 Filme in knapp 60 Blöcken – trotz sieben (!) Zeitschienen wurden nur die wenigsten Programme wiederholt, was sicher auch an den begrenzten Räumlichkeiten liegt. Neben den drei Wettbewerben, den Kinder- und Musik-Reihen gab es gleich fünf Retrospektiven, Programme von Verleihern und aus verschiedenen Archiven und viele Specials. Man würde den Kurzfilmtagen fast ein wenig mehr Beschränkung wünschen. Mit dieser Fülle hätte man problemlos eine weitere Woche bespielen können; so mußte man einiges verpassen, was das Interesse geweckt hatte. Godard im 3D-Programm, Jennifer Reeder, der deutsche Wettbewerb, das Super8-Fühwerk von Derek Jarman (ganz zu schweigen von den Diskussionsveranstaltungen), es war einfach zu wenig Zeit.

Festivalleiter Lars Henrik Gass hat die 61. Auflage der Kurzfilmtage gewohnt souverän gemeistert, nichts merkte man von kurz erwähnten katastrophalen Ausfällen wenige Wochen vor Festivalbeginn. Eher kann man den Eindruck gewinnen: Bürgermeister kommen und gehen, Gass bleibt. Und für den in der Abschlußrede wie nebenbei erwähnten Vorschlag, ein schon lange leer stehendes Kino als weitere Veranstaltungsstätte zu reaktivieren, wünschen wir viel Glück!

Oberhausen bei Tag...

Oberhausen bei Tag…


... und bei Nacht! :-)

… und bei Nacht! :-)

Berlinale 2015 – Video-Nachlese

Anbei ein paar Aufnahmen, die ich im Fan-Modus mit der Touristen-Kamera gefilmt habe – inklusive Gewackel, Köpfen im Weg und sinnlosen Schnitten.

Alle Videos finden sich auf meinen Seiten bei Vimeo bzw YouTube.

Ein Blick in die Statistik…

… zeigt mir, daß meine Seiten 2014 3.000-mal besucht wurde. Gegenüber 2013 (1.900 Besuche) ist das mal locker eine Steigerung um 50 Prozent. Dankeschön!

Die meisten Besucher kommen natürlich aus Deutschland, aber auch Brasilien ist weit vorn. Oha! Gibt es da Fans, von denen ich nichts weiß? 🙂

Die Auswahl der beliebtesten Beiträge läßt Rückschlüsse darüber zu, wofür das Internet weiterhin am meisten benutzt wird: 2014 waren das meine Filmkritiken zu Nymphomanic und Nymphomaniac II, dicht gefolgt vom Spitzenreiter 2013, der zu Feuchtgebiete. Rätselhaft dagegen ist folgender Suchbegriff, mit dem ein Leser meine Seiten fand: „römische götter zeichentrick pornos“…

Einige Filme bei der Short-O-Mania

Die Kurzfilmsendung Short-O-Mania des Filmboard Karlsruhe zeigt im August und September einige meiner Kurzfilme:

  • Lange Schatten am Mittwoch, den 27. August, ab 14:27 Uhr im stündlichen Takt
  • Eddy hat Besuch am Freitag, den 29. August, ab 14 Uhr im stündlichen Takt
  • Carls Schwester am Freitag, den 12. September, ab 14 Uhr im stündlichen Takt

Ich freue mich über die Ausstrahlung und wünsche Short-O-Mania weiterhin viele Zuschauer!

Snake Dance

Sie können diese Filmkritik unbesorgt lesen, ich werde keine entscheidenden Geheimnisse der Handlung verraten.

Die Atombombe konnte nur in die Welt kommen durch einen gewaltigen Kraftakt der größten Physiker ihrer Zeit. Das Werkzeug zur endgültigen Selbstzerstörung, ein Triumph von Zivilisation und Genie. Dieses geradezu lehrbuchhafte Beispiel menschlicher Hybris droht so langsam aus dem kollektiven Bewußtsein wegzudämmern, da kommt Snake Dance gerade recht, ein Film, der um das unheilige Geschehen herummäandert und es aus ungewohnten Blickwinkeln betrachtet.

Zwei Orientierungsmarken gibt es dabei: Aby Warburg und Los Alamos. Der inzwischen einigermaßen vergessene Hamburger Kunsthistoriker Warburg, eigentlich ein Mitbegründer der Ikonographie, die untersucht, wie unterschiedliche Kulturen mit Bildern umgehen, wirkt fast wie ein Deuter für das Kino, das ungefähr zur gleichen Zeit entstand. Sein Lebensweg strukturiert den Film. Los Alamos, der spirituelle Ort, ist der Fixpunkt, zu dem der Film immer wieder zurückkehrt. Hier studierte Warburg das Schlangenritual der Hopi-Indianer, das die Versöhnung mit der Erde anstrebt; Jahrzehnte später heilte er sich durch die Arbeit an seinen Aufzeichnungen tatsächlich selbst aus einer Depression, die ihn bereits ins Sanatorium geführt hatte. Auch Robert Oppenheimer kurierte in Los Alamos seine Depressionen aus und wählte den Ort später für die jahrelange, abgeschiedene Arbeit an der Atombombe – wegen des schönen Ausblicks.

Snake Dance bezieht klar Stellung, ohne zu agitieren, das ist auch gar nicht nötig. Patrick Marnham und Emmanuel Riche teilen sich offiziell die Aufgaben, wobei Marnham das inzwischen erschienene Buch „Snake Dance: Journeys Beneath a Nuclear Sky“ schrieb, während Riche Regie geführt hat. Eine große Ruhe liegt über der Szenerie, die Interviewpartner bekommen ihre Zeit auszureden. Dies ist eine Dokumentation über die Atombombe und das Schlangenritual, ohne eine Explosion oder eine Schlange zu zeigen. Überhaupt werden keine Archiv-Aufnahmen verwendet, für Emmanuel Riche schaffen die nur eine falsche Sicherheit: Der Zuschauer hat das Gefühl, das habe ich schon mal gesehen, ich weiß Bescheid.

Hin und wieder stören handwerkliche Mängel. Viele Personen im Film reden ein recht schlechtes Englisch, das seltsamerweise wortwörtlich mit allen Fehlern in den Untertiteln übersetzt wird, einmal wird sogar ein Kamerafehler ohne ersichtlichen Grund nicht herausgeschnitten. Auch sieht man Patrick Marnham ein paar Mal telefonieren, vergeblich versucht er gegen den Straßenlärm anzureden, es ist nicht ganz klar, warum das im Film ist.

Der Anstoß für die beiden belgische Filmemacher war die überraschende Erkenntnis, daß das Uran für die erste Atombombe aus Belgisch-Kongo kam, wo sich ein anderes unheilvolles Kapitel der Menschheitsgeschichte abgespielt hat. So schließt sich nach einem Dreh auf vier Kontinenten der Kreis in Fukushima, wo ein greiser Augenzeuge entsetzt sagt: Nach dem Tsunami sah es aus wie in Hiroshima.

Meine IMDb-Bewertung: ******* (7 von 10)

Snake Dance, Belgien, 2012, 77 min.

Drehbuch und Regie: Patrick Marnham, Emmanuel Riche

Kamera: Renaat Lambeets

Tramper – Time to Time

Aus letztem Herbst stammt dieses Musikvideo von Tramper. Wir haben zu dritt recht entspannt im Stadtpark gedreht. Den Zeitlupen-Effekt haben wir erzeugt, indem wir beim Drehen die Musik beschleunigt abgespielt haben.

„Lange Schatten“ beim Open-Air-Sommer-Kurzfilmfestival AeroeShortFilm

Lange Schatten wird beim neuen Open-Air-Sommer-Kurzfilmfestival AeroeShortFilm in Ærøskøbing auf der dänischen Insel Ærø gezeigt.

Die Festivalprogramme laufen bis Ende Oktober – immer dann, wenn die Ærøaner und das Wetter es für gut befinden 🙂

A Single Shot

Sie können diese Filmkritik unbesorgt lesen, ich werde keine entscheidenden Geheimnisse der Handlung verraten.

Ein Mann geht im Wald auf die Jagd, schießt auf ein Reh, trifft stattdessen eine junge Frau, sie stirbt sofort. Bei ihr findet er eine Tasche voller Geld. Ab da geht es bergab.

Spätestens seit Drive ist in Hollywood ein Noir-Revival in vollem Gange, mit besonderem Augenmerk auf den Appalachen, siehe Killer Joe und vor allem natürlich Winter’s Bone. Die Landschaft und die Menschen darin haben nichts mit dem 21. Jahrhundert und modernen westlichen Werten zu tun, sie wirken wie ein Blick in die Vergangenheit, außerhalb der Zivilisation – der Wilde Westen, nur mit besseren Waffen, Pick-Ups und Handys. Eine ganze Gesellschaft versinkt in Armut und billigen Drogen, der Urlaub auf Hawaii (quasi dem Gegenpol innerhalb der USA) bleibt ein ferner Traum.

Gedreht wurde aus Kostengründen in Vancouver, was man aber nicht merkt. Die Schauspieler sprechen so hingebungsvoll den gewünschten Slang, daß das Publikum in London bei Test-Screenings tatsächlich Untertitel brauchte. Laut Regisseur handelt es sich bei A Single Shot um einen Independent-Film, in Europa wäre er eine Großproduktion.

Die Handlung erfüllt die Genre-Erwartungen, die Atmosphäre stimmt, das Bild ist schon fast zu dunkel. Matthew F. Jones, der vor 17 Jahren den zugrunde liegenden Roman schrieb, hängt sich bei seiner Drehbuch-Adaption aber leider allzu sehr an der Plot-Konstruktion auf. Die Musik übertreibt ihre Dramatik manchmal so weit, daß sie albern wirkt, und auch bei der Bildsprache gehen der Symbolik manchmal die Pferde durch – dann ist sie wieder großartig. Schade, aus dem sehenswerten hätte ein bemerkenswerter Film werden können.

Meine IMDb-Bewertung: ******* (7 von 10)

A Single Shot, USA/Kanada/Großbritannien, 2013, 116 min.

Regie: David M. Rosenthal

Drehbuch: Matthew F. Jones nach seinem gleichnamigen Roman

Kamera: Eduard Grau

Darsteller: Sam Rockwell, Jeffrey Wright, Kelly Reilly, William H. Macy

Nymphomaniac: Volume II

Sie können diese Filmkritik unbesorgt lesen, ich werde keine entscheidenden Geheimnisse der Handlung verraten. Meine Kritik zu Teil 1 finden Sie hier.

Die Aufteilung in zwei getrennte Kritiken war nur dem großem zeitlichen Abstand der Kino-Starts geschuldet. Dies ist kein Kill Bill, bei dem Quentin Tarantino beide Teile möglichst unterschiedlich gestaltet hat, sobald klar war, daß der Stoff für einen Film zu viel wird. Nymphomaniac: Volume II setzt nahtlos an, wo Nymphomaniac aufgehört hat, beide Filme sind völlig homogen und eigentlich am besten als double feature zu sehen.

Der Reigen wird also fortgesetzt, immer mehr alte Bekannte aus Trier-Filmen tauchen auf, Willem Dafoe, Jean-Marc Barr und natürlich der omnipräsente Udo Kier – leider ist er nur kurz in einer Szene zu sehen, aber Udo Kier dürfte sich inzwischen immer mehr der ununterbrochenen Schauspielerei annähern und hat dann eben nicht die Zeit für viele Drehtage.

Joe darf ein paar Mal recht gelassen ihre umfassende sexuelle Menschenkenntnis ins Spiel bringen, gegenüber ihrem spröden Publikum Seligman etwa oder einem säumigen Schuldner. Sie gerät in eine tiefe Lustkrise und befreit sich wieder aus ihr. Sehr schön ist der Moment, in dem sie versucht, alles Stimulierende aus ihrer Wohnung zu entfernen: Es bleibt ein weißer, in Folie verpackter Raum. Allemal hilfreicher als die heuchlerische Selbsthilfegruppe, bei der einem die eigenen Wörter vorgeschrieben werden, erweist sich die S/M-Therapie. Wie im Wartezimmer eines Arztes sitzen die Frauen mitten in der Nacht im Keller und sehnen voller Furcht den Moment herbei, in dem sich die Tür öffnet und sie aufgerufen werden… Die folgenden Szenen hat man so nüchtern und voll trockenen Humors noch nicht gesehen.

Am Schluß singt Joe ein Hohelied auf alle Pädophile, die ihre Veranlagung ein Leben lang verleugnen – auch das ist typisch Lars von Trier. Insgesamt scheint es jedoch, als wünsche er, daß dieses eine Mal der Blick nicht durch trotzige, von der political correctness bereitwillig mißverstandene Provokationen versperrt wird. Die Szenen aus Joes früher Kindheit in Teil 1 sind geradezu augenfällig zurückhaltend inszeniert, damit nur ja nicht der Anschein von Kinderpornographie entsteht: Darum geht es nämlich überhaupt nicht.

Nymphomaniac und Nymphomaniac: Volume II bilden Abschluß der sogenannten Depressions-Trilogie, nach dem grimmigen Antichrist und dem unvergeßlichen Melancholia ein fast schon heiterer Ausklang, trotz des Blickes des Vaters im Krankenhaus. In einer Variation der Anfangsszene aus „Antichrist“ wird die Hinwendung zur Hoffnung ausdrücklich betont. Man kann für von Trier hoffen, daß sich daran seine Bewältigung der eigenen Depressionen spiegelt. Charlotte Gainsbourg, die in all diesen Filmen eine wichtige, meistens sogar die Hauptrolle, gespielt hat, hat schon das Ende ihrer Zusammenarbeit angedeutet – sie hat alles gegeben, welche weiteren Figuren sind noch vorstellbar? Das Ende, das ist dann aber doch ein wenig der Konvention verhaftet: Wenn man im ersten Akt eine Pistole sieht…

Meine IMDb-Bewertung: ******** (8 von 10)

Nymphomaniac: Volume II, Dänemark/Deutschland/Frankreich/Belgien/Großbritannien, 2013, 123 min.
Regie: Lars von Trier
Drehbuch: Lars von Trier
Kamera: Manuel Alberto Claro
Darsteller: Charlotte Gainsbourg, Stellan Skarsgård, Stacy Martin, Jamie Bell, Shia LaBeouf, Willem Dafoe, Jean-Marc Barr, Udo Kier

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